Neues deutsches Märchenland

von Alexander Kissler30.05.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Das geht uns an: Wie sich Fortschritt aus Verlusten aufaddiert. Warum Poesie aus Schweiß gemacht ist. Vom Volk zum Kollektiv und wieder retour.

Na bitte, klappt doch: Da wächst ein Knabe elternlos heran, wird kühl betreut, statt klug erzogen, und entwickelt sich dennoch ganz prächtig. Drachentöter wird er und Muskelheld. Siegfried taugt zum Vorbild einer bindungsschwachen Gesellschaft, die ihren Dressurübungen am Individuum das Cachet der Freiheit unterschiebt. Andererseits – damit enden schroff die Parallelen von Richard Wagners „Siegfried“ und der Gegenwart – ist der heitere Titelheld, der nie das Fürchten lernte, Enkel von Gottvater Wotan, Frucht einer inzestuösen Verbindung und wird zum Manne im Bett seiner Tante. Das mag man dann doch keinem Volkspädagogen anempfehlen.

Das Recht auf das eigene Missverstehen

Wenige Regisseure lassen sich indes durch die gattungsgegebenen Grenzen der Aktualisierung von einem solchen Versuch abhalten. Der „Ring des Nibelungen“ wird vor allem deshalb so häufig gespielt, weil jedes Theater das Recht auf das eigene Missverstehen sich nicht nehmen lassen will. Dass es zwischen Bärenfelltümelei und Nazifolklore, zwischen Gestenschwindel und Videosucht ein anderes geben muss, ist selten zu sehen auf deutschen Opernbühnen. Einen solchen dritten Weg gibt es nun mit dem „Siegfried“, nach der „Walküre“ und dem „Rheingold“, in München zu bestaunen: Der „Ring“ als Abenteuerspielplatz für Erwachsene, als Besuch in Richards rollender Mythenwerkstatt. Regisseur Andreas Kriegenburg, “dessen „Siegfried“ am Pfingstsonntag Premiere hatte(Link)”:http://www.bayerische.staatsoper.de/861-bXNnX2lkPTE0NTcw-~Staatsoper~bso_aktuell~aktuelles_detail.html, stellt einer fast durchweg formidablen Sängerriege eine deutliche größere Menge stummen, aber quicklebendigen Volks zur Seiten (Choreografie: Zenta Haerter). Fünf, sechs, sieben Dutzend Menschen beiderlei Geschlechts, in bequemes weißes Tuch gekleidet oder in fleischfarbene Trikotagen, bilden, Rücken an Rücken, Walhalls Silhouette und, fauchend im Gitterkäfig, ekliges Kriechgetier vor Neidhöhle. Oder sie formieren sich schön zu Bäumen, Erdreich, Feuersbrunst, sind mal Wolkenbeweger und mal Blumenhalter (Bühne: Harald B. Thor, Kostüme: Andrea Schraad). Ihren größten Auftritt haben sie in Mimes, des alleinerziehenden Nährvaters, schmieriger Schmiede. Sie blasen den Balg, drehen manches große Rad, reichen allerlei Requisiten, und immer wuseln sie, springen sie, arbeiten sie. Arbeit, lernen wir, macht Arbeit stets und ist Gemeinschaftswerk. Poesie beglaubigt den Schweiß. Die Masse Mensch gebiert hier keineswegs den Massenmensch, weil zur Poesie des Kollektivs die Selbstbehauptung des Einzelnen tritt. Mime zum Beispiel, ein wahrlich garstiger Zwerg mit fettigem Haar, Kopfzucken, Kassengestell und Murray-Bozinsky-Gedächtnis-Pulli, wünscht Siegfried nur das Schlechte und den Nibelungenschatz für sich. Unterhalb der Karikatur eines Besitzbürgers aber wohnt in der ganzheitlich gelungenen Darstellung Wolfgang Ablinger-Sperrhackes der ewig Zukurzgekommene, der endlich entlohnt sein will für ein Leben im Schatten, aus Gründen durchaus: „für Müh und Last / erlauert ich lang meinen Lohn!“ Und obwohl Siegfried mit Lance Ryan geradezu standardbesetzt ist, bezwingt sein unverändert ermüdungsfreies Timbre, die Geschmeidigkeit des Körpers wie der Stimme. Das göttliche Kind wird Ereignis als Kraft, die keine Richtung kennt außer der einen: „Aus dem Wald fort / in die Welt ziehn: / nimmer kehr ich zurück!“

Das Grundproblem bleibt

Kent Nagano am Pult des Bayerischen Staatsorchesters hat also famose Sänger vor sich, auch den leidenschaftlich-bösen Alberich des Wolfgang Koch, Catherine Naglestads stimmklare Brünnhilde und den glockenhellen lyrischen Sopran des gaukelnden Waldvogels dank Anna Virovlansky. Das Grundproblem der Nagano′schen Dirigate ist damit freilich nicht behoben. Er dehnt die langsamen Passagen, als gälte es Ton für Ton ins Schaufenster des Wohlklangs zu stellen. Die lautmalende Naturmusik erhält dadurch eine fein-impressionistische Transparenz, als Begleitung ist eine derart große Tonverliebtheit indes zähe Kost. Solche Passagen überwiegen jedoch nicht, das C-Dur strahlt, die Trompete jubiliert, wie sie soll. Es war, alles in allem, Naganos bisher bestes „Ring“-Dirigat. Warum sollen uns die Abdankungsgeschichte von Gottvater Wotan, das Herkunftsrätsel Siegfrieds und der tödliche Kampf um Gold und Geltung eigentlich angehen im späten Frühling des Jahres 2012? Darum: Weil der „Ring des Nibelungen“ präzise notiert, um welche Verluste nur jeder Fortschritt zu haben und warum gleichwohl kein Rückschritt, kein Austritt aus diesem geschichtlichen Geschehen je möglich ist. Weil der Selbstbesinnung des Menschen die Entfremdung von der Natur immer eingeschrieben ist. Und weil schließlich Kunst und Liebe bleiben, um sich momentweise geborgen zu wähnen in den inneren und äußeren Schlachten. Für das Ende sorgt dann Alberich.

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