Von der Meuterei zum Frauenwahlrecht?

von Alexander Graf20.05.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

2018 ist das Jahr der runden Jubiläen: ein Jahr der Vereinnahmung der historischen Ereignisse, die den Jahrestagen zugrundeliegen. Rainer Zitelmann hatte vor einigen Wochen bereits anhand der Beispiele 200 Jahre Marx und 50 Jahre 68-er Bewegung darauf hingewiesen. Mit dem Matrosenaufstand vom November 1918 in Kiel wirft ein weiteres Ereignis schon seinen erinnerungspolitischen Schatten voraus.

An der Vereinnahmung und Umdeutung der Ereignisse der ersten Novembertage vor 100 Jahren wird bereits kräftig gearbeitet. Ausstellungen sind schon eröffnet worden, Artikel stimmen die Öffentlichkeit auf den Jahrestag der Novemberrevolution an, die sich aus dem Matrosenaufstand entwickelte. Dabei gibt man sich alle Mühe zu betonen, dass es den Mannschaften der kaiserlichen Hochseeflotte von Anfang an um Demokratie, Frauenwahlrecht und eine freie „emanzipierte“ Gesellschaft gegangen sei. So kann ein unbelesener Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts schnell zu dem Schluss kommen, dass die Matrosen bereits von einer „bunten“ Republik träumten und der Aufstand dieses Ziel verfolge.

Nebenbei bemerkt, brachte eine im Auftrag der Stadt Kiel durchgeführte Umfrage ans Licht, dass nur ein Drittel der Befragten die Kieler Ereignisse räumlich und zeitlich einordnen konnten. Nur 50 Prozent wussten, dass daraus die Novemberrevolution und die Republik folgten. Aber zugleich gab jeder zweite Befragte an, einen Bezug zur heutigen politischen Lage, festgemacht an den Namen Trump, Erdogan und Putin, zu sehen. Nicht genug damit, dass dieser Vergleich stark hinkt, auch sind der Auslöser und die unmittelbare Folgen der Erhebung des Novembers 1918 anders zu bewerten, als sie heute gerne dargestellt werden.

Es schadet ganz und gar nicht, den Kontext zu betrachten. Im November 1918 war auch die letzte deutsche Offensive im Westen, das Unternehmen „Michael“ gescheitert, jeden Tag wurde die zahlenmäßige und materille Überlegenheit der Kriegsgegner größer. Das deutsche Heer zeigte bereits Auflösungserscheinungen, Soldaten entfernten sich stillschweigend von der Truppe oder missachteten schlicht Befehle der Vorgesetzten. In der Stimmung, in der die Hoffnung auf einen Waffenstillstand täglich wuchs, fasste die Marineleitung den Entschluss, die kaiserliche Flotte auslaufen zu lassen. Ziel war es, eine letzte Schlacht gegen England zu führen. Nach der unentschiedenen Seeschlacht 1916 im Skagerrak war die deutsche Marine weitgehend untätig geblieben. Nun wollte die Admiralität noch einmal den Kampf suchen.

Befehlsverweigerung verhinderte die Schlacht

Angesichts der Überlegenheit der Royal Navy war ein deutscher Sieg nicht zu erwarten. Doch der Ehrenkodex der Marine-Offiziere sah in einer „Entscheidungsschlacht“ die ehrenvollere Option, als die Flotte im Fall der absehbaren Niederlage an den Feind auszuliefern. Unter Historikern ist derweil umstritten, ob ein Eingreifen der Flotte zumindest nicht eine vorübergehende Entlastung der Landstreitkräfte bedeutet hätte. Dass es ein geradezu selbstmörderischer Angriff geworden wäre, gilt als unumstritten.

Als die in Wilhelmshaven liegenden Schiffe der Hochseeflotte den Befehl zum Auslaufen erhielten, kam es zu Befehlsverweigerungen. Die Matrosen wollten sich nicht für die Ehre der Admiralität opfern lassen. Die Meuterei führte schließlich dazu, dass der Schlachtplan verworfen wurde. Stattdessen wurden die Rädelsführer verhaftet und man verlegte das III. Geschwader wieder nach Kiel. Dort war man von der Ankunft der Schiffe überrascht und ahnte die Gefahr, die von den aufrührerischen Matrosen ausging. Denn in Kiel war es bereits zuvor zu Arbeiterunruhen gekommen. Bevor man jedoch handeln konnte, waren die Mannschaften der Schiffe bereits an Land gegangen.

In der Stadt kam es in den ersten Novembertagen zu Zusammenschlüssen der Matrosen mit Arbeitern und Mitgliedern der Sozialdemokraten und Gewerkschaften. Demonstrationen, Plünderungen von Waffenkammern und schließlich die Befreiung der inhaftierten Rädelsführer der Befehlsverweigerung waren die Folge. Nachdem es bereits zu einigen Toten und Verletzten gekommen war, schreckte die Obrigkeit davor zurück, den Aufstand in Kiel gewaltsam niederzuschlagen. Das hätte zweifellos zu vielen Toten geführt.

14 Kieler Punkte

Die Matrosen und Arbeiter übernahmen so die Kontrolle über die Ostseestadt und verkündeten am 5. November 14 Forderungen. Auffallend daran ist, dass darin – abgesehen von der Aufhebung der Presse- und Postzensur – nur Punkte enthalten sind, die sich mit militärischen Themen und der Befehlsgewalt des Soldatenrates befassen. Dirk Dähnhardt bewertet die sogenannten 14 Kieler Punkte daher als „einen Angriff auf das militärische System, eine politische Zielsetzung ging ihnen dagegen weitgehend ab“.

Die Novemberrevolution, die schließlich am 9. November zur Ausrufung der Republik und der Abdankung Kaiser Wilhelms II. führte, nahm zweifellos ihren Anfang durch die Kieler Ereignisse. Die meuternden Matrosen rückblickend zu Vorkämpfern für Demokratie, Frauenwahlrecht und ähnliches zu machen, geht allerdings weit an der Realität vorbei. Ihnen ging es in der Endphase des Ersten Weltkriegs schlicht um ihr eigenes Leben, das sie verständlicherweise nicht so kurz vor dem absehbaren Kriegsende verlieren wollten. Hält man sich diese Fakten vor Augen, muss man schmunzeln, wenn das Erinnern an den Aufstand nun mit Slogans wie „Aufstehen für Demokratie“ oder „Aufstehen für Umweltschutz“ verbunden wird. Anstatt die historischen Ereignisse für sich stehen zu lassen und aus ihrer Zeit zu bewerten, müssen scheinbar krampfhaft Gegenwartsbezüge hergestellt werden, koste es, was es wolle. Man darf gespannt sein, was das Jubiläumsjahr noch bereithält, es liegen noch ein paar Monate vor uns.

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