Deutschland ist, wenn neben den Containern für Weiß-, Grün- und Braunglas drei einsame blaue Flaschen stehen. Marina Weisband

Ein Bund, ein Erlöser

Benedikt XVI. bewies in der römischen Synagoge, wie wichtig ihm der jüdisch-katholische Dialog ist. Wie passt das zusammen mit den Irritationen um die Karfreitagsfürbitte?

Geschichte wird gemacht: Bereits zum dritten Mal hat Papst Benedikt XVI. eine Synagoge besucht. Nach Köln 2005 und New York 2008 folgte nun Rom. Einem Deutschen also war es vorbehalten, ein neues Kapitel in der Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen aufzuschlagen. Wer die Schriften des Joseph Ratzinger kennt, dürfte darüber kaum verwundert sein. Die “Theologie des einen Bundes” ist für ihn zentral, und in seinem Buch über Jesus von Nazareth nannte er diesen “die lebendige Tora Gottes”. Jesus habe “den Gott Israels zu den Völkern getragen”.

In vielen Aufsätzen und Vorträgen warnte Joseph Ratzinger davor, das Christentum von seiner jüdischen Wurzel losreißen zu wollen. “Die Abstoßung von Mose und den Propheten”, heißt es im Jesus-Buch, “gehört zu den großen Versuchungen der Neuzeit.” Die Kirche aber sei ein “erneuertes Israel, das das alte nicht ausschließt oder aufhebt, aber überschreitet ins Universale hinein”. In den 90er-Jahren bezeichnete er Christus als den “gegenwärtigen Sinai” und folgerte: Altes und Neues Testament könne man nicht “als zwei verschiedene Religionen einander gegenüberstellen; es gibt nur einen Willen Gottes mit den Menschen, nur ein Geschichtshandeln Gottes mit den Menschen, das sich freilich in unterschiedlichen und zum Teil auch gegensätzlichen, aber in Wahrheit zueinander gehörenden Eingriffen vollzieht.”

Christen und Juden beten zum selben Herrn

Der Besuch der Synagoge zu Rom hat bewiesen, dass diese Theologie des Judentums für den Papst bindend geblieben ist. Er bekräftigte die “geistliche Nähe und Brüderlichkeit”, basierend auf den gemeinsamen Wurzeln, der gemeinsamen Geschichte und dem “reichen geistlichen Erbe”. Die Zehn Gebote seien “ein Leuchtfeuer und eine Lebensnorm in der Gerechtigkeit und Liebe, eine ethische Magna Charta für die ganze Menschheit” – für Juden wie Nichtjuden, Gläubige und Glaubenslose. Christen und Juden müssten den Dekalog bekannt machen und ihm gehorchen, denn “sie beten zum selben Herrn, haben die gleichen Wurzeln”.

Dennoch wäre es Augenwischerei, über den gemeinsamen Ursprung und den gemeinsamen Horizont die Differenzen zu vergessen. Altes und erneuertes Israel sind nicht dasselbe, Juden sind keine Christen, Christen keine Juden. Benedikt, Realist durch und durch, sprach in der Synagoge dezent vom “Bewusstsein der zwischen uns bestehenden Unterschiede”. Für Christen, die ihren Namen ernst nehmen, kann es keinen Zweifel geben an der Wahrheit jenes Satzes, den Benedikt Anfang 2009 aussprach: “Jesus Christus ist der Retter und Erlöser aller Menschen und Völker.” Wer wollte von einem Papst ernsthaft verlangen, er möge das Bekenntnis zu Christus relativieren? Wer wollte es irgendeinem getauften Menschen raten? Nicht die Verleugnung von Differenzen, sondern die Bereitschaft, ehrlich und freundschaftlich damit umzugehen, weist den Weg zum Frieden. Indifferenz macht ignorant.

Die Karfreitagsfürbitte ist kein Verrat an der Theologie des Bundes

Insofern ist die für den überlieferten gregorianischen, den vorkonziliaren Ritus reformulierte Karfreitagsfürbitte kein Verrat an der Theologie des Bundes. Nur wer im eigenen Glauben eine Last sieht oder eine Drohung, wird ihn anderen nicht zumuten wollen. Die an Gott gerichtete Fürbitte, die Juden mögen “Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen”, ist von der Überzeugung getragen, ebendiese Erkenntnis an sich selbst bereits als Freude statt Bürde erfahren zu haben, als Bereicherung und nicht als Einengung, als Freiheit und nicht als Knechtung.

Ob überhaupt und wie und wann diese Geschenkbitte erhört wird, steht völlig dahin. Einstweilen gilt die rhetorische Frage des Philosophen Robert Spaemann in ihrer ganzen Abgründigkeit: “Sollten wir Christen vielleicht wirklich so antisemitisch sein, dass die Juden die einzigen Menschen auf der Welt sind, für die wir nicht erbitten, dass sie in Jesus ihren Erlöser erkennen?”

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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