Sensationslüstern, unpräzise, mitleidslos und geschwätzig

von Alexander Kissler2.10.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

An der Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden zeigt sich, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Niveau den Privatsendern längst angepasst haben. Ein Auszug aus Alexander Kisslers neuem Buch “Dummgeglotzt”.

Die “Bilder des Tages” sehen am 11. März 2009 so aus: Autos stauen sich, Polizeiautos fahren vor, Leichenwagen auch, Hubschrauber kreisen, eine Schule wird mit rot-weißem Sperrband abgeriegelt, Polizisten mit und ohne Maschinengewehr patrouillieren gemessenen Schrittes, Leichenbahren werden vorbei getragen, Schüler stehen in Gruppen vor der abgeriegelten Schule, Erwachsene gesellen sich zu ihnen, schütteln die Köpfe, umarmen einander, weinen und jedes Bild, das die Kamera liefert, zeigt Kameras, Kameras, Kameras. Das Fernsehen ist ausgeschwärmt nach Winnenden. Dort lief ein 17-jähriger Junge Amok. Die “Bilder des Tages”, mit denen das Zweite Deutsche Fernsehen sein 45-minütiges “ZDF Spezial: Amoklauf an Schule” beendet, unterscheiden sich nicht von den Bildern, die auch die konkurrierenden Sender im Angebot haben. Mehr gibt es nach einer solchen Gewalttat nicht zu sehen als den Ort des längst abgeschlossenen Geschehens und als Menschen, die über das Geschehen zu berichten wissen, aus erster, zweiter oder zur Not auch aus dritter Hand. Darum waren die das “ZDF Spezial” einleitenden Worte des Moderators Steffen Seibert angemessen: “Wir stehen also wieder fassungslos vor einer Tat, deren Einzelheiten wir zwar beschreiben können, für die wir aber im Grunde keine Worte haben.”

Schockieren, indem man das Leid der anderen grell ausstellt

Weil das Fernsehen jedoch lieber plappert als redet und Schweigen nicht vorgesehen ist, weil es auch nicht genug bekommen kann von Bildern und Bildern, gerieten die 45 Minuten zum Fiasko. So anspruchsvoll es ist, zehn Stunden nach einem Massenmord diesen auf den Begriff zu bringen: Derart sensationslüstern, unpräzise, mitleidslos und geschwätzig vorzugehen, deutet auf ein prinzipielles Defizit. Ganz offenbar unterscheiden sich die Ziele und die Methoden der öffentlich-rechtlichen Berichterstattungen kaum mehr von jenen der angeblich weniger seriösen privaten Konkurrenz. Man will schockieren, indem man das Leid der anderen grell ausstellt. Ein Großteil der mit einer Dreiviertelstunde extrem langwierigen Sondersendung wird dadurch gefüllt, dass man sich immer wieder das eine Wort vorsagen lässt: Fassungslosigkeit. Gewiss ist das Wort naheliegend nach dem gewaltsamen Tod von 16 Menschen durch die Pistole eines Minderjährigen. Nichts Erhellendes aber zum Fall trägt seine epidemische Präsenz bei. Die Tautologie verhindert jedes Begreifen. Der Landespolizeipräsident berichtet, es falle ihm “verdammt schwer, die Fassung zu bewahren”, wenn er in die Gesichter der Eltern schaue. Außenreporter Lothar Becker wird aus der Winnendener Karl-Borromäus-Kirche zugeschaltet: “Fassungslosigkeit ist wirklich das einzige, was man dazu sagen kann.” Neben ihm steht ein Bischof und sekundiert, “der tiefe Schock” sitze grade bei den Lehrern und den Polizeibeamten “schon sehr tief”. Im Studio bestätigt ein “Trauma-Experte”, die Betroffenen stünden “in der Regel unter einem massiven Schock”. Moderator Seibert stellt den im Interview zugeschalteten Polizeipräsidenten mit den Worten vor, “wir haben g’rade Ihre Fassungslosigkeit gesehen”. Ein Rückblick auf den Amoklauf anno 2002 an der Erfurter Gutenberg-Realschule mündet in die Aussage, “im Grunde nur Fassungslosigkeit” könne man da empfinden.

“Ich versteh die Welt nicht mehr”

Therapeutisch mag es sinnvoll sein, wenn das Stammeln nach der miterlebten Tat sich in dieses Wort kleidet. Journalisten aber sollten durchaus die Kunst beherrschen, über dieses Stammeln hinauszugelangen, es zu übersetzen in rationalere Ausdrücke. Stattdessen verwendet das ZDF seine Medienkompetenz darauf, Zeugen zu instrumentalisieren. Das “Spezial” eröffnet mit der später zweimal wiederholten und von der ARD dann übernommenen Aussage einer offenbar verwirrten Mutter. Die Frau mit den schwarzen Locken und den beiden großen Ohrringen war zu freundlich, um an den Kameras vorbeizugehen. Also steht sie da und spricht in einem Ton vorwurfsvoller Selbstanklage: “Ich versteh‘ die Welt nicht mehr, es tut mir leid. Meine Tochter war in der zehnten Klasse drin, die hat das alles live miterlebt, die sitzt zu Hause, zittert, weint.” Die Frage, warum eine Mutter ihre zitternde, weinende Tochter zu Hause sitzen lässt und Fernsehinterviews gibt, wurde durch das dreimalige Ausstrahlen der Passage provoziert. In denkbar schlechtem Licht stand die Frau deshalb dar, billigend von ZDF in Kauf genommen.

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