Schlaflose regieren uns

von Alexander Kissler19.06.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Auch für Länder und Staaten gilt: Wer übermüdet ist, kann nicht denken. Warum die Politik der Schlaflosen zum Volksinfarkt führt.

Am Donnerstag ist es wieder so weit: Der „Tag des Schlafes“ lädt zur Besinnung. Wir hören dann in Funk und Fernsehen, wie wichtig doch der Schlaf für unser persönliches Wohlbefinden sei, dass nur ein ausgeschlafener ein leistungsfähiger Mensch sei und nur die erholsame Nacht vor Infarkten und Depressionen schütze. Fettes Essen und ausladende Gelage kurz vor der Bettkante stünden dem entgegen. Auch dürfe das Schlafzimmer nicht als verlängertes Büro missverstanden werden. So ist es. Dieselben Schlussfolgerungen gelten für einen ungleich bedeutsameren Bereich, für Wohl von Wehe ganzer Republiken. Das nationale, ja universale Wohlbefinden leidet am organisierten Schlafmangel der Politiker, die es garantieren sollen. Wir werden regiert von einer Legion der Schlaflosen und stehen deshalb kurz vor dem Volksinfarkt. Wir schauen in die ewig übermüdeten Augen der politischen Elite, die von Nachtsitzung zu Nachtsitzung saust und zu Hause ist in einem einzigen globalen Jetlag, und sehen sofort: Darauf liegt kein Segen. Nicht nur der Schlaf der Vernunft gebiert Gespenster. Auch der Schlaf der Klugheit, der Aufmerksamkeit und der Akkuratesse führt direkt zur Koboldherrschaft der Ahnungslosen.

Politik wird im Hamsterrad gemacht

Heute beim „G20-Treffen“ im mexikanischen Los Cabos, morgen wieder in Berlin, bald darauf in Rom zur Vorbereitung des Europäischen Rats: Termine sind das Leben nicht nur von Angela Merkel, und Termine sind alles, was daraus folgt. „Termin auf Termin“, ließe sich frei nach Roland Barthes sagen, „das hellt niemals etwas auf.“ Politik wird im Hamsterrad gemacht, das keine Sonntage kennt und keinen Sonnenuntergang, keinen Anfang und kein Ende, nur das ewige Zugleich der Synapsenstöße: Der Mensch, ein reaktives Wesen, wird selbst dann behandelt, wenn es zu handeln meint. Politik auf dieser Grundlage verdient den Namen kaum. Es ist eine Technik bloß, die Zeit verklappt und zu Strukturen schreddert. Regiert wird nicht, sondern reagiert. Gedacht wird nicht, sondern geahnt. Nicht gestaltet, sondern verwaltet. Man schickt sich drein. Nichts Schlimmeres als Politiker, die sich ihres Sitzfleisches in nächtlicher Verhandlungsrunde rühmen, ihrer perfektionierten Selbstausbeutung also, ihres Raubzuges wider die eigene Natur. Kann ein Mensch frei sein, der seinen eigenen Körper zum Sklaven vernutzt? Auch Sitzfleisch ist pures Fleisch. Zur Kunst des klugen Regierens bräuchte es Geist, Sinn und Verstand, nicht geballtes Eiweiß und schwitzenden Willen. Die Geschichte ist voll von Diktatoren, die sich ihres geringen Schlafbedürfnisses rühmen.

Permanente Erschöpfung

Der Philosoph Byung-Chul Han sieht die „Müdigkeitsgesellschaft“ bereits vollendet. Permanente Erschöpfung und Ermüdung, „Erscheinungen einer neuronalen Gewalt“, seien der Preis für den „Terror der Immanenz“. Bei Jean Baudrillard heißt es, „wer vom Gleichen lebt, kommt durch das Gleiche um“. Ein solcher Kollaps der Politik, ja der Möglichkeit von Politik überhaupt, steht uns bevor. Die oft im Munde geführte „Alternativlosigkeit“ spricht der Politik der Schlaflosen ihr Urteil: Zum Nichtdenken soll es tatsächlich keine Alternative geben. Nicht einmal mehr gedacht werden Alternativen, weil angeblich alle überall dasselbe wollen, den Euro und das Klima retten, den Weltfrieden und den Kapitalismus vorantreiben. Der Grund für diese behauptete Eingängigkeit liegt auf der Hand: Wer übernächtigt ist, kann keinen klaren Gedanken fassen, also gewöhnt er sich das Denken lieber ab. Um dem „Infarkt der Seele“, der eben auch ein Kollaps des Denkens ist, vorzubeugen, empfiehlt Han den Mut zur Unterbrechung. Einzig im programmatischen Nichtstun, in der Pause, gedeihen Freiheit und Klugheit. Darauf ist im Polittourismus dieser Tage leider nicht zu hoffen. Dezenz gilt als Schwäche, Überlegung als hinderlich beim Anpassen des Selbst an eine unhinterfragte Struktur. Drängender denn je schält sich vor diesem Hintergrund die Schicksalsfrage des 21. Jahrhunderts heraus: Wer herrscht, wenn die vermeintlich Herrschenden mehr dösen als wachen und selbst schlafen, wenn sie zu wachen meinen? Wer herrscht?

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