Freue dich, du Deutschland

von Alexander Kissler2.10.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Trotz Routine und Politklamauk: Der Tag der Deutschen Einheit ist
Grund zur Freude. Es lohnt sich, die Gläser zu heben, obwohl
Deutschland eine große Wunde geblieben ist.

Wieder einmal ist es 3. Oktober, die Fahnen werden nach oben gekurbelt, die Bänder stehen still, Deutschland soll sich feiern. Bundespräsident und Bundeskanzlerin laden diesmal nach München. Seit Tagen ist die Leopoldstraße gesperrt. Deutschland trudelt ein mit Ständen und Bühnen, Musik und Fettgebackenem. Ein buntes, ein frohes Fest soll es werden, doch nach derlei Lustbarkeit ist längst nicht allen nicht jedes Jahr so punktgenau zumute: Deutschland, ein Problem, eine Wunde, ein Staat nur? In Edgar Reitz‘ nicht genug zu rühmender „Heimat“-Trilogie beginnt die letzte Serie im Jahr des Mauerfalls. Die erste Episode heißt „Das glücklichste Volk der Welt“. Schon im Film ist es ein Zitat, aus dem Munde des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Walter Momper: „Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt.“ Die Silvesterraketen erhellen den Himmel über dem Hunsrück, bitter kalt ist es am 31. Dezember 1989, die Zukunft ist verschlossen wie eh und je. Ob sich so viel ändern wird?

Am Fremden wie am Eigenen kann Deutschland irr gehen

Heute wissen wir: Es hat sich unendlich viel verändert seit diesen Tagen. Heute lebt eine Generation unter uns, die nichts anderes kennt als das vereinigte Vaterland, die erweiterte Bundesrepublik, die wieder Deutschland heißen darf, ohne systemverfestigende Begriffszusätze. Kein Reich ist dieses Deutschland, kein Imperium, keine Unterdrückungs- und Verfolgungsanstalt, sondern das Land in Europas Mitte – und Mitte zu sein, Mittler zu werden ist laut Thomas Mann der Deutschen Beruf. Ist Deutschland also mehr Transitraum als Heimat, mehr Medium denn Substanz? Aus welchen Quellen schöpft sich das Eigene? Fragen wie diese sind im Jahre 23 nach dem Mauerfall drängender denn je. Am Fremden wie am Eigenen kann Deutschland irr gehen, und ging es schon irr, wir wissen es. Was hielte es zusammen, dieses Deutschland, gäbe es nicht die Sozial- und Finanztransfers, innerdeutsch wie innereuropäisch? Ist Deutschland mehr als eine Zugewinngemeinschaft, die von den Rücklagen vergangenen Glanzes zehrt? Mehr als eine Teilkaskogesellschaft und Verantwortungsverschleierungsagentur? „Ein Volk“, schrieb Jacob Grimm, „ist der Inbegriff von Menschen, welche dieselbe Sprache reden.“ Dann steht es schlecht um dieses deutsche Volk, dessen Reden in abertausend Spezial- und Fach- und Stümmelsprachen zerfällt, die kaum noch die Laute gemein haben. Aus den Dialekten wurden Soziolekte und aus diesen Milieucodes, die abschließen, nicht öffnen. Sätze sind Waffen, markieren Reviere. Im Jahre 2 nach dem Mauerfall wollte Anita von Schastorf einen Steinadler beschlafen und tötete schließlich das Wappentier, stand da „bis zu den Waden in Federn, mit blutendem Gesicht, den abgeschnittenen Fang des Vogels in der herabhängenden Hand.“ Mit diesem legendären Schlussbild seines „Schlusschores“ zeigte Botho Strauß 1991, zuerst in München, dass da wirklich etwas Neues, damals Unnennbares anhob, für das Anita von Schastorf keinen Begriff und keine Leidenschaft mehr hatte. „Kastrierte Chimäre“ und „schlappes Wappen“ und „Puppe des Entsetzens“ war ihr das so wunderbar friedlich fusionierte Deutschland geworden. Nicht die alten Traditionen, hieß das, werden nun zurückkehren, sondern ein ganz unbestimmtes Drittes. Wir suchen es noch immer.

Unendlich mehr, als 1985, 1986, 1987 zu erwarten war

Weil es eben schlingernd seinen Weg sucht, dieses Deutschland, dessen Spielräume durch EU, ESM und ESFS enger und enger werden, bleibt es eine Wunde, ein Versprechen, das auch die gegenwärtige politische Klasse nicht ganz zuschanden fahren kann. Die Einheit war ein Gottesgeschenk und ein Wunder, das Wunden offen hielt und neue schuf. Dass aber heute Erfurt ein wunderschönes Tagesziel ist von Kassel aus, dass die Sächsische Schweiz auch die Franken begeistert und der Blick von Usedom nach Polen den Hamburgern offen steht, ist fabelhaft. Dass Uckermärker in Bayern urlauben und Mecklenburger an der Saarschleife, ist es ohnehin. Das ist unendlich mehr, als 1985, 1986, 1987 zu erwarten war. Wir sind vielleicht noch immer nicht „ein Volk“, aber wir sind kein Zwitter mehr, der in völkerrechtlichen Verträgen mit sich selbst redet. Darum ist der 3. Oktober ein großer Tag, ja der glücklichste deutsche Tag, an dem für einmal alles Nörgeln und Nachkarten und Aufrechnen pausieren möge. Das erledigen wir tags darauf ohnehin. Freude, komm.

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