Fratzen des Bösen

von Alexander Kissler23.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Das Böse ist eine Tötungsmaschine, die uns mitunter sogar ein Kindergesicht zeigt. Allgemeine Lehren lassen sich aus dem Ausbruch des Bösen aber nicht ziehen. Die Vorstellung ist naiv, der nächste Amoklauf oder die nächste tödliche Niedertracht lasse sich verhindern, wenn man nur lange genug über das Vorgefallene nachdenkt.

Das Böse trägt ein Kindergesicht. Es sieht aus wie Robert S. oder Tim K. oder Georg R. Wir denken unweigerlich an die Amokläufe von Erfurt, Winnenden, Ansbach, wenn wir eine Tat benennen sollen, die planvoll auf Zerstörung angelegt ist und auf nichts als Zerstörung – sogar des Zerstörers selbst. Das Böse ist die Kraft, die alles verneint und nichts Gutes schafft. Wo etwas war, soll nichts werden. Das Böse kann die hageren Züge tragen von Kevin Spacey oder schelmisch blinzeln wie Anthony Hopkins. In den Filmen “Sieben” und “Das Schweigen der Lämmer” wird das Böse verkörpert durch einen Serienkiller und einen Kannibalen. Beide Male morden die Mörder so zuverlässig und routiniert wie eine Tötungsmaschine. Das Böse widersetzt sich jeder Erklärung, es braucht keine Motive, es kennt keine Gründe. Das Böse ist das Unmenschliche in menschlicher Gestalt.

Das Böse ist das Unmenschliche in menschlicher Gestalt

Darum sind unsere Reaktionsweisen oft erschreckend unangemessen. Nach menschlicher Art suchen die Ermittler, die Überlebenden, die Beobachter nach einer Erzählung, in die sich das Grauen einfügen ließe. Man hätte gerne den einen Punkt der Kränkung, an dem sich ein Schüler in eine Zeitbombe verwandelte. Man würde gerne wissen, wer wie versagt hat, was man wann hätte tun können, um die Tat zu verhindern. Man wird in der Regel nicht fündig. “Das Motiv ist weiter unklar”, heißt es dann. Da lassen sich noch so viele Psychologen und Seelsorger in Marsch setzen, noch so viele Trauma- und Gewaltexperten vor die Mikrofone scheuchen: Das Böse zeichnet sich gegenüber dem Schlimmen, Schlechten, Lieblosen gerade dadurch aus, dass es hervorbricht aus einem bodenlosen Abgrund, der sich nie wird vermessen lassen. Das Böse ist – mehr lässt sich nicht sagen. Dasselbe gilt vom Bösen in nichtmenschlicher Gestalt, von den vielfältigen Leiderfahrungen, die die Natur bereithält oder die Technik, von Katastrophen und Unglücken. Im strengen Sinne liegt hier nicht jene besondere Qualität des Bösen vor, die es an die Seele bindet. Dennoch wird auch hier die Übermacht einer destruktiven Kraft erfahren, die sich ganz grundlos erschöpft.

Der Mensch ist nicht des Menschen Wolf. Manchmal aber ist er grundlos böse

Auch das politische Böse lässt sich auf keinen begrifflichen Nenner bringen. Was Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot taten und tun ließen, gehorchte nicht dem üblichen Schema von Reiz und Gegenreiz, Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung. Sie haben Abermillionen auf einem Gewissen, das sie nicht hatten. Deshalb aber von einer “Banalität des Bösen” zu sprechen, wie es Hannah Arendt mit Blick auf Adolf Eichmann tat, führt in die Irre. Banal können die Umstände sein, in denen sich das Böse vollzieht, die Erbsenzählerei und der Aktenwahn der Nationalsozialisten etwa. Das Böse an sich jedoch ist niemals banal, es ist schlicht qualitätslos. Rasch an die Grenzen stoßen sämtliche Bemühungen, aus den Eruptionen des Bösen allgemeine Lehren zu ziehen. Gewiss lassen sich technisch wie politisch, moralisch wie religiös die Kontexte begrenzen, in denen das Böse gedeiht. Wer Situationen der Entrechtung, der Demütigung, des folgenlosen Machtrauschs verhindert, trägt zum friedlicheren Miteinander bei. Andererseits ist die Vorstellung naiv, der nächste Amoklauf oder die nächste tödliche Niedertracht lasse sich verhindern, wenn man nur lange genug über das Vorgefallene nachdenkt. So hätte man es gerne in einer Welt, die Systeme überschätzt, das Gesellschaftliche für gegeben und das Individuum für dessen Ableitung hält. Der Mensch ist nicht des Menschen Wolf. Manchmal aber ist er grundlos böse. Diese fundamentale Beunruhigung stellt keine Erzählung still.

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