Rivers of blood

Alexander Graf3.05.2018Europa, Gesellschaft & Kultur, Politik

Es gibt Reden, die Jahrzehnte später wie düstere Vorhersagen wirken, die mit einer erschreckenden Genauigkeit eingetroffen sind. Dieser Vorgang ist umso schockierender, wenn es sich bei den prognostizierten Ereignissen um Entwicklungen handelt, die bislang beispiellos waren in der Geschichte. Was Enoch Powell sagte, lässt uns Heutige vor Entsetzen den Atem anhalten.

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Teils spöttisch, teils schaudernd wird Oswald Spengler, der Autor des zweibändigen Werkes „Der Untergang des Abendlandes“ von 1911-1921, als „Prophet des Untergangs“ bezeichnet. Für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fällt dieser Titel dem Briten Enoch Powell zu. Politisch war er ein Konservativer, er wirkte als Hochschullehrer, im Zweiten Weltkrieg fungierte er als Brigadegeneral.

Powell sagte England exakt die düstere Zukunft voraus, mit der es seit einigen Jahren konfrontiert ist. Als er am 20. April 1968 seine später als „rivers of blood“-speech bekannt gewordene Rede hielt, wusste er, dass er damit massenhaft empörte Reaktionen hervorrufen würde. Denn damals kam es in England zu einer Einwanderungswelle aus dem Staaten des britischen Commonwealth; vor allem aus Indien und Pakistan. Dieser Vorgang führte zu wachsendem Unmut in Teilen der britischen Arbeiterschaft. Der Race Relations Act von 1965, demzufolge es illegal wurde, Personen aufgrund ihrer Herkunft Wohnungen, Arbeitsplätze und Dienstleistungen zu verweigern, verkomplizierte die Situation zusätzlich. Denn die selbstbewusst auftretenden Einwanderer sahen ihre daraus resultierenden Chancen und beharrten darauf.

Die Tragik des Rufers in der Wüste

Der in Cambridge ausgebildete und zeitweise in Australien als Dozent tätige Powell erkannte und benannte früh die Risiken für den Zusammenhalt der Gesellschaft durch diese Entwicklung. Hinzu kamen seine Warnungen vor der demographischen Entwicklung. Denn auch in England bekam die außereuropäische Einwanderergruppe mehr Nachwuchs als die Einheimischen. Vor diesem Hintergrund hielt er seine „rivers of blood“-speech, wobei die Flüsse voller Blut eine Anspielung auf den antiken römischen Dichter Vergil sind, der in einem seiner Texte vom Tiber als „mit einem Schaum von Blut bedeckt“ schrieb.

Der intellektuelle Konservative war in den 1960ern wiederholt von seinen Wählern auf die immer offensichtlicher werden Spannungen im Zusammenleben mit den Einwanderern angesprochen worden. Schon damals dominierte in der veröffentlichten Meinung die Vorstellung, dass nur ungebildete, rassistische Menschen Kritik an der Einwanderungspolitik übten. So hatte sich bereits in jenen Jahren in England ein gesellschaftliches Klima eingestellt, dass erst Jahrzehnte später auch in Deutschland als politische Korrektheit bekannt wurde. Die Bürger, die sich an ihren Abgeordneten wandten, taten dies lieber nicht namentlich. Powell schilderte damals seine Erfahrung: „Alle Abgeordneten sind den typischen anonymen Briefschreiber gewöhnt; was mich jedoch überraschte und alarmierte, war der hohe Anteil einfacher, anständiger, vernunftbegabte Menschen, die vernünftige und oft hochgebildete Briefe schrieben und glaubten, ihre Adresse weglassen zu müssen, weil sie es für gefährlich hielten, sich in schriftlicher Form an einen Parlamentsabgeordneten gewandt und Zustimmung zu den Ansichten bekundet zu haben, die ich geäußert hatte, und Strafen oder Sanktionen fürchteten, falls bekanntwürde, daß sie dies getan hätten. Das Gefühl, eine verfolgte Minderheit zu sein, das unter den einfachen Engländern in den betroffenen Teilen des Landes wächst, können jene, die es nicht aus eigener Erfahrung kennen, sich kaum vorstellen.“

Integration versus Identität

Der streitbare Politiker Powell warnte bereits vor einem halben Jahrhundert vor der naiven Vorstellung, die Integration von Millionen Menschen aus fremden Kulturen gelänge praktisch von allein und quasi nebenbei. „Die andere gefährliche Wahnvorstellung, an der diejenigen leiden, die mutwillig oder sonstwie blind gegenüber den Realitäten sind, läßt sich in dem Wort ‚Integration‘ zusammenfassen. Sich in eine Bevölkerung zu integrieren, heißt, praktisch ununterscheidbar von ihren übrigen Mitgliedern zu werden,“ so Powell. Gegenwärtig wird Forderungen nach einer derart konsequenten Integration in den westlichen Staaten Europas von den politisch Verantwortlich eine Absage erteilt. Wer sie dennoch einfordert, gerät schnell in den Verdacht, Einwanderer ihrer Kultur und ihrer Identität berauben zu wollen.

Vor fünf Dekaden konstatierte Powell jenseits der Nordsee Vorgänge, die mittlerweile auch in Mitteleuropa ein erhebliches Problem darstellen und unter dem Begriff „Parallelgesellschaften“ subsummiert werden. „Nun erleben wir die Zunahme von Kräften, die der Integration aktiv entgegenwirken, von Eigeninteressen an Erhalt und Verschärfung ethnischer und religiöser Unterschiede mit dem Ziel der Ausübung richtiggehender Dominanz, zunächst über andere Einwanderer und dann über den Rest der Bevölkerung.“ Das Ende des Zitats dürfte jedem einleuchten, der in den Medien immer wieder über Beiträge zu Speisevorschriften und Verhüllungsgeboten für Frauen stolpert.

Warnungen, von fataler Realität bestätigt

Unterzieht man die gegenwärtige gesellschafts- und sicherheitspolitische Lage Englands einer Analyse, stellt man bestürzt fest, welch illusionslose und zutreffende Prognose Powell damals formulierte. Die massenhaften Missbrauchsfälle von Rotherham und Newcastle, die Terroranschläge von Manchester und London, steigende Zahlen von Messerangriffen – sie sind die Realität gewordenen Warnungen Powells.

Es drängt sich zwangsläufig das Bild vom einsamen Rufer in der Wüste auf, betrachtet man im Rückblick die Rede Powells. Er wusste um die Schwierigkeit seines Unterfangens, dieses unpopuläre Thema auf die Tagesordnung setzen zu wollen. Denn oftmals neigten die Menschen „zu der Fehlauffassung, wer Ärger vorhersieht, verursache oder ersehne ihn sogar.“ Hinzu kam ein schwerer Fehler in Sachen Eigen-PR, der ihm unterlief. Durch den Umstand, dass er die Rede am 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers, hielt, nutzen seine Gegner auf perfide Weise, aber mit Erfolg, um Powell eines rassistischen Nationalismus zu beschuldigen. Gegenteilige Beteuerungen seinerseits blieben erfolglos. Dabei betonte er bereits am Anfang der Rede, seine verantwortungs- und vernunftgeleitete Vorstellung von der Arbeit des Politikers. Denn dem Volksvertreter obliege es, sich den Problemen der Gegenwart zu stellen, um eine bessere Zukunft zu gestalten, anstatt auf Kosten der kommenden Generationen zu leben. Doch wie weit die Regierenden von diesem Ideal entfernt waren, war ihm bewusst. Powell stellte resignierend fest: „Es ist, als schaue man einer Nation dabei zu, wie sie eifrig ihren eigenen Scheiterhaufen aufbaut.“

Ein Blick auf Westeuropa macht deutlich, dass die Rede keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Scheiterhaufen, um im Bild zu bleiben, wurden nicht nur in England errichtet. Dort lodert er bereits, aber auch in anderen Staaten wird kräftig gezündelt. Und wir müssen wahrlich nicht lange suchen, um zu wissen, um welche Staaten es sich handelt.

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