Wes Geistes Kind sie sind

von Alexander Kissler20.09.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Besuch Benedikts XVI. wird zeigen, wie das spätmoderne Deutschland sich begreift: Welches Bild hat die unsichere Republik von sich selbst? Ist sie erwachsen oder noch pennälerhaft?

Am Donnerstag dieser Woche beginnt die viertägige Pastoralreise Papst Benedikts XVI. nach Deutschland. Dann wird hoffentlich im Mittelpunkt des öffentlichen wie des veröffentlichten und also gelenkten Interesses stehen, was der Papst zu sagen hat, und nicht länger, was er sagen solle und was er auf keinen Fall sagen dürfe. Kurz nämlich bevor das Flugzeug mit dem klugen alten Mann, diesem, wie es früher hieß, „ehrwürdigen Greis“, römischen Boden verlässt, läuft die deutsche Debattensimulationsmaschine auf Hochtouren. Die Veteranen der Los-von-Rom-Bewegung schmettern noch einmal ihre Fanfaren mit brüchig gewordener Stimme: Mehr Laien! Mehr Frauen! Mehr Sex! Und weniger Moral bitte! Benedikt soll, wie noch fast jeder Papst vor ihm, den Deutschen als Spaßbremse und Spielverderber vorgeführt werden. Ernstlich irritieren kann das nur jenes Spezialpublikum, dem der Spaß über alles geht und dessen Leben nach den Gesetzen des Roulettetisches eingerichtet ist.

Business as usual

Der Papst wird zu den Bedrängnissen einer mannigfach gefährdeten Moderne sagen, was zu sagen ihm aufgetragen ist von Schrift und Tradition. Jener Subjektivismus, der ganz Welt wurde und den die Welt als einzige Grundlage schlicht jeder Äußerung gelten lässt, ist seines Amtes Sache nicht. Er wird warnen vor Egoismus und Hedonismus als Lebensentwürfen und auf das liebende Antlitz Christi verweisen. Er wird Bescheidenheit und Solidarität im Großen, Geduld und Zuversicht im Kleinen und Liebe in allem predigen. Und manches verstopfte Ohr wird es ihm mit Anmaßung, Egoismus, Ungeduld, Missmut und Hass vergelten. Business as usual. Was aber werden die Politiker sagen, die ihn begrüßen und als Politiker natürlich das Ohr an der Demoskopie haben? Höflich müssen sie den Staatsgast empfangen, einen diplomatische Fauxpas gilt es unbedingt zu vermeiden. Zugleich erwarten substantielle Teile des Wahlvolkes teutonischen Gratismut im Angesicht „Roms“, jener Universalchiffre für das eigene schlechte Gewissen. Diesen Spagat zu beobachten, dürfte die reizvollste Übung sein an den vier benediktinischen Tagen. Anders waren die Zeiten, als an der Spitze des Staates ein bekennender (evangelischer) Christ stand. Horst Köhler erlebte die erkennbar schönsten Augenblicke seiner Präsidentschaft, als er im August 2005 und im September 2006 den Papst begrüßte, erst in Köln, dann in München. Er lobte aus vollem Herzen Benedikts „theologische Entschiedenheit und intellektuelle Kraft“, die „Weisheit und Überzeugungskraft“ seiner Sprache und seines Denkens. „Das ist ein großer und schöner Tag für uns alle“, sagte Köhler auf dem Flughafen Köln/Bonn. Von Christian Wulff sind dergleichen Bekenntnisse nicht zu erwarten. Zum Christentum äußert das Mitglied der römisch-katholischen Kirche sich seltener als zum Islam. Das Bedürfnis nach dem persönlichen Tonfall wird bei ihm durch Anekdoten aus dem Leben eines verliebten Vaters und Patchworkers abgedeckt. Die scharfe Provokation ist auch nicht sein Metier. Insofern dürfen wir uns auf eine Lobrede auf die Religion als Mittel der Völkerverständigung bei gleichzeitiger Warnung vor Fundamentalismen jedweder Couleur freuen.

Ein Besuch, der viel über die Deutschen aussagt

Die Ministerpräsidentin von Thüringen, eine evangelische Theologin, ließ sich – im Gegensatz zum protestantischen Establishment – in ihrer Vorfreude nicht hemmen. Christine Lieberknecht sind in Erfurt substantielle Aussagen zum Stand der Ökumene zuzutrauen. Am spannendsten dürfte der Auftritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten auf dem Flughafen von Lahr werden. ZDK-Katholik Winfried Kretschmann soll sich dem Vernehmen nach für seine Rede von dem Freiburger Reformpriester Eberhard Schockenhoff beraten haben lassen. Dieser sprach sich bekanntlich in einer vielleicht gar konzertierten Aktion gemeinsam mit seinem Ortsbischof Robert Zollitsch zugunsten der Kommunion für staatlicherseits geschiedene und staatlicherseits neu verheiratete Eheleute aus. Diesen Primat der weltlichen Politik im Binnenraum der Kirche befürwortet Schockenhoff in seinem neuen Buch. Kaum anders äußerte sich Zollitsch in mehreren Interviews. Es könnte also in Lahr aus Kretschmanns/Schockenhoffs Munde zum Fait accompli kommen, das der Papst sich duldend wird anhören müssen. So oder so: Die vier Tage werden wie in einem Brennspiegel zeigen, welches Bild das Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts von sich selbst hat, über welche Manieren es verfügt, in welchem Takt sein Herz schlägt, wes Geistes Kind es ist. Zwischen Totalblamage, Pennälertum und Souveränität ist alles drin. Faites vos jeux!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu