In Reih und Glied

Alexander Kissler7.08.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Wohin man schaut, entstehen Doppelhaushälften. Sie rasieren unsere Sehnsüchte und deckeln unsere Freiheit. So hat es der Deutsche gern.

Der Ort, in dem ich wohne, gönnt sich einen neuen Speckgürtel. Die Grenze wandert. Was Ortsausgang war, wächst dem Zentrum zu, neue Doppelhaushälften wuchten sich aus dem Boden empor, in großer, in sehr großer Zahl, dicht an dicht. Daraus folgt unmittelbar: Der Ort, in dem ich wohne, liegt in Deutschland, denn Deutschland ist das Reich der Doppelhaushälften. Kein Haus sind diese Zwitterwesen und keine Wohnung, sondern von allem nur die Hälfte. Halb und halb, wie gewisse schwer verdauliche Klöße.

Spuckdistanz von Papierwand zu Papierwand

Die Doppelhaushälfte gehört zu Deutschland, weil in Deutschland schon die kleinen Kinder im Kindergarten lernen: „Immer hübsch in der Reihe, nicht einzeln gehen.“ Genauso hörte ich es jüngst aus Kindergärtnerinnenmund beim Kindergartenausflug. Von Kindesbeinen an träufelt man in deutsche Ohren das süße Gift, das Normale sei das Kollektiv, das Individuelle hingegen die Ausnahme, der Störfall, das Problem. Ergo neigt das Begehren der Doppelhaushälfte sich zu. Die Doppelhaushälfte deckelt alle sonstigen Leidenschaften. Zwei Parteien unter einem Dach, den Nachbar auf Augen- und Balkonhöhe rechts und links und vorne und hinten. Allein ist man hier nie, Eigentümer nur ein bisschen. Keiner hat mehr vom Selben. Ausscheren unmöglich. Papierdünn scheinen die Zwischenwände, ich sah das nackte Gerüst, das schüttere Skelett einer Behausung, die nicht bleiben will. Ställe sind es für Menschen, denen man zu viel versprach. Ein neuer Lebensraum entstehe da, in solider Bauweise, für hohe Ansprüche. Ich sah die Spuckdistanz von Papierwand zu Papierwand, das Grasgeviert davor von doppelter Briefmarkengröße, den schmalen Pfad zwischen Doppelhaus und Doppelhaus, den Betongiebel ohne Holz. Es sei eine Frage des (immer noch sehr hohen) Preises, höre ich, ein familienfreundlicher Kompromiss. Vielleicht.

Sie fressen Raum im Namen der Gleichheit

Mir, der ich die kleinste Mietwohnung dem neuesten Schwindelhaus vorzöge, scheint es eher eine Frage der falschen Weltanschauung. Doppelhaushälften sind Eigentumswohnungen, die Eigentum vorgaukeln und ihr Haus-Sein herbeiflunkern. Doppelhaushälften sind der deutsche Beitrag zur Immobilienblase. Sie sind gebundenes Kapital über einem Abgrund aus Nichts, sind fundamenteloser Kapitalismus in Betongestalt. Sie fressen Raum im Namen der Gleichheit, ersetzen Natur nicht durch Kultur, sondern durch das Unansehnliche, Unaussprechliche. Sie sind der letzte Beweis für die Vertölpelung des Architektenberufes. Deutschland, du Land der Doppelhaushälften und der Doppelhaushälftenghettos, der Einheitsgrundrisse und der Baukatastrophen: Wirst du je begreifen, dass auf normiertem Grund keine Individualität gedeihen kann und keine Freiheit, dass Hässliches immer Hässliches hervorbringt, dass halbe Sache nie sich runden?

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