Keine Liebesgeschichte

von Alexander Kissler26.06.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

An der Spitze Ägyptens steht künftig der Kandidat der Muslimbruderschaft. Der politische Islam gewinnt weiter an Einfluss. Ein Appell für mehr Realismus.

Wenig Neues unter der Sonne. Der politische Islam schreitet voran. Ägypten wird künftig einen Staatspräsidenten namens Mohammed Mursi haben, der der Muslimbruderschaft entstammt. Für Juden, Christen, Liberale ist das keine gute Nachricht. Bisher hat nämlich leider auch das Jahr 2012 eine sehr trübe Gleichung bestätigt: Wo der Islam wächst, weicht die Freiheit.

In Nigeria brennen fast täglich Kirchen

Laut der Menschenrechtsorganisation „Egyptian Union for Human Rights“ haben seit dem Sturz des Mubarak-Regimes bereits rund 100.000 Kopten ihre Heimat verlassen. Immerhin noch rund acht Millionen Menschen oder zehn Prozent der Bevölkerung gehören der christlichen Minderheit an. Der Kopte Sherif Ghobreyal erklärte im Gespräch mit dem österreichischen „Kurier“: “„Für die Christen gab es keinen Arabischen Frühling.“(Link)”:http://kurier.at/nachrichten/4499857-kopten-kein-arabischer-fruehling-fuer-die-christen.php Während des Ramadan werde oft gegen Kopten gewettert. Frauen ohne Kopftuch seien Beschimpfungen ausgeliefert. Salafisten und Muslimbrüder griffen Christen offen an, bestätigen auch die ägyptischen Menschenrechtler. In Nigeria brennen derweil fast täglich Kirchen. Mitte des Monats kamen rund 40 Menschen im Norden des Landes bei solchen Übergriffen ums Leben. Die Toten sind nicht Resultat diffuser „religiöser Unruhen“, wie es oft beschönigend in westlichen Medien heißt, sondern radikalislamischer Gewaltakte. Christen sterben, weil sie keine Moslems sind. Auch die „Gefangene des Monats“ der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“, “die pakistanische Christin Shamim Bibi, muss den Tod gewärtigen, weil sie abschätzig über Mohammed geredet haben soll(Link)”:http://www.idea.de/detail/menschenrechte/detail/pakistan-christin-wegen-angeblicher-blasphemie-inhaftiert.html. Die junge Mutter sitzt im Gefängnis womöglich aber nur aufgrund ihrer Weigerung, zum Islam überzutreten. Im aktuellen “„Weltverfolgungsindex“(Link)”:http://www.opendoors-de.org/verfolgung/wvi/platzierung/ der Hilfsorganisation „Open Doors“, der die 50 Länder mit der „stärksten Christenverfolgung“ auflistet, belegen die Plätze 2 bis 10 ausnahmslos islamisch geprägte Länder. Von den insgesamt 50 im Index angeführten Staaten haben 38 eine muslimische Bevölkerungsmehrheit – das ergibt eine satte Quote von über zwei Dritteln.

Auch Israel ist alarmiert

Die Wahl Mursis hat auch Israel alarmiert. Ein Offizieller, der nicht namentlich genannt werden will, wird mit der Sorge zitiert, nun könne auf den Arabischen Frühling ein islamischer Winter folgen. Der Journalist Gil Yaron weist darauf hin, dass Mursi Israel einen Feindstaat nenne, sich mit der antiisraelischen Hamas solidarisch zeige und den Friedensvertrag mit Israel „ändern“ wolle. Der Historiker Robert S. Wistrich von der Hebräischen Universität Jerusalem, ehemaliger Gastprofessor u.a. am Elie-Wiesel-Zentrum Paris, der Brandeis University und in Oxford, schreibt in seiner unlängst auf Deutsch erschienenen Studie “„Muslimischer Antisemitismus“(Link)”:http://www.editioncritic.de/2011/08/07/aktuelle-buecher/: „Seit dem Jahr 2000 hat der Antisemitismus es geschafft, sich vollkommen im politischen Körper des Islam festzusetzen.“ Abstoßende antisemitische Karikaturen aus der muslimischen Welt illustrieren im Anhang diese These.

Den Bedrohten eine Stimme geben

Wistrich warnt: „Damals wie heute werden die antijüdischen Dimensionen des gegenwärtigen militanten Islam in den Salons der Pariser Intellektuellen, den Wohnzimmern von London oder den Bierkellern von München entweder heruntergespielt oder komplett ignoriert.“ Darauf also scheint es nun anzukommen: kühl, ohne Zorn und ohne Eifer, festzuhalten, was der Fall ist, die Augen zu öffnen, den Bedrängten zuzuhören, den Bedrohten eine Stimme zu geben. Wohlmeinender oder ängstlicher Illusionismus ist keine Lösung, auch nicht in Berlin, nicht in Washington, nicht hier und nicht heute.

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