The show must go on

Alexander Kissler25.01.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Unter den Bedingungen der Medienindustrie darf kein Körper sterben: Lektionen aus dem öffentlichen Tod der Carolin Wosnitza, genannt “Sexy Cora“.

Am Ende von Kafkas “Prozess“ stirbt Josef K. “wie ein Hund“, und darum ist es so, “als sollte die Scham ihn überleben“. Darf man bei dieser Zeile in diesen Tagen an das traurige Enden der Carolin Wosnitza denken? Die junge Frau fiel bei einer Operation ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. Zuvor hatte ihr Herz viel zu lange ausgesetzt, als dass es sich davon wieder hätte erholen können. Ihr Gehirn war irreparabel geschädigt. Trifft den Anästhesisten eine Schuld, der womöglich den Herzstillstand zu spät bemerkte? Hat der Chirurg “geschlampt”:http://www.abendblatt.de/hamburg/article1766864/Carolin-Wosnitza-starb-an-einer-Hirnlaehmung.html? Der Tod kam zu “Carolin Wosnitza”:http://de.wikipedia.org/wiki/Carolin_Wosnitza in einer privaten “Hamburger Schönheitsklinik”:http://www.alster-klinik.de/news-artikel.php?id=8. Die 23-jährige Frau wollte sich dort zum fünften, nach anderer Zählweise zum sechsten Mal die Brust vergrößern lassen. Geht man davon aus, dass Carolin Wosnitza das erste Implantat sich erst nach Erreichen der Volljährigkeit in den Leib schieben ließ, dann suchte sie seitdem ungefähr einmal pro Jahr die Nähe von Skalpell und Silikon. Die bisherigen Eingriffe fanden in einem polnischen Hospital statt. Dort wollte man das Risiko für eine weitere Operation nicht tragen. Die zierliche Frau trug jetzt schon schwer an den Gewichten.

Allabendlicher TV-Voyeurismus

Bundesweit bekannt wurde Carolin Wosnitza durch die Teilnahme am letztjährigen “Big Brother“ bei RTL II. Das Schmuddelformat ist ein relativ ertragreicher Versuch, Exhibitionismus und Voyeurismus im Prekariatsmilieu zu verbinden. In diesem Frühjahr soll die elfte Staffel gesendet werden. Programmdirektor Andersen lobt die Fähigkeiten von RTL II, durch “Big Brother“ regelmäßig “die Zuschauer zu überraschen und zu begeistern“. Der Geschäftsführer der produzierenden Firma Endemol, Wolter, verspricht abermals “die ungeschminkte Realität“ bei dieser “TV-Sensation“, einer einzigen “Erfolgsgeschichte“. Carolin Wosnitza starb rund zehn Monate, nachdem sie das “Big Brother“-Haus am 9. März 2010 freiwillig verlassen hatte. Deutschlands größte Zeitung gewährt derzeit Einblicke in das “Protokoll eines verpfuschten Lebens”:http://www.bild.de/BILD/news/2011/01/24/big-brother-busenstar-cora/protokoll-eines-verpfuschten-lebens-wie-aus-der-kleinen-carolin-sexy-cora-wurde.html. Mit einer Artikelserie wird das traurige Dasein eines Menschen nacherzählt, der sich verkaufte. Der vielfach umgebaute und beschriftete Körper sollte “Sexy Cora“ einerseits Marktvorteile verschaffen im Verdrängungswettbewerb der Pornobranche. Andererseits sprach wohl aus dem steten Verlangen nach optimierter Oberfläche ein fundamentales Ungenügen am Innern. Gab nicht jede neue Zurichtung die Herrschaft über das eigene Ich weiter aus der Hand, machte es einem anonymen Begehren gefügig mehr und mehr?

Entsorgung der Seele

Vor allem aber ereigneten sich Aufstieg und Untergang eines Starlets im gleißenden Licht der medialen Öffentlichkeit, die im Tod letztmals und endgültig triumphiert. Als benutzter, angegaffter Körper wird Carolin Wosnitza nie zur Ruhe kommen. Fernsehen und Internet halten sie nach ihrem Tod verfügbar, auf ewig scheinbar. Das Motto der Unterhaltungsprofis, “The show must go on“, zeigt hier seine zynische Seite. Die Endlosshow der geistbefreiten Körper geht nicht nur weiter, sie hat nie innegehalten. In ihr gab es keinen Tod der Carolin Wosnitza, standen ihre Bilder niemals still, werden sie niemals schweigen. Die Scham muss die Person nicht überleben, weil da niemand mehr ist, der sterben dürfte. Das bekannte Trostwort kehrt sich also unter den Bedingungen der Medienindustrie um: Die Seele wird entsorgt, der Körper muss leben. Haben wir uns daran schon gewöhnt?

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