Überall Sex

von Alexander Kissler4.09.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Die katholische Journalistenschule ifp wirbt für die Kultur der Swingerclubs. Das zeigt: Wenn im Journalismus Ethik durch Ästhetik ersetzt wird, gewinnt die Beliebigkeit.

Die Journalistenschule der katholischen Kirche in Deutschland heißt ifp, „Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses“, und hat ihren Sitz in München. Über ein Jahr dauert schon die Suche nach einem Journalistischen Direktor. Auch in der Übergangsphase steht das ifp für eine solide Ausbildung künftiger Kirchenkritiker und Gegenpäpste. Selbst enge Beobachter sind aber überrascht, mit welcher Verve sich das ifp als Kaderschmiede für die Redaktion „Exklusiv – Die Reportage“ bei RTL II profilieren will. Die Folgen dort heißen „Die Lust an der Lust“, „Slips und Strips! – Deutschland macht sich nackig“, „Frau Maurer und Herr Hure“ oder entwaffnend „Im Beischlaf Geld verdienen“. Im boomenden Markt der Erotikformate kann gewiss der eine oder andere Absolvent des ifp sein Auskommen finden. Ökonomisch ist es nicht unklug, auf diesen Sektor zu setzen. Auch in regulären Magazinen wird die Live-Schalte zum Laufhaus zunehmend unverzichtbar. Auf einem anderen Blatt steht freilich die Frage, inwieweit dergleichen Fokussierung auf die Horizontale kennzeichnend sein soll für eine Journalistenschule, die alle Kirchensteuerzahler ungefragt in Mithaftung nimmt. Sind die Millionen, wie sie jährlich in vermutlich mittlerer einstelliger Höhe nach München fließen, mit forcierter Schmuddelexpertise gut angelegt? Reicht es, professionell zu imitieren, was alle tun, mithin der Gipfel des Einfallslosen ist? Oder sollte eine katholische Ausbildungsstätte Fantasie und Leidenschaft genug haben, um eigene Schwerpunkte zu setzen?

Fleischeslust

Diese Fragen sind nicht theoretischer Natur. Das ifp prunkt derzeit mit einem online zugänglichen „Ausbildungsprojekt“ namens “„Fleisch“”:http://www.fleisch.ifp-kma.de/. Die Nachwuchskatholiken versuchen nicht, was naive Gemüter vielleicht erwartet hätten, einer religiös unmusikalischen Bevölkerungsmehrheit pfiffig zu erklären, was das Christentum unter der „Auferstehung des Fleisches“ versteht. Oder was es mit „Fleisch und Blut“ in der Eucharistie auf sich hat. Nein, die jungen Damen und Herren sind für Texte, Bilder, Videos ausgeschwärmt u.a. in Swingerclubs, zu Soft-Porno-Verlagen und zu einem Mann, der „Menschen Löcher in die Haut schneidet und Haken in die Wunden schiebt. Anschließend werden an diesen Haken Seile befestigt, mit denen der Körper hochgezogen wird.“ Das Stammpersonal von RTL II ist komplett versammelt. So weit, so langweilig. Der Menschenaufschneider und -hochzieher heißt Arafat und steuert den nun dank des ifp für die Ewigkeit überlieferten Satz bei, „das tut scheiße weh“. Erhellend sind auch Einblicke in das Gewerbe der „Fleischeslust-Schmonzetten“. Es gibt offenbar Bücher, in denen „Fummeln unterm Sternenhimmel und wilder Sex im Ehebett vom Boss“ verhandelt werden. Dann treffen „nackte, schweißgebadete Körper“ aufeinander, erklären zwei schreibende Nachwuchsjournalistinnen mit Kirchenticket. Eine nennt sich „eingefleischte Expertin für Gender und in diesem Dossier für Sex“. Dank solcher Vorprägung erkennt die ifp-Studentin, „Brüste sind immer prall, Beine großartig“. Ein Zitat aus „Lady in Rot“ bestätigt das Urteil der Kennerin: „Kurz darauf begann er, sich rhythmisch in ihr zu bewegen, erst langsam, dann immer wilder, bis sie beide aufstöhnend den Gipfel der Lust erreichten.“

Katholisches Plädoyer für das Swingen

Doch was ist schon die Fantasie der Schmonzette gegen die nackte Wirklichkeit in einem Münchner Swingerclub, für den die jungen Katholiken und Katholikinnen gerne Werbung machen, indem sie Name und Anschrift exakt weiterreichen? Im Swingerclub, lernen wir, tummelt sich auch junges Gemüse „auf der Suche nach dem sexuellen Kick“ – und das ist gut so. Die 21-jährige Nina „geht, seit sie volljährig ist, regelmäßig swingen“. Manchmal, sagt sie stolz im O-Ton, hat sie „fünf (Sexpartner) am Abend“. Die drei Autoren des Beitrags, darunter wieder die Gender-und-Sex-Expertin, berichten präzise vom Ortstermin: „Auf den Barhockern reihen sich Menschen in knappen Boxershorts in Gold, hautengen Netzstrümpfen, String-Tangas, und manche präsentieren ihre nackten Pobacken. (…) Beim Geschlechtsverkehr gilt: sehen und gesehen werden. In den Wänden erlauben Gucklöcher und Spiegel freie Sicht auf nackte Körper.“ Der Beitrag endet mit einem flammenden Plädoyer für den organisierten Rudelverkehr aus dem Mund der Swingerclubbetreiberin: „Swingen wird leider noch immer nicht als gesellschaftsfähig angesehen. Eigentlich müssten wir einen Verdienstorden bekommen: Die jungen Leute haben überall Sex – auch auf Discotoiletten. Aber hier ist alles sauber, und es gibt genügend Kondome.“ Seien wir nicht ungerecht: Im „Fleisch“-Dossier des ifp gibt es auch Beiträge zum Sojaanbau und zu „Menschenfleisch als Dünger“. Dennoch scheint hier Kirche als Weltverdoppelungsverein in ihre letzte Phase eingetreten. Entweltlichung war nie, die Devise lautet lauter denn ja: Schmeißt euch ran, ihr Katholiken, an alles, was von dieser Welt ist, und stellt keine Fragen. Tut, was alle tun, dann fallt ihr nicht auf. Sprecht nach, was alle sagen, dann kommt ihr durch. Journalismus ist so lediglich die Bebilderung des Bestehenden, ist Ästhetik, nicht Ethik. Dann regieren, wie hier zu besichtigen, die nackte Panik, die Themennot, die öde Konvention.

Die Grundsätze der katholischen Kirche

In der Satzung des ifp, das derzeit von einem Priester geistlich geleitet wird, findet sich der Satz, das Institut werde „im Sinne und nach den Grundsätzen der katholischen Kirche“ geführt. Das nennt man wohl Satzungslyrik.

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