Doppelt dumm

von Alexander Kissler13.11.2012Innenpolitik

Witzeleien über einen Mord, Krankheitswünsche für den politischen Gegner: Ist das linke Denken auf den Hund gekommen?

Als ich studierte, schien mir der Satz „Der Geist steht links“ überzeugend. Ich las Adorno, Balázs, Benjamin und lernte viel. Auch Deleuze und Derrida machten mich nicht dümmer. Und doch gab es eine Kuriosität: Ging ich vorbei am „AStA“-Zimmer, bei den Kommilitoninnen und Kommilitonen, die mir ob solcher Lektüre gerne die Hand schüttelten, sah ich bizarre Gestalten. Man traf sie fast nur dort, selten in den Vorlesungen und Seminaren, obwohl sie in der Regel dieselben Fächer studierten. Sie hatten oft diesen schlurfenden Gang und diesen fallweise stechenden Blick und fast immer diese betont verwaschenen Hemden und diese Freude am Unrat. All das störte mich kaum, es war ja ihr Zimmer, das „AStA“-Zimmer – und soll man nicht Menschen nach ihrem Geist beurteilen, nicht nach der Façon?

Es ist diskursfähig, dem Gegner einen Schlaganfall zu wünschen

Daran musste ich denken, als ich las, worüber der „AStA“ der Hamburger Universität gerne lacht – über die Ermordung des einstigen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF. Die brutale Gewalttat von 1977 ist dem Hamburger „Allgemeinen Studierendenausschuss“ Anlass für ein zynisches Witzlein. Im „KalendAStA 2012/2013“ steht unter dem Datum 18. Oktober der Satz: „Mit seinem Tod schafft Hanns Martin Schleyer die Voraussetzung für die nach ihm benannte Mehrzweckhalle in Stuttgart.“

Ein schlimmeres Verbrechen als ein Mord, zudem zum „Tod“ relativiert, ist nicht zu denken. Derber kann man sich nicht im Ton vergreifen, als wenn man mit einer solchen Menschenverachtung Spott treibt und für diesen Spott die Beiträge der Studenten einstreicht. Der Hamburger „AStA“ tötet den Ermordeten noch einmal, lässt die Erinnerung an ihn untergehen im Orkus eines menschenfeindlichen Jokus. Woher kommt dieser linke Menschenhass? Aus der festen Überzeugung, trotz absoluter Minderheitenposition, das einzig Richtige zu denken? Will man, weil man die schwindende Attraktivität radikallinker Positionen spürt, sich wenigstens im Vernichtungsfuror aus Rechtgläubigkeit nicht überbieten lassen? Will man, weil PDS/Linke und KPD/ML dümpeln, gleich zum Stalinismus überspringen? Ist es ein Maulheldentum der Abgehängten?

Dieselbe Frage stellt sich mir nach der neuerlichen Entgleisung eines „taz.de“-Redakteurs. Es ist derselbe „taz.de“-Redakteur, der im Februar 2012 Joachim Gauck einen

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