Konzil und Kirchenreform | The European

Ich, Küng

Alexander Kissler9.10.2012Gesellschaft & Kultur

Der Theologe und Autor Hans Küng instrumentalisiert das II. Vatikanische Konzil zu persönlichen Zwecken. Höchste Zeit für einen Gang zu den Quellen – und eine Widerrede.

d74a05020c.jpeg

gettyimages

Übermorgen beginnt die katholische Kirche ihr „Jahr des Glaubens“. Es soll der Neuevangelisierung der Gegenwart dienen und der Erinnerung an das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren eröffnet wurde: ein geschicktes Doppel. Der Verlust von Glaubenswissen und der Kollaps der Glaubenspraxis in den westlichen Ländern ereigneten sich nämlich parallel zu den Konzilsnachwehen, wie sie andauern bis heute. Wurde das letzte Konzil falsch gedeutet oder wies es falsche Wege? Diese Frage ist offen.

Nicht für Hans Küng. Der Theologe aus Sursee hat sich ein beneidenswert aufgeräumtes Oberstübchen bewahrt. Nach bester alteuropäischer Weise ist da drinnen alles geharkt und geschichtet und zugeteilt, ein für alle Mal. Die Wahrheiten kommen ins Töpfchen mit der Aufschrift „Ich, Küng“, der schäbige Rest wandert ins Kröpfchen, als „Nicht-Ich“. Wir müssen uns die Denkwelt des belesenen Innerschweizers wie einen Spiegelsaal vorstellen mit tausend Bildern und einer Figur, ein ewiges Sanssouci.

Der Papst und die Liliputaner

Nach dieser Weise hat der Weltethiker nun “im „Interview der Woche“ mit dem Deutschlandfunk die Geschichte des letzten Konzils erzählt”:http://www.dradio.de/dlf/sendungen/idw_dlf/1883585/, die wie jede Geschichte, die er erzählt, seine Geschichte ist. Küng weiß Bescheid. So also ist es gewesen: Es gab da „die konziliare Mehrheit, die überwältigend war,“ und als fiesen Widerpart „die Maschinerie der Kurie“. Das Konzil wollte voran, die Kurie bremste. Das riesige Konzil wollte Fortschritt, die winzige Kurie Rückschritt. Und Held des Konzils war kurioserweise der Chef der Kurie, Johannes XXIII., Küng zufolge „der größte Papst des 20. Jahrhunderts (…); eigentlich seit der Reformation ist nie so etwas Konstruktives geschehen wie die fünf Jahre Johannes XXIII., die er mit dem Konzil zusammen erreicht hat“.

Küng zeichnet den antikurialen Kurienchef übergroß, damit die Nachfolger wie Liliputaner erscheinen. Sie müssen in Küngs Welt um ihre Eigennamen bangen. Johannes Paul II. ist für Küng „der polnische Papst“, Benedikt XVI. entsprechend „der deutsche Papst“, Finsterlinge beide. Johannes XXIII. – so Küng – habe gesagt, „es nützt doch nichts, einfach immer die alten Lehren, die wir kennen, zu wiederholen. Es müsste eben da ein Schritt voran gemacht werden.“ Was aber tue nun – so Küng – Benedikt XVI.? Er favorisiere – so Küng – „die lateinische Messe“, neige zu „dem alten Prunk und Protz“ und züchte sich „einen völlig uniformen Episkopat“ heran.

Fragen wir die Akten. Der Surseer beruft sich auf die Eröffnungsansprache Johannes’ XXIII. vom 11. Oktober 1962. Keineswegs findet sich in dieser die Formulierung, die „alten Lehren“ nützten nichts. Ganz im Gegenteil: Johannes XXIII. nannte als Ziel des Konzils, „die katholische Lehre rein und unverkürzt zu übermitteln, ohne Abschwächungen oder Verfälschungen“. Die „Hauptpunkte der kirchlichen Lehre“ sollten nicht eigens behandelt werden – nicht aber, weil sie zu bekräftigen nichts nutze, sondern weil Johannes XXIII. sie als „wohlvertraut“ voraussetzte. Er wollte die alte kirchliche Lehre, als deren Bezugspunkte er ausdrücklich das Tridentinum (1545 bis 1563) und das Erste Vatikanum (1869/70) nannte, „in ihrer ganzen Fülle und Tiefe“ bestätigen. Er wollte die „sichere und beständige Lehre“, der zuzustimmen katholische Pflicht sei, so vertiefen und darlegen, „wie unsere Zeit es verlangt“. Das also war der „Schritt voran“ des Roncalli-Papstes: ein Wandel der Form, nicht der Substanz der Verkündigung. Sämtliche Dogmen blieben unangetastet, keine einzige Disziplin wurde gelockert. Alles, was Küng seit Jahrzehnten herbeifabuliert zwischen Geschiedenenpastoral und Zölibatsdebatte und Sexualpolitik findet keinerlei Basis im Lehramt des größten Papsts des 20. Jahrhunderts. Küng fälscht Johannes rückwärts.

Lästige Quellen

Jener „Prunk und Protz“, den der Schweizer jetzt Benedikt vorwirft, ist eine Petitesse gegenüber dem Stil- und Formbewusstsein Johannes’ XXIII., der sich bekanntlich im Sessel in den Petersdom tragen ließ. Johannes XXIII. war es auch, der den Wunsch des deutschen Kardinals Döpfner scharf zurückwies, die Heilige Messe zu Beginn der Konzilssitzungen abzuschaffen und an den Sitzungen in legerer Kleidung statt festlichem Ornat teilnehmen zu dürfen. Die Festgewänder blieben, die Messen blieben auch, denn, so Johannes XXIII., das Konzil habe „vielleicht mehr Gebet als Denken nötig“. Und Johannes XXIII. lehnte ferner in einem Apostolischen Schreiben Ende 1961 die Landessprache in den Messen ab. Es müssten „das königliche Zepter und die edle Herrschaft der lateinischen Sprache“ lebendig gehalten werden. Latein, bekräftigte er Anfang 1962 in einer Apostolischen Konstitution, sei die „lebende Sprache der Kirche“. Als solche müssten ihr Gebrauch und ihr Studium „immer mehr befördert (…) werden (…), und wo sie gleichsam in Vergessenheit geraten sind, soll man sie vollständig restituieren“ – vollständig. Im Gegensatz zu Benedikt XVI. favorisierte Johannes XXIII. wirklich die lateinische Messe. Er kannte keine andere.

Vermutlich ist der Gang zu den Quellen eine lästige Übung für den, der alles ganz aus sich zu schöpfen vermag. Zumindest lässt uns Hans Küng über den Autor seines persönlichen Credos nicht im Unklaren. Sein vorletztes Buch hieß völlig zu Recht „Was ich glaube“.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland verspielt außenpolitisches Vertrauen

Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas. Der russische Angriffskrieg zwingt die NATO und die EU dazu, die Bewahrung von Frieden und Freiheit in dem Teil Europas, in dem wir das große Glück haben zu leben, wieder zur vorrangigen politischen Priorit

Stirb, weil Du den Islam kritisierst

Nach dem Attentat auf den Salman Rushdie ist die westliche Intellektuellenszene schockiert. Viele Schriftsteller und Karikaturisten haben schiere Angst, dass auch sie von den Schergen Irans verfolgt werden, sollten sie etwas Islamkritisches veröffentlichen. Ein Klima der Furcht und Selbstzensur bre

Woke sein ist ok – wenn man es denn wirklich ist!

Der rechtskonservative Kongress in Texas, bei welchem unter anderen auch der ungarische Ministerpräsident Orbán eine Rede gehalten hat – hat deutlich gezeigt, dass die Rechtspopulisten etwas geschafft haben, wozu die gesellschaftspolitische Linke nicht im Geringsten in der Lage ist: eine globale

Mehrheit will keine Maskenpflicht mehr

In den vergangen beiden Jahren 2020 und 2021 war der Kampf gegen die Corona-Pandemie das maßgebliche Thema. Die Mehrheit der Bürger sprach sich für strenge Maßnahmen aus. Im laufenden Jahr hat aber nicht nur die Angst um den Frieden in Europa, sondern auch um die Versorgung mit Energie - beides

Der CumEx-Kanzler bald Ex-Kanzler?

Olaf Scholz wird mit voller Wucht von einem alten Skandal eingeholt. Die Details der Hamburger Finanzaffäre werden immer brisanter. Dabei sind die Umfragen für den Kanzler wie für die SPD ohnedies miserabel. Die Linkspartei sieht Scholz schon stürzen. Tatsächlich ist die Ampelregierung alles an

Merkel vor Kohl: So werden die Kanzler seit der Wiedervereinigung bewertet

Von 1998 bis 2005 war Gerhard Schröder Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er führte eine rot-grüne Koalition. Wenn man heute fragt, welcher Bundeskanzler seit der Wiedervereinigung die Interessen Deutschlands am besten vertritt oder dies getan hat, belegt Alt-Kanzlerin Angela Merkel (38 Proz

Mobile Sliding Menu