Wir haben den Sieg über den Kalten Krieg errungen. Angela Merkel

Maul halten

Die Thesen des Bestsellerautors Thilo Sarrazin mögen „umstritten“ sein. Unumstritten aber zeigen viele seiner Kritiker, dass sie Demokratie mit Gesinnungsherrschaft verwechseln.

Das Schöne an den öffentlichen Auftritten des Thilo Sarrazin ist deren meteorologische Funktion. Sie zeigen, in welche Richtung der Wind weht, scheiden Nord von Süd, in politischen Begriffen: die Freiheit von ihrem Gegenteil. Ein einziges Bild etwa genügte, um am vergangenen Sonntag Menschenfreunde als Freiheitsfeinde zu entlarven. Vor dem Berliner Fernsehstudio, in dem Thilo Sarrazin und Peer Steinbrück unter Günther Jauchs dezenter Gesprächsführung über den Euro stritten, reckte ein Häuflein Aufmüpfiger Plakate in die Höhe. Darauf stand: „Halt’s Maul – oder wir schlagen zurück!“, und auf einem anderen: „Deutschland, halt’s Maul.“ Was nun eher das Gebot für solche, wie sie sich gerne nennen, „antideutsche“ Gesprächsverweigerer selbst wäre. Auch „Jusos“ waren vor Ort. Protest ist das nicht, sondern ein tumbes Suhlen in der eigenen Orthodoxie samt Prügelandrohung für den Abweichler.

Konzertierte Bambule etablierter Politiker

Auch in der politischen Klasse ist man nicht gut zu sprechen auf den Zahlenfetischisten und Mentalitätserklärer. Mögen muss ihn keiner, seine Bücher kaufen erst recht niemand. Zustimmungspflichten zu Privatmeinungen sind im Grundgesetz nicht vorgesehen. Sarrazin aber scheint sich eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht zu haben, weshalb er seines Teils seiner Freiheitsrechte verlustig gehen soll. Gewiss, allein dieser Verdacht treibt ihm weitere Aufmerksamkeit und wachsende Umsätze zu. Die Gloriole des Märtyrers ist Gold wert.

Der schlichte ökonomische Zusammenhang ändert jedoch nichts daran, dass weit schriller als die Deutungsarithmetik des ehemaligen Bundesbankers die konzertierte Bambule etablierter Politiker ist. Freiheit ist immer die Meinung des Andersdenkenden? Das war einmal. Heute haben sich CDU, SPD, FDP und Grüne der neudeutschen Devise verschrieben: Jeder darf meine Meinung haben. Wehe denen, die mir meine Diskurshoheit streitig machen. Dann gibt’s einen Krawall, dann lehren wir dich Mores, mein ist das Gesetz und die Wahrheit.

Keineswegs eine Petitesse war die Auslassung des Generalsekretärs einer ehemals liberalen Partei, Patrick Döring, der sich gerne launig als „der Dicke“ apostrophiert. Herr Döring erklärte einen Satz aus Sarrazins neuem Buch für „unzulässig“ – in ähnlicher Terminologie hat einst der Wohlfahrtsausschuss seine Urteile verkündigt – und dekretierte steil, derlei habe „im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen.“ Der SPD-Politiker Reinhold Robbe sah „Schwachsinn“ walten und riet jedem aufrechten Demokraten, Sarrazin in Talkshows zu boykottieren. „Unsinn“ wiederum in seiner „nationalistischen“ Form ortete Renate Künast von den Bündnisgrünen, was ebenfalls „nicht zum Bildungsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders“ passe. Dass man Sarrazins Wirken zu Recht mit Hass begegnen könne, sprach wiederum der Finanzminister von der CDU aus. Des Verachtens wert, so Wolfgang Schäuble, sei das Kalkül, mit dem Sarrazin seinen „himmelschreienden Blödsinn“ fabriziere.

Darüber muss man streiten dürfen

Noch einmal zum Mitschreiben, liebe Volksvertreter: Gerade Schwachsinn, Unsinn, Blödsinn sind komplett von der Meinungsfreiheit gedeckt. Sonst schwänge der Staat sich auf zum Meinungspolizisten, sonst wäre die Republik eine Gesinnungsdiktatur. Wollt ihr das? Auch auf die Gefahr hin, dass morgen vielleicht ganz andere Mehrheiten ganz andere Meinungen für Schwach- und Un- und Blödsinn halten und sie deshalb ächten und vertreiben wollen? Vielleicht gar die Meinungen von Döring, Robbe, Künast, Schäuble, die heute das Gewand der Wahrheit auftragen?

Sarrazin hat in seinem Buch bekanntlich geschrieben, die Befürworter der Eurobonds seien „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben.“ Darüber kann man trefflich streiten. Darüber muss man vor allem streiten dürfen. Wer für Kontaktsperren und Auftrittsverbote plädiert und Hass empfiehlt und Prügel androht, der ist ein „lupenreiner“ und also nicht einmal ein halber Demokrat. Und wer abweichende Meinungen für strafwürdige Verbrechen an einer gemeindeutschen Wahrheit hält, gibt dem Tyrannen in sich Zucker.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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