Vaginaler Aufruhr

von Alexander Kissler21.08.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Das unangemessene Urteil gegen drei russische Punk-Aktivistinnen sorgt für Kritik. Manche Solidaritätsadresse aber ist zu wohlfeil. Kunst darf auch in Deutschland nicht alles.

Manchmal sind wir alle ein bisschen Bluna, und manchmal sind wir alle im vaginalen Aufruhr: Die Solidaritätsadressen für drei russische Punk-Aktivistinnen mit obszönem Gruppennamen sind weit gestreut und reich gesät. Zu zwei Jahren Lagerhaft wurden die beiden jungen Mütter und die Dritte, Älteste, die bei ihrem Vater lebt, von einem Moskauer Gericht wegen Rowdytums in Tateinheit mit „religiösem Hass“ verurteilt: ein unangemessen hohes Strafmaß, das einmal mehr zeigt, wie „lupenrein“ die Demokratie unter dem Gerhard-Schröder-Intimus Wladimir Putin funktioniert. Auch scheint es um die Gewaltenteilung im einstigen Zarenreich nicht zum Besten bestellt. Reif für die Europäische Union wäre Russland längst nicht.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße des Herrn“

Gar zu lässig aber haben die Solidarischen beiseite gewischt, dass beispielsweise auch in der Bundesrepublik Deutschland gemäß Paragraph 167 Strafgesetzbuch mit „Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“ wird, wer an einem „Ort, der dem Gottesdienst (…) gewidmet ist, beschimpfenden Unfug verübt“. Und eben das haben die drei Frauen getan: Sie stürmten den Altarraum der Christ-Erlöser-Kathedrale, nahe der Ikonostase, hinter der sich das Allerheiligste jeder orthodoxen Kirche befindet, und trieben lauten, schrillen und eben beschimpfenden Unfug – aus Sicht des Hausherrn und der Gläubigen allemal. Sie skandierten, je nach Übersetzung, „Scheiße, Scheiße, Scheiße des Herrn“ beziehungsweise „Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße“. Sie mögen damit Putin gemeint haben oder Patriarch Kyrill, der zudem als „Hund“ oder „Arschloch“ apostrophiert wurde. Auf jeden Fall begingen sie Hausfriedensbruch und lästerten an kultischer Stätte. Vergleichbar wären Schimpfwörter wider einen Mufti oder einen muslimischen Staatspräsidenten in einer Moschee, vielleicht in Istanbul, oder wider einen Oberrabbiner oder jüdischen Ministerpräsidenten in einer Synagoge. Dürften solche Frondeure auch mit mutiger Solidarität in der nichtmuslimischen, nichtjüdischen Welt rechnen? Angela Merkel und Guido Westerwelle greifen zur falschen politischen wie intellektuellen Kategorie, wenn sie erklären, eine „lebendige Zivilgesellschaft und politisch aktive Bürger sind eine notwendige Voraussetzung und keine Bedrohung für Russlands Modernisierung“ – so die Kanzlerin.

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