Raus aus Großburgwedel

von Alexander Kissler10.09.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Bettina Wulff spielt Vabanque. Der öffentliche Streit um ihren guten Ruf ist unkalkulierbar. Christian Wulff bleibt die Rolle des Schmerzensmannes.

Ist Angriff die beste Verteidigung? Wir hätten fast vergessen, dass es einmal „Huren-Gerüchte“ bzw. „Rotlicht-Gerüchte“ bzw. „Rotlicht Verleumdungen“ um Bettina Wulff gegeben hat, hätte die ehemalige First Lady und jetzige Buchautorin und Unternehmensgründerin uns nicht mit der Nase darauf gestoßen. Die Geschwindigkeit, mit der „Bild“-Zeitung und bild.de innerhalb von nicht einmal 24 Stunden die Schlagzeilen abschwächten, von der Prostituierten zum Rotlicht und von den Gerüchten zur Verleumdung übergingen, zeigt zweierlei: Es ist wieder interessant geworden, über Bettina Wulff zu berichten. Und die Presse muss ihre Worte sehr im Zaum halten, um dem Risiko einer Unterlassungsklage zu entgehen.

Ein riesiger Google-Algorithmus

Warum tat sich Bettina Wulff den Tort an? Kann daraus je ein Befreiungsschlag werden? Der ehemalige Sport-Chef der „Bild“-Zeitung wurde beauftragt, in Bettina Wulffs Erinnerungsbuch zu lesen. Er fand Sätze, die auf eine große Lust am Kraftdeutsch schließen lassen. „Man“, also Bettina Wulff, könne „gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.“ Das ist weder fashionable noch ladylike noch präsidiabel. Hier, pardon, kotzt sich eine Frau aus, und die Welt soll es wissen. Das Buch scheint, den Bruchstücken nach zu schließen, ein Buch der geballten Faust zu sein – so etwas kommt derzeit in Mode. Auch die zweite zornige Dame dieses Bücherherbstes, Gertrud Höhler, schrieb ihre durchaus durchdachte Abrechnung mit Angela Merkel ausdrücklich für jene, die die Faust in der Tasche haben. Frauen als Verbalrabauken: ein neuer Trend? Bettina Wulff, lesen wir weiterhin, habe sich zu einer juristischen wie publizistischen Gegenoffensive auch aus Sorge um Sohn Leander entschlossen. Dieser müsse im Internet lesen, dass der Name seiner Mutter automatisch mit Begriffen des Horizontalgewerbes ergänzt werde. Darum stelle sie klar: „Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet.“ Falsch sei es auch, dass die Nacktbilder einer gewissen „Lady Viktoria“ aus dem „Chateau Osnabrück“ Bettina Wulff zeigten. Nie habe sie im Berliner „Artemis“ gearbeitet. Herrjeh: Manche Dinge will man gar nicht so genau wissen. Daran nun vorbeizugehen, ist auch für Wohlmeinende unmöglich. Unbewiesene, abgesunkene, durch den Lauf der Zeit letztlich falsifizierte Gerüchte werden zu falschen Tatsachenbehauptungen und damit zu neuen Wahrheitsfragen. Und ist es für Söhnchen Leander besser, aufgrund der PR Aktivitäten seiner Mutter deutschlandweit die inkriminierte Assoziation lesen zu müssen? Die gesamte Presse hat sich in einen Google-Algorithmus verwandelt.

Bettina startet durch

Insofern hat der gewollte Öffentlichkeitstsunami erreicht, was er erreichen sollte: Er hat eine maximale Öffentlichkeit ausgelöst, hat den Fokus in maximaler Grelle auf das Erinnerungsbuch der Bettina Wulff gerichtet. Bettina Wulff, lautet die Botschaft, startet durch, will nach oben, will raus aus Großburgwedel und dem Klinkerbau, weg von der Ehefrau- und Mutter- und Charity-Rolle, hinein ins Business. Gattin eines ehemaligen Bundespräsidenten zu sein, der mittelfristig nicht vermittelbar bleiben wird, stillt den Ehrgeiz nicht. Sie spielt Vabanque, setzt alles auf Rot und also auf sich. Ein diskurspraktischer Teufelskreis, der viele Verlierer zeitigt, oder ein auswegloses klassisches Dilemma? Ob dergleichen Drastik Leander gut tut, werden die Jahre zeigen. Er wird heranreifen als Sohn einer Frau, die aller Welt mitteilte, dass sie nie Escort-Lady war. Und als Sohn eines Mannes, der derzeit erkennbar nur eines vermag: zu leiden, zu leiden, zu leiden. Hager ist er geworden und weiß. Er ähnelt immer mehr dem späten Stan Laurel. Christian Wulff, ein Schmerzensmann mit Schweigegelübde, sieht sich um die Blüte seiner Jahre gebracht, während die Gemahlin diesen täglich neue Keime abringt. Die Prognose sei gewagt: Das wird böse enden.

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