Christentum ist Auferstehungsglaube

von Alexander Kissler1.04.2010Gesellschaft & Kultur

Einmalig und historisch: Christsein heißt, an die leibliche Auferstehung Jesu Christi zu glauben. Eine wahre Geschichte, keinen Mythos wollen die Evangelisten erzählen.

Vor den Hochfesten haben sie in den Zeitungen und Zeitschriften Konjunktur, die Nachfahren der Auguren und der Haruspizes. Wie weiland aus dem Vogelflug oder den Tiereingeweiden wollen sie eine göttliche Stimme in Menschensprache übersetzen. Mehr noch, enträtseln wollen sie, ob da je ein Gott war. Sie beugen sich über Steinbrocken, rücken alten Tüchern mit der Radiokarbonpistole zu Leibe, kratzen hier, blinzeln dort, addieren, subtrahieren. Am Ende steht ein respektables Ergebnis, doch die Frage aller Fragen wird sich so nie beantworten lassen: War Jesus von Nazareth mehr als ein Wanderprediger? Stand er von den Toten auf?

Die Evangelien wollen eine wahre Geschichte erzählen

Mit dem Instrumentarium des Glaubens sieht die Sache anders aus. Dann ist nicht die naturwissenschaftliche Methode das Mittel der Wahl. Stattdessen stellt sich eine ebenso alltagspraktische wie anthropologische Grundfrage: Können wir Menschen glauben, vertrauen, Dinge behaupten, jenseits unserer eigenen Vorstellungskraft, unserer eigenen Erlebniswelt? Sind die Zeugen der Bibel glaubwürdig? Maria Magdalena und die Jünger sahen den auferstandenen Christus mit eigenen Augen. Sie sprachen, gingen, aßen mit ihm. Jedes Evangelium legt Wert darauf, dass es eine wahre Geschichte erzählt. “Und der das gesehen hat,” heißt es bei Johannes, “der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und dieser weiß, dass er die Wahrheit sagt, auf dass auch ihr glaubt.” Karfreitag und Karsamstag nachzuvollziehen fällt leicht. Von Tod und Leid ist jedes Leben durchdrungen. An der Auferstehung scheiden sich die Geister. Sie steht quer zu allem Alltag, quer zu jeder menschlichen Existenz. Durch dieses Nadelöhr aber muss hindurch, wer dem Tod das letzte Wort nicht gönnt. Mit der Auferstehung, sagte Benedikt XVI. in der Osternacht 2009, ereignet sich eine “Eruption des Lichts”. Seit diesem Tag ist “die Gravitation der Liebe stärker als die des Hasses, die Schwerkraft des Lebens stärker als die des Todes”.

Die Auferstehung nur ein Sprachspiel?

Für diesen Sieg ist es nötig, dass die Auferstehung ein Faktum ist – in den Worten Benedikts: eine “geschichtliche Realität, weder ein Mythos noch ein Traum, weder eine Vision noch eine Utopie, kein Märchen, sondern ein einmaliges und unwiederholbares Ereignis”. Das Grab war wirklich leer, der Tod wirklich besiegt. So und nur so lautet die christliche Erzählung der österlichen Tage. Zuweilen hört man aus Christenmund, die Auferstehung sei eine fromme Legende. Entscheidend sei nicht das Ereignis, sondern dessen gemeinschaftsstiftende Folge. Weil die Jünger nicht davon abließen, ihrem gekreuzigten Meister erinnernd die Treue zu halten, sei er in die Gemeinde hinein auferstanden – als Sprachspiel und Moralregel. Und für einen solchen blassen Schemen sollen die Märtyrer sich haben rösten lassen? Nur das leere Grab kann eine derart unwiderstehliche Bewegung wie das Urchristentum in Gang gesetzt haben. Nur die leibliche Auferstehung kann zu all den Gebeten an Jesus als den Christus ermuntert haben. Und nur im Vertrauen auf den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung werden aus Anhängern einer “jesuanischen Ethik” Christen. Um keinen Deut billiger ist der christliche Glaube zu haben. Natürlich muss niemand ihn teilen, muss niemand sich von den Zeugen selbst überzeugen lassen. Es aber tun oder nicht tun markiert die Grenze. Christentum und Auferstehungsglaube sind dasselbe. Seit damals haben Christus und Christenheit dieselbe Geschichte. Auch die Kirche, weiß Benedikt, “scheint immer untergehen zu müssen, und immer ist sie schon gerettet”.

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