Praktizierte Ganzhingabe

Alexander Kissler17.02.2010Gesellschaft & Kultur

Der Zölibat ist keine pragmatische Einrichtung, und eben deshalb kann er nicht einfach abgeschafft werden – kein Papst würde das je tun. Wer dagegen wettert, hat nicht verstanden, dass die Ehelosigkeit ein Einspruch ist gegen die Vertröstungen des Diesseits.

Wer an Krimis gewöhnt ist, mag dieser Dramaturgie nicht folgen: In kaum einem “Tatort”, keinem “Polizeiruf” wird mit dem erstbesten Verdächtigen gleich der Schuldige serviert. Der, auf den sich die ermittelnde Corona nach wenigen Minuten stürzt, ist fast sicher komplett unbeteiligt. Die Spuren, die zu ihm zu führen scheinen, verdanken sich einer schnellen Erregbarkeit im Eifer des Gefechts, einer Portion Denkfaulheit und mehreren Prisen Dünkel. Nicht anders verhält es sich beim Zölibat, der nun auf die Anklagebank geschoben wird. Er soll auf eine verschlungene Weise schuld daran sein, dass einige Jesuiten vor 40 oder 30 Jahre ihre Triebe nicht zu zügeln wussten. Also möge er auf dem Schrotthaufen der Geschichte landen.

Augen zu und weg damit

Jene eher plappernde denn argumentierende Debatte, der wir in diesen Tagen allüberall begegnen, zeichnet sich durch eine reflexhafte Blickverengung aus. Den meisten Kommentatoren ist das Wesen des katholischen Christentums gerade so vertraut wie dem Hobbyastronomen der Mond, den er mit selbst gebasteltem Teleskop mühsam fixiert: Sehr fremd und sehr weit weg ist dieser geheimnisvolle Planet. Und viel mehr will man eigentlich gar nicht wissen, als dass sich das Katholische in fernen Galaxien abspielt, fern der eigenen Schreibstube, fern dem eigenen Fühlen, Wollen und Tun. Katholiken, sind das nicht jene, die auf Knien beten, in Beichtstühlen bekennen und den Papst verehren? Davon abgesehen, dass auch in katholischen Kirchen mittlerweile mehr gesessen und gestanden als gekniet wird, dass Beichtstühle oft zu Abstellkammern geworden sind und Theologen zu scharfen Papstkritikern: Darin geht das katholische Leben genauso wenig auf, wie sich etwa das Dasein eines Evangelischen darin erschöpfte, Diät zu halten, Choräle zu singen und Lutherbildchen auszumalen. Beide Konfessionen wollen in erster Linie – je unterschiedliche – Wege sein zu Christus. Und der römisch-katholische Weg ist an die allgemeine Ehelosigkeit der geweihten Priester gebunden.

“Adsum – ich bin bereit”

Jeder Mann, der freiwillig nach mehrjähriger Vorbereitung und im völligen Bewusstsein der lebenslangen Bindekräfte sein “Adsum – ich bin bereit” bei der Weihe spricht, weiß, was er da tut. Er macht sein Leben zu einem Zeichen für den (ebenfalls ehelosen) Christus. Er praktiziert Ganzhingabe. Er vertraut auf die Präsenz Christi in ihm, rückhaltlos und unumkehrbar. Nicht abwaschbar ist das Mal der Weihe. Ihr Träger mag es schuldhaft entehren oder unfreiwillig befleckten: Es bleibt ihm doch. Insofern verfehlt es den Kern der Sache, wenn nun immer und immer wieder pragmatisch argumentiert wird. Der Zölibat ist keine pragmatische, sondern eine theologische Einrichtung. Darum wird er missverstanden in einer Zeit, die für jede Frage nur pragmatische Antworten bereithält. Er steht komplett quer zu den Bedingungen, die das 21. Jahrhundert an eine sozial akzeptierte Lebensform stellt. Er ist antibürgerlich, er macht nicht mit beim allgemeinen Ringelpiez und Fleischbeschau, er akzeptiert nicht die Vertröstungen des Diesseits. Und wenn denn schon pragmatisch argumentiert werden soll: Kein Papst, der bei Sinnen ist, kann die Hand reichen zur Abschaffung des Zölibats. Die Kirche flöge ihm um die Ohren. Austrittsbewegungen und neue Kirchengründungen wären die Folge. Auch deshalb ist das aus Unkenntnis und Desinteresse gespeiste Urteil gegen den Zölibat oft nicht mehr als eine Spukgeschichte: Die Geister, die man nicht begreift, will man vertreiben.

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