Das Dritte Reich als Teil der Popkultur – kann das sein?

Alexander Graf22.11.2017Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Der Nationalsozialismus ist wieder da. Zumindest kann dieser Eindruck entstehen, wenn man sich den Anteil von Spielfilmen, Serien und Computerspielen anschaut, die sich mit dieser historischen Epoche und allem rund um das Thema Zweiter Weltkrieg beschäftigen. Hier einfach zur Tagesordnung überzugehen: das kann nicht sein.

Unlängst wurde mit „Wolfenstein 2: The New Colossus“ ein weiterer Teil der berühmt-berüchtigten und bei Gamern bestens bekannten Computerspielserie veröffentlicht, in welcher der Spieler sich seinen Weg durch eine virtuelle Welt voller Nazis schießt. Zwar bemerkte die Zeit in einem Bericht über das Spiel lobend, dass die Macher um inhaltliche Komplexität bemüht seien. Doch letzten Endes macht den Spielspaß für die Nutzer doch aus, dass man sich mit von Mission zu Mission steigender Feuerkraft seinen Weg freiballert.

Das Szenario für diesen virtuellen Widerstandskampf gegen den Nationalsozialismus bietet übrigens das Gedankenspiel, dass die USA in der globalen Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich nur zweiter Sieger geworden sind. Folglich sind die Vereinigten Staaten in „Wolfenstein 2“ von Deutschland besetzt worden. Thematisch ausgeklammert seien hier jene unzähligen Dokumentationen, wie sie beispielsweise von der Redaktion ZDF History stammen, sowie die oftmals britischen oder amerikanischen Formate, die in gefühlten Endlosschleifen auf n-tv laufen. Ganz angesehen von diesen Dokumentationen scheinen aber fiktive Nazis die Unterhaltungsindustrie erobert zu haben.

h6 Netflix wirft die Geschichte über den Haufen

Deutlich komplexer ist diese dystopische Vorstellung eines von den Achsenmächten siegreich beendeten Zweiten Weltkrieges in der Netflix-Serie „the man in the high castle“ aufgegriffen worden. In bislang zwei Staffeln entwarfen die Macher das Panorama eines nordamerikanischen Kontinentes, der sich in ein „Greater Nazi Reich“ im Osten und mittleren Westen der USA, die japanisch kontrollierten „Pacific States“ entlang der Westküste und einer neutralen Zone dazwischen teilt. Eingewoben in eine vielschichtige Handlung spielt die Serie mit einer Version contra-faktischer Geschichte, die den Betrachter verblüfft zurücklässt. So stehen sich die ehemaligen Verbündeten Deutschland und das japanische Kaiserreich in dieser Version der 1960er Jahre im Kalten Krieg gegenüber; inklusive eines nuklearen Wettrüstens.

Die mitunter verstörende Wirkung einer US-amerikanischen Vorort-Idylle mit SS-Personal, brachte der Spiegel seinerzeit auf den Punkt. „Der eigentliche Clou von ‘The Man in the High Castle’ ist der Verfremdungs- und Entfremdungseffekt, der sich mit der fiktiven Überlagerung der Epochen einstellt. Die verstörende Wirkung des Design-Mash-ups ist nachhaltig, weil die amerikanischen Sechzigerjahre, die im kulturellen Gedächtnis für die Geburt der Popkultur und für Hollywood stehen, durch die alles durchdringende Nazi-Symbolik heftig kontaminiert wird.“ Dabei ist die mit viel Lob bedachte Serie des Internet-Dienstes Netflix nicht die erste Produktion, die ein derartiges Gedankenexperiment wagte. Der Vorreiter ist der Spielfilm „Fatherland“ aus dem Jahr 1994.

Morbider Reiz des absolut Bösen

Woher rührt diese morbide Faszination für derart düstere alternative Geschichtsverläufe? Ist es nur die Lust am Spekulativen; dass es hätte auch anders kommen können? Oder ist es vielmehr das Durchleben von Schrecken, wie es Zuschauer von Horrorfilmen suchen? Es ist wohl etwas von beidem, was den Erfolg solcher Formate ausmacht. Dabei spielt auch eine Rolle, dass der Nationalsozialismus, je weiter er zurückliegt, immer stärker dämonisiert verklärt wird. Das ist nicht zuletzt das Verdienst einer zunehmend auf schrille Effekte zielenden und populärwissenschaftlich ausgerichteten Geschichtsschreibung.

Die vielschichtigen Ursachen und Begleitumstände, die in den 1920er Jahren den Aufstieg der faschistischen und nationalistischen Bewegungen in Europa begünstigten, werden zugunsten vereinfachter Erklärungsmuster ignoriert. So steht das Dritte Reich als aus der Geschichte gefallen für das ultimativ Böse, dessen dämonische Übersteigerung umso leichter fällt, da seine Ästhetik und Inszenierung mit der Aura des Grauens durch seine Verbrechen verwoben ist. So haben fiktive Formate über das Dritte Reich von vornherein durch die Massenmorde des Regimes jene furchtbare Authentizität, die andere Horrorstories durch den Hinweis, sie beruhten auf wahren Begebenheiten, suggerieren müssen.

Okkultismus als düsterer, zusätzlicher Anreiz

Hinzu kommt, dass gerade die SS mit den okkulten Neigungen Heinrich Himmlers zusätzlich die Phantasie von Drehbuchautoren beflügelt. Schwarze Uniformen, Totenköpfe und Runen bieten in diesem Fall bereits die historische Ausstattung, die sich nur zu leicht in eine Gruselfilmkulisse übertragen lassen. Es existieren mittlerweile auch eine gewisse Anzahl von Horrorfilmen, die sich zur Effektsteigerung am Dritten Reich bedienen. In den frühen 2000ern gab es diesbezüglich einen regelrechten kurzzeitigen Boom, der diesem Subgenre den Namen „Stahlhelm-Horror“ einbrachte. Filme wie „The Bunker“ verlegen ihre Handlung in unterirdische Bunkeranlagen der Westfront des Zweiten Weltkrieges und lassen Wehrmachtssoldaten mit ihren inneren Dämonen kämpfen. Vollkommen grotesk überspitzt sind beispielsweise die Nischenproduktionen „dead snow“ 1 und 2 mit ihren Nazi-Zombies oder „Iron Sky“. Letztere spielt augenzwinkernd mit Verschwörungstheorien über Nazi-Stationen auf dem Mond und sogenannten „Reichsflugscheiben“.

Und auch große Hollywood-Produktionen wie „Hellboy“ kommen zur Steigerung des Bösen nicht ohne Schurken in SS-Uniform aus. Man kann dieses Verwursten von Versatzstücken des Dritten Reiches zur Unterhaltung ablehnen und geschmacklos finden. Es ändert jedoch nichts daran, dass dieses Unterhaltungsangebot – um nichts anderes handelt es sich dabei – seine Abnehmer findet. Vielleicht ist es nur eine konsequente Entwicklung, dass der in seiner nachträglichen Dauerbewältigung gefühlt omnipräsente Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert zum Bestandteil der Popkultur geworden ist?

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