Vom Teig zum Geschmacksverstärker

Alexander Kissler25.09.2009Gesellschaft & Kultur, Politik

Ein Gassenhauer geht so: Wer wüsste schon zu benennen, worin das unterscheidend Konservative heute besteht – in einer Zeit, die auf Tempo, Veränderung und Wandel geeicht ist?

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Dabei wird leicht übersehen, dass theoretisch die Zeiten ideal sind für eine konservative Bewegung. Deren Ursprünge liegen in der Abwehr der Französischen Revolution. Die Umstürze am Ende des 18. Jahrhunderts ließen die bewahrenden Kräfte zur Bewegung zusammenschießen. Konservativ war man, wenn man die Beschleunigungen ablehnte. Konservative, schreibt Klaus Epstein, halten die Errichtung eines irdischen Paradieses, “einer Gesellschaft, die Glückseligkeit für alle realisiert”, für weder wünsch- noch realisierbar. Ihnen gilt Erfahrung mehr als Konzepte, sie vertrauen auf Vielfalt statt Normen, auf das Individuum statt auf die Gesellschaft, sie schätzen den status quo mehr als die terra incognita. “Mit einer fast paradoxen Wendung könnte man sagen, dass der Konservativismus ein statisches Ziel und einen dynamischen Charakter hat, während der Progressismus eine dynamische Zielsetzung hat, in dem unveränderlichen Charakter seines Zieles jedoch oft genug statisch ist.”

Das konservative Element ist zur Zutat fast aller Parteien geworden

Heute herrscht kein Mangel an Ungewissheiten. Täglich neu werden die Bedingungen des Arbeitsmarktes verhandelt. Die Technik stellt vor Probleme, die zu lösen das moralische Instrumentarium fehlt. Die Forschung führt den Menschen in Grenzbereiche. Vor diesem Hintergrund wächst die Sehnsucht nach dem Bewahrenden; nur wird diese Sehnsucht von verschiedenen Parteien gestillt. Das konservative Element ist vom Alleinstellungsmerkmal einer Partei zur Zutat geworden fast aller Parteien. Was gestern Teig war, ist heute Geschmacksverstärker. Die SPD ist strukturkonservativ in ihrem Verlangen, den Staat stark und die Bürger abhängig zu halten. Die Grünen haben den schonenden Umgang mit der Schöpfung in ihrer Gründungsurkunde festgeschrieben. “Die Linke” ist insofern bewahrend, als sie strikt national denkt und den Einfluss von EU, Nato, USA zurückdämmen möchte. Die FDP hat das Rückgrat des konservativen Menschenbilds übernommen, die Skepsis gegenüber Staat und Politik. Sie alle sind in gewisser Hinsicht konservativ, sind aber keine konservativen Parteien. Und Angela Merkel treibt derweil die Sozialdemokratisierung der CDU voran, setzt auf den Staat statt den Bürger, auf Vorschrift statt Vielfalt, auf Technik statt Erfahrung.

“Du darfst”-Konservativismus

“Zukunft braucht Konservative”, lässt die CSU verlauten, aber der “moderne Konservativismus” kommt trotz manch kluger Gedanken als Gemischtwarenladen daher. Generalsekretär Dobrindt will im gleichnamigen Sammelband “Vertrauen in die Familien setzen” und zugleich “für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf” eintreten. Ein solcher Konservativismus sei “der wahre und authentische Liberalismus”. Karl-Theodor zu Guttenberg wirbt für “starke Wirtschaft und Klimaschutz” und einen Markt mit “Moral, Glaubwürdigkeit und Vertrauen”. Der bayerische Finanzminister Fahrenschon plädiert für ein “menschliches und modernes Gesellschaftsbild” auf der Grundlage der Verantwortungsethik. Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist immer mal wieder, aber nie durchgängig konservativ. Als Reaktion darauf entstehen Programme, die diesen “Du darfst”-Konservativismus abbilden. Die Konservativen aus Prinzip werden im gegenwärtigen Parteienspektrum nicht repräsentiert. Deshalb wird vermutlich auf mittlere Sicht ein Sammelbecken der dynamischen Entschleuniger entstehen.

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