Gezerre um die Weiße Rose

von Alexander Graf26.02.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Manche Gedenktage verbinden sich mit scheinbar unvermeidlichen Ritualen. Die Erinnerung an den Widerstand der Weißen Rose, deren Mitglieder Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, gehenkt wurden, gehört dazu. War die Gruppe nach 1945 zunächst bewusst entpolitisiert worden, tobt nun ein Vereinnahmungskampf zwischen Links und Rechts um sie.

Die Hashtags #weisserose (sic), #hansscholl und #sophiescholl brachten es am Jahrestag auf tausende Tweets auf der Kurznachrichtenplattform Twitter. Dabei zeigten sie das ganze Panorama der politischen Zerrissenheit, die die Bundesrepublik seit einigen Jahren prägt. Jede der im Bundestag vertretene Partei beruft sich auf das Geschwisterpaar Scholl, das das Bild der Weißen Rose prägt. Unzählige Male tauchten die bekannten Bilder der Münchner Studenten und ihrer Zitate in dem sozialen Netzwerk auf. Oft versehen mit der Aufforderung „gerade in diesen Zeiten“ wieder „wachsam“ zu sein. Wüsste man nicht um die politischen Machtverhältnisse im Deutschland des Jahres 2018, man müsste meinen, eine Renaissance des Nationalsozialismus stünde bevor. So tragen Grüne, Linkspartei, SPD und CDU die Bilder der Scholls wie Ikonen vor sich her, um zugleich die politischen Gegner als braune Gespenster zu kontrastieren.

Jede Partei beansprucht die Weiße Rose für sich

Vor allem die AfD ist betroffen. Ihrerseits bemüht sie sich dieser Tage nicht weniger plakativ, die Widerstands-Karte zu spielen. Damit gelingt es ihr zweifellos ihre Kontrahenten gehörig zu triggern, wie es mittlerweile so schön heißt. Als Reaktion erntet die AfD mitunter unflätigste Beleidigungen – was darauf deutet, dass hier definitiv ein Nerv getroffen wurde. Die vermeintlichen blauen Widergänger der Nationalsozialisten verstecken sich hinter toten Widerstandskämpfern – so jedenfalls die Lesart aus dem linken Spektrum – Skandal!

Wie schon beim Umgang mit dem Andenken an die Opfer der Zerstörung Dresdens durch einen alliierten Luftangriff im Februar 1945, so zeigt sich auch hier anschaulich, wie verhärtet und ideologiegeladen so ein Datum hierzulande begangen wird. Im Fall Dresdens wünscht sich das stramm linke und linksradikale Spektrum eine Wiederholung der Massentötung von Zivilisten und skandiert, die Opfer verachtend – und damit menschenverachtend! – „Bomber Harris, do it again“. Auf der anderen Seite prangert man den „Bombenholocaust“ der alliierten „Terrorbomber“ an und fordert kaum verhohlen Sühne.

Bündische Jugend prägte die Weiße Rose

Doch zurück zur Weißen Rose. Betrachtet man das Milieu, aus dem seine führenden Mitglieder stammten und ihre damit einhergehende Prägung, so öffnet sich eine Welt von Moralvorstellungen und Ansichten, die 75 Jahre nach ihrem Tod der Mehrheit derjenigen, die sie für sich reklamieren, fremd sein dürfte. So waren Hans Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Willi Graf zeitweise in Gruppen der Bündischen Jugend organisiert und wurden durch die dort vorherrschenden Ansichten geprägt.

Scholl und Graf gehörten der Deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929 „dj.1.11“ an, andere Mitglieder der Weißen Rose waren zeitweise im katholischen Bund Neudeutschland oder dem Grauen Orden. Diese Organisationen, die bis auf die „dj.1.11“ als Lebensbund konzipiert waren, wollten die Jugend anhand idealisierte Ritterordensvorstellungen erziehen. So wollte man in der Zwischenkriegszeit die als alt und überkommen wahrgenommene Gesellschaft erneuern. Speziell der Graue Orden lehnte sich dabei stark an die Tradition der klassischen Studentenverbindungen an, am ehesten an die Riten der Corps, der Landsmannschaften und des Wingolf. Die „dj1.11“ hingegen wandte sich kurz vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten dem Kommunismus zu. Ihr Gründer Eberhard Koebel trat selbst 1932 in die KPD ein. Doch daraus abzuleiten, dass auch Hans Scholl dem linken oder extrem linken politischen Spektrum zuneigte, ginge eindeutig zu weit.

Christentum und Lebensreform

Die Bündische Jugend vertrat lebensreformatorische Ansätze, die mit ihrem nationalen Pathos und der bewussten Anlehnung an ein imaginiertes Ordensrittertum im Gegensatz zu kommunistischen Massenbewegungen standen. Nicht zu unterschätzen ist auch eine gepflegte Geistesaristokratie, die nicht zuletzt auch durch die Adaption der Werke Stefan Georges herrührte. Auch Hans Scholl beschäftige sich zeitweise mit den Schriften Georges.

Versucht heute die Linkspartei, die Weiße Rose für sich zu vereinnahmen, so kann dies nur ein Schmunzeln hervorrufen. Denn die Geschwister Scholl waren stark von ihrem streng christlich geprägten Elternhaus beeinflusst, die Mutter war bis zu ihrer Eheschließung immerhin Diakonisse. Sophie Scholl hatte die Schriften des Augustinus studiert, die wurden ihr zur Rchtschnur. Ihr Mitstreiter Schmorell war russisch-orthodox. So finden sich auch in ihren Flugblättern immer wieder Anlehnungen an biblische Motive und christliche Begriffe, wenn vor Satan, Antichrist und Hölle gewarnt wird. Der antichristliche Kommunismus dürfte der Weißen Rose wohl kaum als erstrebenswertes Ideal erschienen sein. Auch die in den Flugblättern wiederkehrenden Bezüge auf den deutschen Freiheitskampf gegen Napoleon und der Appell an die Deutschen als Mitglieder der „christlichen und abendländischen Kultur“ sind Topoi, die bei Vertretern der Linkspartei üblicherweise Schnappatmung herrufen. Und das nicht nur bei den zutiefst von der SED geprägten Teilen dieser Partei, sondern auch bei „westlichen“ Vertreterinnen wie Ulla Jelpke, die sich ausdrücklich als „Atheistin“ bezeichnet.

Widerstand aus patriotischen Motiven

Im starren Denken entlang von Parteigrenzen, die nur in „gut“ und „böse“ unterteilen, wie dies im politischen Tageskampf der Fall ist, lässt sich die Weiße Rose heute schwer verorten. Vielmehr muss ihr Widerstandsmotiv aus ihrer Zeit und der persönlichen Prägung der Mitglieder gelesen werden. Denn dass ihr Handeln auch patriotisch motiviert war, haben ehemalige Mitstreiter wie Hans Hirzel bis zuletzt immer wieder betont. So verwies Hirzel auch darauf, dass Willi Graf in seinem vorletzten Brief von seiner „Liebe zu Deutschland“ schrieb und Professor Huber seinen letzten Schluck Wein vor der Hinrichtung auf das „Wohl des geliebten Vaterlandes“ trank. Seiner Frau schrieb er als Trost: „Freue Dich, dass ich für unser Vaterland sterben darf.“ Diese im Jahr 2018 zumindest bei der politischen Linken als anstößig empfundenen Worte vermitteln jedoch viel von dem Selbstverständnis und der Motivation der Weißen Rose.

Wie beschämend muten im Gegensatz dazu die Beiträge in den Kommentarspalten und den sozialen Netzwerken an, wenn sich um das geistige Erbe und das sogenannte Vermächtnis der Widerständler gezankt wird. Man wünscht sich angesichts dieser peinlich berührenden tagespolitisch motivierten Schreiereien ein würdevolles, andächtiges Schweigen. Doch da die Fähigkeit zur Kontextualisierung bei Spitzenpolitikern, „Haltungs-Journalisten“ und ihren Anhängern nicht vorhanden ist oder bewusst nicht angewendet wird, wird man sich auch weiter mit dem ideologischen Gezerre um die Widerständler abfinden müssen. Wohl dem, der sich diesem unwürdigen Schauspiel entziehen und ein stilles persönliches Gedenken begehen kann.

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