Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Kitsch as Kitsch can

Nicht nur bei der Liedauswahl für den Großen Zapfenstreich zeigte sich Christian Wulff als Meister des Kitsches. Auch seine Amtszeit war oft ein Hochfest des Kitsches.

Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen, Bundespräsident Christian Wulff ist Geschichte. Wie diese aber künftig zu erzählen sein wird, beschäftigte den Amtsinhaber bis zuletzt derart, dass der Parteien Streit und Hader mit seinem Abgang im Vuvuzela-Getöse nicht enden wird. Der Ort der Debatte wird sich verlagern. Wulffs Fall ist historisch geworden und hat als solcher Anteil an der bundesrepublikanischen Mentalitätsgeschichte. Was lehrt er uns?

Sehen wir einmal ab von den Lektionen aus den Rand- und Zwischenbereichen des Politischen, derentwegen er sein Amt niederlegen musste. Schweigen wir von Intransparenz und Kungelei, Anmaßung und Selbstgerechtigkeit. Fragen wir vielmehr nach dem kulturell Charakteristischen an dieser Übergangsfigur. Und da könnte es weniger der Gernegroß und Aufschneider sein, als der Wulff in Erinnerung bleiben wird, sondern der Apologet des Kitsches. Im Kitsch endete eine Amtszeit, die an sehr vielen Stellen aus Kitsch gemacht war. Am Kitsch scheiterte er.

Weites Gewand auf dürrem Gerippe

Auf den ersten Blick erschien der gerade Niedersachse mit dem Hang zu leisen, kurzen Sätzen wie ein Buchhalter. Kitschiger aber und aufgesetzter wirkte noch kein „Großer Zapfenstreich“ als jener des Christian Wulff. Gerhard Schröder rettete seine ehrlich großspurige Art ins Finale, als er zu „I Did It My Way“ eine Träne verdrückte. Zu Guttenberg lächelte ehrlich amüsiert beim hochtourig dargebotenen „Smoke On The Water“, schwerem Metall in doppelter Hinsicht.

Christian Wulff nutzte die Liedauswahl zur Verteidigung in eigener Sache und im Medium des Kitsches. Das hübsche Musicallied „Over The Rainbow“ sollte an diesem Berliner Abend sagen: Gut hab ich’s doch gemacht, meinem „Traum“ die Stange gehalten vom „Land“ der Kindheit, wo es keine Probleme mehr gibt, wir alle uns herzen und lieb haben und dazugehören wie ich. „Da berühren sich Himmel und Erde“ wiederum ist kein Kirchen-, sondern ein Kirchentagslied und also das genaue Gegenteil. Es ist Gefühlskitsch in schlichtester Tonfolge für Menschen, die sich „ein Stück weit engagieren“, weil sie „so betroffen“ sind. Es meint die infantilisierende Feier der eigenen gutmenschelnden Rührseligkeit, nicht den Glauben: „Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde.“ Wie arm ist eine Liebe, die man bedenken muss. Wie klein ein Himmel, der solcher Dadaismen und eines solchen Kitschgewitters bedarf.

Was nämlich ist Kitsch? Ein Überhang der Form bei verschwindend kleinem Inhalt, ein weites Gewand auf dürrem Gerippe, Pathos ohne Authentizität. Martin Mosebach wies unlängst darauf hin, dass es auch einen „Betroffenheitskitsch“ gebe. Kitsch sei „schwächlich Nachgeahmtes, Geschmackloses, seelenlos Epigonales, Verlogenes, Unwahres“, entstanden im 19. Jahrhundert nach dem Ende eines „gleichsam ererbten Geschmacksinstinkts“.

Insofern waren die Momente der Travestie, die diese Präsidentschaft prägten, Hochfeste des Kitsches. Es war Betroffenheitskitsch, als Wulff zur Weihnachtsansprache 2011 ein stummes Volk ins Schloss befahl, um sich als Schutzherr der Soldatinnen und der Zugewanderten und der alleinerziehenden Mütter in Szene zu setzen. Es war Pose und also Kitsch, als er sich zum obersten Anwalt des Islam machte, nachdem er zuvor – etwa in „Besser die Wahrheit“ – kaum ein gutes Haar am Islam gelassen, vor „integrationsunwilligen Muslimen“ gewarnt hatte. Es war Kitsch, als er sich immer und immer wieder auf sein „Menschsein“ berief, um von den Zumutungen für das Amt abzulenken. Es war Kitsch, als er Geschäftsbekanntschaften zu Freundschaften überhöhte.

Öffentliche Liebeshudelei

Kitsch war die unentwegte öffentliche Küsserei zwischen ihm und seiner jetzigen Frau. Er war der erste Präsident, der jedem auf die Nase band, dass nicht ein Präsident, sondern ein Präsidentenehepaar das Land vertrete – wiewohl keine Bundesversammlung ihn dazu ermächtigt hatte. Weder in der Rücktrittserklärung noch in der Abschiedsrede vor dem Zapfenstreich fehlte der Hinweis auf „meine Frau Bettina, die unser Land auf großartige Weise überzeugend repräsentiert hat“, ja die „eine überzeugende Repräsentantin eines menschlichen und modernen Deutschlands“ gewesen sei. So viel öffentliche Liebeshudelei ist form- und distanzlos, ist klebrig, geschmacksunsicher, kitschig.

Nun stellt sich die Frage: Wird nach Wulffs Abgang an anderer Stelle der politische Kitsch wieder erblühen? Wer wird sich des herrenlosen Süßstoffs annehmen?

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