Unter Aufbaudiät verstehen die Ärzte ein totes Huhn, das man in heißem Wasser ausgewrungen hat. John Wayne

Von Ablenkungsmanövern und Denkverboten

Der Erste Weltkrieg lässt uns nicht los. Die Überprüfung der Ereignisse in Belgien 1914 und eine mögliche Neubewertung sollte nicht für den Tagesgebrauch politischer Interessen instrumentalisiert werden. Dass aktuelle Forschungsdiskussionen gleich Eingang in den politischen Betrieb halten und so zu Waffen im Meinungskampf um handfeste Interessen werden, kann nur als unglücklich bezeichnet werden.

In den letzten beiden Abschnitten seiner Entgegnung „Nötige Erwiderung auf veritable Ablenkungsmanöver“ vom 23. Januar kommt Lothar Wieland auf den Kern seines Anliegens zu sprechen. Ihn treibt bei der Debatte um die Zivilistentötungen während des deutschen Vormarsches durch Belgien 1914 die Sorge um, die Forschungsdiskussion könnte genutzt werden, um das Geschichtsverständnis Deutschlands überholen zu wollen und damit eine Neupositionierung der deutschen Außenpolitik zu unterstützen. Doch damit überschätzt Wieland die Relevanz der Geschichtswissenschaft für die aktuellen politischen Entwicklungen. Hätte es zudem noch eines Beispieles bedurft, um zu zeigen, wie unreflektiert und unwissend Spitzenpolitiker sich historischer Begriffe bedienen, dann sei die Forderung von Alexander Dobrindt nach einer „konservativen Revolution“ in Erinnerung gerufen. Auch als Soziologe hätte der CSU-Landesgruppenchef den Begriff „Konservative Revolution“ im historischen Kontext der Weimarer Republik schon vernommen haben können, anstatt ihn so unreflektiert in den politischen Tageskampf zu schleudern.

Doch zurück zum eigentlichen Themenkomplex. Die Überprüfung der Ereignisse in Belgien 1914 und eine mögliche Neubewertung vor dem Hintergrund der Veröffentlichung Kellers zu diesem Themenkomplex sollte gerade nicht für den Tagesgebrauch politischer Interessen instrumentalisiert werden. Vielmehr bietet er die Chance, dem Gemälde, welches den Ersten Weltkrieg zeigt, Grautöne hinzuzufügen, wo bislang eine schwarz-weiße Zeichnung überwog. Dass aktuelle Forschungsdiskussionen gleich Eingang in den politischen Betrieb halten und so zu Waffen im Meinungskampf um handfeste Interessen werden, kann nur als unglücklich bezeichnet werden. Denn so schreitet ein Prozess voran, unter dem die Geschichtswissenschaft ohnehin seit einigen Jahrzehnten leidet.

Politik beeinträchtigt Wissenschaft

Wieland selbst liefert dafür in seiner Erwiderung das Anschauungsmaterial. Indem er den Vorwurf erhebt, der Verfasser dieser Zeilen tue die massenhafte Tötung von Zivilisten als „Petitissen“ ab, unterstellt er nicht nur mangelnde Empathie, sondern bemüht sich auch um eine moralisch ummantelte Diskreditierung einer ihm widersprechenden Meinung. Die ersten beiden Abschnitte von Wielands Erwiderung können unterschrieben werden, jedoch mit einem „aber“ hinsichtlich des Satzes, in dem Wieland eine Lanze für die Polemik bricht. Denn allzu oft wird unter dem Deckmantel der Polemik daran gearbeitet, der jeweiligen Gegenseite nachhaltig zu schaden. Wieland selbst tut das mit moralischen Vorwürfen, dem Versuch, seine Gegner ins deutschnationale Eck zu stellen und schließlich der Unterstellung, der Verfasser dieses Textes wünsche sich Denkverbote.

Entweder merkt Wieland selbst nicht, dass er durch seine Argumentationstaktik ein Klima mitträgt, dass den Widerpart zum schweigen bringen soll, damit dieser nicht mit allerlei Vorwürfen überzogen wird. Oder er verwendet den Vorwurf bewusst als Nebelkerze, um sich als mutigen Denker zu inszenieren. Doch wozu diese Pose des unbequemen Geistes? Zumal ja unbestritten ist, dass es Kriegsverbrechen durch die kaiserliche Armee gab. Gewiss, vor einigen Jahrzehnten war es noch mit mehr Gegenwind verbunden, wenn man deutsche Kriegsverbrechen untersuchte. Mittlerweile hat sich der Wind allerdings so weit gedreht, dass es bei Laien Verblüffung hervorruft, wenn sie erfahren, dass die Geschichte nicht nur schwarz oder weiß ist, sondern erst die vielen Grautöne das ganze Bild ergeben.

Wer will Denkverbote?

„Haben wir bereits wieder Zeiten, in denen mit einigen laxen Bemerkungen Redeverbot erteilt wird, weil die Obrigkeit oder Graf es sich wünscht?“ Mitnichten. Im Kontext der Belgien-1914-Thematik wohl am allerwenigsten. Oder weiß Wieland von Fällen, in denen „die Obrigkeit“ in den vergangenen 20 oder 30 Jahren die Aufarbeitung der deutschen Geschichte zum Ersten Weltkrieg unterbunden hat? Der Versuch Wielands, meinen Beitrag in einem Absatz mit Bundeskanzlerin Merkels Fernbleiben anlässlich einer Gedenkveranstaltung in Belgien 2014 und ihres Schweigens auf einen Brief eines belgischen Historikers zu verknüpfen, lässt den Verfasser ratlos zurück. Soviel sei versichert, es geht bei der sich entwickelnden Debatte um Kellers Buch nicht darum, außenpolitisch der Regierung – in welcher Konstellation auch immer sie demnächst zusammenfinden wird – zu sekundieren. Auch ist es nicht das Ziel, im deutsch-belgischen Verhältnis Porzellan zu zerschlagen.

Freilich schließt das nicht aus, dass es dazu kommen kann. Was nicht zuletzt davon abhängt, wer sich berufen fühlt, in dieser oder jener Weise zu reagieren. Doch wer das als Argument gegen die Forschungen ins Feld führt, spielt mit dem Feuer und fordert letztlich selbst Denkverbote. Keine neuen Untersuchungen anzustellen, nicht zu forschen, weil die Ergebnisse nicht so ausfallen könnten, wie sie sollten, darin läge das Versäumnis. Insofern ist der Beitrag, den Keller liefert, nur zu begrüßen. Denn nicht nur das Vorwort von Gerd Krumeich zeigt, dass einige Positionen ihrer Überprüfung harren und man es sich womöglich in der Vergangenheit zu leicht gemacht hat. Auch das Symposium zu dem Thema, das Ende letzten Jahres stattfand, verdeutlicht, dass es unter den Experten zum Ersten Weltkrieg Redebedarf gibt. Ganz so leicht wie Wieland, der das Thema mit moralisierenden Anschuldigungen, Unterstellungen und der deutschnationalen Keule gerne beenden würde, sollte man es sich also nicht machen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bill Wirtz, Dokumentation - Texte im Original, Martin Valdés-Stauber.

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