Cordoba und Cordoba

von Alexander Kissler26.08.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Eine Moschee, die es noch gar nicht gibt, spaltet die USA. Unweit des am 11. September 2001 zerstörten World Trade Centers soll ein islamisches Begegnungszentrum entstehen. Der Bau einer Moschee an derart sensibler Stätte ist erlaubt, wäre aber unklug. Er rührt an alte Wunden und wird neue schaffen – auch wegen seines zweideutigen Namens.

Dürfen Meinungsumfragen die Religionsfreiheit einschränken? Nein. Darf das Recht auf Religionsausübung an andere Bedingungen geknüpft werden als an die Gesetzes- und Verfassungstreue der Religiösen? Nein. Sollen Muslime also in der Nähe von Ground Zero eine Moschee bauen? Abermals nein. In dem fast unüberschaubar gewordenen Konflikt um die Pläne, unweit des Tatorts vom 11. September 2001 eine Moschee samt Begegnungsstätte entstehen zu lassen, treffen zwei ganz verschiedene Betrachtungsweisen aufeinander. Einerseits steht die Frage zur Debatte, ob die Religionsfreiheit in den USA für alle Religionen gleichermaßen gilt. Selbstverständlich tut sie das, und darum ist es falsch, allen Gegnern des Moscheebaus zu unterstellen, sie wollten die allgemeinen Freiheitsrechte verringern. Niemand kann, niemand will ernsthaft an der Religionsfreiheit rütteln.

Nicht alles, was erlaubt ist, sollte auch getan werden

Daneben gibt es aber eine zweite argumentative Ebene, auf der dieser Konflikt verhandelt wird und auf der er auch entschieden werden sollte. Dieser zweite Aspekt ist die Frage nicht nach der Zulässigkeit, sondern nach der Klugheit. Nicht alles, was erlaubt ist, sollte auch getan werden. Nicht jedes Recht verlangt nach seiner gebieterischen Durchsetzung. Wenn Rechte und Pflichten kollidieren, beweist das Beharren auf den Rechten nicht unbedingt die Reife und die Verantwortung des Beharrenden. Und neben dem Recht auf Religion gibt es eben auch, zumal in multireligiösen Gesellschaften, die Pflicht zur Rücksichtnahme, die Pflicht, das Gemeinwohl zu bedenken. Ich weiß nicht, welche Zwecke die Initiatoren von der “Cordoba Initiative” mit ihrem zulässigen, aber unklugen Plan im Einzelnen verfolgen. Laut Selbstdarstellung will man die “Brücke zwischen dem Islam und dem Westen stärken” – in den zehn Jahren ihres Bestehens scheint die Initiative diesem Ziel näher gerückt zu sein. Umso befremdlicher wirkt es, wenn jetzt unter dem Namen Cordoba eine Moschee unweit der Stätte gebaut werden soll, die durch muslimische Selbstmordattentäter in Schutt und Asche verwandelt worden ist.

Die Moschee taugt nicht als Symbol der Verständigung

Cordoba ist nämlich nicht nur, wie es die Initiative darlegt, Symbol eines weitgehend friedlichen “Miteinanders von Muslimen, Juden und Christen vor tausend Jahren”. Die Geschichte des Kalifats von Cordoba, das von 929 bis 1031 währte, schöpft nur einen Teil des symbolischen Gehalts von Cordoba aus. Cordoba steht auch für die kriegerische Ausbreitung des Islam im achten Jahrhundert und eine rabiate Christenverfolgung. Die rund 50 “Märtyrer von Cordoba” gehören zum abendländischen Gedächtnis: Sie wurden zwischen 850 und 859, wie ein heutiger Historiker schreibt, “als Unruhestifter unter strikter Anwendung des islamischen Rechtes in Moscheen und auf Märkten hingerichtet”. Christen war es damals generell untersagt, ihren Glauben öffentlich zu bekennen. Gewiss, auch die christliche Reconquista verfuhr nicht zimperlich, als sie 1236 Cordoba zurückeroberte. Gerade deshalb rührt der Name Cordoba an alte Wunden und reißt neue auf. Eine Moschee, die in ihrem Namen auch die Erinnerung an Christenverfolgung und islamischen Eroberungsdrang trägt, taugt nicht als Symbol der Verständigung. Kann es klug sein, einer Stadtgesellschaft, die an den Folgen eines Massenmords unter islamischer Flagge noch immer trägt, die Male früherer Intoleranz einzupflanzen?

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