Berlin 1929: im Rausch des Verbrechens

Alexander Graf3.12.2017Gesellschaft & Kultur

Langfristig angelegte Fernsehserien mit komplexen Charakterzeichnungen sind auf einem neuen Niveau angelangt. Bekannt sind etwa die US-Produktionen „breaking bad“ und die global erfolgreichen Dauerbrenner „the walking dead“ und natürlich „game of thrones“. Nun ist zuletzt mit den ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ auch Deutschland mit einer solchen Serie ins Rennen gegangen.

Im Mittelpunkt der Serie, die im Berlin des Jahres 1929 spielt, steht der Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath. Die Erpressung von Persönlichkeiten des öffentlichen, darunter auch des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, führt den Ermittler in die Hauptstadt. Rath, der als Veteran des Ersten Weltkriegs unter den Fronterlebnissen leidet, verschlägt es wortwörtlich in das Herz der Finsternis. Tagsüber widmet er sich als Kommissar für Sittlichkeitsdelikte den Ermittlungen im Rotlichtmilieu, nachts taucht er in die Halbwelt Berlins noch intensiver ein.

Warum erst 2018 in der ARD?

Die Abonnenten des Bezahlsenders Sky haben mit der Fernbedienung abgestimmt. Mit 1,19 Million Zuschauern bescherte sie dem Sender den zweiterfolgreichsten Serienstart. Doch Kritik entzündet sich zu Recht an der Finanzierung und Ausstrahlungspraxis. Denn die 40-Millionen-Euro-Serie wurde in Kooperation von Sky, X Filme Creative Pool und nicht zuletzt der ARD produziert. Doch in der ARD wird „Babylon Berlin“ erst Ende 2018 zu sehen sein. Man darf die Frage stellen, warum die größtenteils gebührenfinanzierte Serie erst mit einem Jahr Abstand im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu sehen sein wird. So rückte diese mehr als unglückliche Sendepolitik die Handlung in vielen Berichten in den Hintergrund.

„Babylon Berlin“ präsentiert die wilden Zwanziger als Mix aus rauscherfüllten Nächten. In den Tanzlokalen geben sich die Berliner buchstäblich bar aller moralischen Vorstellungen der unlängst vergangenen Kaiserzeit dem Exzess hin. Kokain ist der Treibstoff der Nachtschwärmer. Doch unter die Menschen, die dem oft genug bedrückenden Alltag der Weimarer Republik mit ihren politischen Unruhen und den wirtschaftlichen Nöten entfliehen, mischen sich auch die politischen Agitatoren.

Panorama der Weimarer Republik

Die Serie, die von den drei Regisseuren Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten gedreht wurde, verbindet die Kriminalgeschichte, die die Handlung vorantreibt, mit einem Panorama der beginnenden Spätphase der Republik. Russische Trotzkisten planen im Exil ihre Agitation gegen den Sowjetführer Stalin im fernen Moskau – ohne vor dessen Zugriff sicher zu sein. Reaktionäre, kaisertreue Militärs haben sich mit dem Ende der Monarchie noch nicht abgefunden. Während deutsche Kommunisten ihrerseits von einer proletarischen Revolution in Deutschland träumen, zeichnen sich auch ihre kommenden Todfeinde von Rechts ab.

Angesichts der Bemühung, diese Themenvielfalt in bislang zwei Staffeln, die bis Ende November auf dem Bezahlsender Sky liefen, einzubetten, hetzt die Handlung rastlos voran. So fällt es durchaus schwer, Kommissar Rath auf seinem Weg durch das Berlin der Zwischenkriegszeit zu folgen. Das ist der filmischen Umsetzung der Romane von Volker Kutscher, die die Grundlage für die Serie bilden, anzukreiden. Daher kritisierte die Süddeutsche Zeitung, dass der Zuschauer nicht gefesselt würde. Aber viele zuschauer sehen es anders als dieses Medium, das so gerne den bundesrepublikanischen Mainstream anführen möchte.

Dabei bietet die Serie genug, was den Zuschauer in ihren Bann zieht, wenn er sich darauf einlässt. Neben der rastlosen Handlung, die den ruhelosen Charakter der Metropole – schwankend zwischen Glamour und abstoßender Verkommenheit – widerspiegelt, streift sie auch eine Vielzahl historischer Themenkomplexe. Da sind die bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die von den Kommunisten angezettelt werden, der Umgang der Gesellschaft mit den vom Krieg an Leib und Seele gezeichneten Kriegsheimkehrern.

Die Geschichte wird modelliert

Als gelungen ist auch die Darstellung der Berliner Kriminalpolizei der ausgehenden 1920er Jahre zu bzeichnen. So werden die Anfänge der modernen kriminalistischen Arbeit unter dem damaligen Leiter der Mordkommission Ernst Gennat gezeigt. Gennat, der wegen seiner Körperfülle von Kollegen „Buddha“ genannt wurde, führte beispielsweise ein mobiles Kriminallabor ein, das sogenannte „Mordauto“, das auch einen Gastauftritt in der Serie hat. Zwar wirkt ein Handlungsstrang um die ersten Frauen in der damaligen Polizei bisweilen bemüht, doch orientiert man sich dabei nah an den historischen Begebenheiten.

Aber nicht nur für historisch interessierte Zuschauer bietet „Babylon Berlin“ ein kurzweiliges Vergnügen. Die Serie trägt durch ihre transportierten Bilder selbst auf ihre Art und Weise zur Erinnerungskultur bei. Denn der Einfluss solcher Formate auf die Vorstellung von der Vergangenheit der breiten Bevölkerung ist nicht zu unterschätzen. Ob es den Fachleuten gefällt oder nicht, aber auch diese Serie wird so ein Teil der Erinnerungskultur.

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