Strauss-Kahn und die Liebe zum Küchenpersonal

von Alexander Kissler17.05.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Fall des IWF-Chefs, dem eine versuchte Vergewaltigung vorgeworfen wird, zeigt auch: Die Koordinaten der öffentlichen Moral haben sich entscheidend gewandelt.

Am vergangenen Samstag soll der Präsident des Internationalen Währungsfonds im Adamskostüm ein Zimmermädchen durch seine New Yorker Hotelsuite gejagt haben. Hat er das wirklich? “Er soll sie im Badezimmer gestellt, ihr eine sexuelle Handlung abzunötigen versucht haben, ehe sie sich entwand(Link) . War das so? Schlugen Intrigenmacher zu, um den Sozialisten Dominique Strauss-Kahn von der Kandidatur für das französische Präsidentenamt abzuhalten? Oder um die Euro-Krise(Link) e in diese oder jene Richtung eskalieren zu lassen? Wir wissen es nicht, wir wissen aber: Die Unschuldsvermutung hat es schwer n in diesen Tagen. Dass kein Rauch ohne Feuer sei, dass jedes Gerücht seinen wahren Kern und jede/jeder Dreck am Stecken habe, gilt uns fraglos. Wir denken an die Enttarnungen der Koch-Mehrin und zu Guttenberg(Link) s und sehen uns bestätigt. Erst wird abgestritten, dann teilweise eingeräumt, am Ende ist alles so schlimm, wie es die ersten Vorwürfe unterstellten. Lügner, Spitzbuben, Kriminelle scheinen sich vorzugsweise an der Spitze der Gesellschaft zu tummeln.

Die Maßstäbe scheinen sich umgekehrt zu haben

Das stimmt natürlich nicht, doch Tag um Tag fällt es schwerer, das Gute im Menschen vorauszusetzen und das Böse nur als Abirrung zu akzeptieren. Die Maßstäbe scheinen sich umgekehrt zu haben: überall Schufte, Gauner, Lügenbarone, und dann und wann ein weißer Elefant. Dieses harsche Urteil kommt uns deshalb so leicht über die Lippen, weil der öffentlich eingeklagte Moralismus das Gegenstück ist zum ebenfalls öffentlich gelebten Laissez-faire sonst. Die Koordinaten der Moral haben sich gewandelt. Was Strauss-Kahn an Degoutantem womöglich getan hat, wäre zu Zeiten eines Balzac oder Flaubert Stoff für eine Posse gewesen, höchstens, niemals für eine Tragödie. Alternder Mann von Welt grabscht nach Bediensteter, der berühmte „amor intellectualis zum Küchenpersonal“, den noch Adorno „fürs Triebleben“ konstatierte: eine alte, eine überwundene Geschichte. Damals, in einer asymmetrischen Gesellschaft, siegte in solchen Fällen die Unmoral des Höhergestellten über die Moralansprüche der Untergebenen. Niemand soll solchen Umständen eine Träne nachweinen. Tempi passati, gottlob. Damals war das Recht auf elitäre Moralverstöße das Korrelat zum rigiden Moraldiskurs, den dieselbe Elite herrisch einforderte. Heute hingegen bringt das Zimmermädchen durch bloßen Anschein den hohen Herrn zu Fall. Der Bonus wurde zum Malus, das Exzentrische zum Makel.

Bannspruch auf Verdacht

Im 21. Jahrhundert ist die libertine Praxis weithin akzeptiert. Jeder soll mit jedem sollen wollen(Link) . Und umgekehrt. Deshalb aber wird umso verbissener über die richtige Moralrhetorik gewacht. Der potenzielle Grabscher, Bedränger, Grobian muss – sofern er bekannt genug ist – mit einem Bannspruch auf Verdacht rechnen. Er wird öffentlich und stellvertretend exorziert, damit der kleine Alltag mit seiner gewohnheitsmäßigen Doppelmoral hübsch weiterlaufen kann. Ohne den schweren Vorwurf einer versuchten Vergewaltigung bagatellisieren zu wollen: Strauss-Kahn, schuldig oder schuldlos, taugt zum Exempel. Sein Fall zeigt, dass im stellvertretenden Aburteilen eine moralisch sonst sehr flexible Gesellschaft gerne ihr Mütchen kühlt. Die eigene Indifferenz wird im dröhnenden und ganz risikolosen Geißeln fremder Vergehen reingewaschen. Anders kann es nicht sein.

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