Warum wir nicht in den 1920er Jahren leben

Alexander Graf18.10.2017Gesellschaft & Kultur, Politik

Der Pulverdampf des Bundestagswahlkampfes hat sich verzogen. Die Verlierer haben ihre Wunden geleckt und bereiten sich auf ein weiter-so vor; in welcher Regierungskoalition auch immer. Es scheint alles beim Alten geblieben zu sein – fast. Doch die Veränderung ist noch nicht fassbar, und darum wird ein Bild aus der Vergangenheit bemüht. Zu Unrecht.

Auch wenn sich die Aufregung und Bestürzung über den Erfolg der AfD etwas gelegt haben, beunruhigt ist die politische Konkurrenz noch immer. Nicht zu vergessen die Meinungsmacher und Kommentatoren, die nun Weimarer Verhältnisse wittern. Da einige Historiker diese Sicht der Dinge unterstützen, wenn auch vorsichtig, um sich nicht vor Berufsgenossen zu blamieren, so tragen sie damit zur Verfestigung dieser darum nicht wahrer werdenden Analyse bei.

So äußerte Andreas Wirsching vom Münchner Institut für Zeitgeschichte gegenüber der „taz“: „Das erinnert vordergründig an die Weimarer Republik.“ Er ruderte dann jedoch gleich zurück. „Wir haben gegenwärtig natürlich ein ganz anderes Parteiensystem. Aber es herrschte damals wie heute ein diffuses Gefühl, vom politischen Establishment ausgegrenzt zu sein.“ Daher kann es sich Wirsching doch nicht verkneifen, eine Parallele zwischen AfD- und NSDAP-Anhängern zu konstatieren. So seien natürlich nicht alle Wähler der Alternative für Deutschland gleich Rassisten, „aber auch nicht alle der Millionen NSDAP-Wähler waren Rassisten oder Antisemiten. Das war eine Proteststimmen-Sammelpartei und erinnert schon ein bisschen an die Wählerschaft der AfD heute.“ Wie groß denn nun dieses „ein bisschen“ ist, welches die nationalsozialistischen Wählermassen und heutige Kreuzchenmacher angeblich gemeinsam haben, bleibt Wirsching schuldig. Derartige bewusst vage gehaltene Aussagen und dadurch angestoßene Assoziationen in einer explizit linken Zeitung wirken weniger wie eine fundierte Analyse als vielmehr wie politische Agitation.

Unaufgeregte Analysen sind angebracht

Wohltuend differenzierter und sachlicher fiel dagegen die Wahlnachlese von Elke Seefried aus. Die Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg sieht im Wahlergebnis eine Zäsur des bundesdeutschen Parteien- und Regierungssystems. Von direkten Vergleichen mit der Weimarer Republik hält sie jedoch wenig. „Es werden ja oft Analogien zur Weimarer Republik und zur NSDAP angeführt, da wäre ich eher vorsichtig. Denn zum einen sind die Rahmenbedingungen gänzlich andere. Die Weimarer Republik war, im deutlichen Gegensatz zu heute, in großen politischen und ökonomischen Nöten.“ Für Seefried, die zudem zweite stellvertretende Direktorin am Institut für Zeitgeschichte ist, sind historische Vergleiche zwischen NSDAP und AfD eine grobe Vereinfachung. Da kann der „Spiegel“, als „Sturmgeschütz der Demokratie“, noch so sehr sein „Die Gespenster der Vergangenheit kehren zurück“ aus allen Rohren feuern.

Seefried, die ihre Einschätzung der vergangenen Bundestagswahl gegenüber dem Magazin „Cicero“ äußerte, ist zuzustimmen. Denn anders als die nach der Kriegsniederlage entstandene Weimarer Republik ist die Bundesrepublik ein stabiles staatliches Gebilde. Die Demokratie ist in der Bevölkerung verankert. Jahrzehnte in einem demokratischen Gemeinwesen haben eine Verbundenheit dazu geschaffen. Im Fall der Weimarer Republik war das ganz anders. Zu ihrem Scheitern trug auch die mangelnde Unterstützung durch das Staatsvolk bei. Das Dilemma ist von Hagen Schulze treffend beschrieben worden in der Formulierung von der „Republik ohne Republikaner“. So gesehen ist das Auftauchen der AfD auf der politischen Bühne zu begrüßen, hat sie doch wieder zu einer stärkeren Politisierung beigetragen und auch wieder Nichtwähler an die Wahlurnen geführt. Man kann also von einem Pull-Faktor sprechen, der manch unpolitischen Bundesbürger wieder ins Wahllokal gezogen hat.

2017 ist nicht 1923

Ein weiterer wesentlicher Punkt, der die krampfhaft bemühten Weimar-Vergleiche schief erscheinen lässt, ist der folgende: Die gegenwärtige Gesellschaft leidet nicht an den unmittelbaren Folgen eines jüngst verlorenen großen Krieges. Das Land wird nicht durch Putschversuche oder Aufstände von linken oder rechten Paramilitärs erschüttert. Zwar schweben die Euro-Krise und die damit verbundene Diskussion um die Schaffung einer EU-Schulden-Gemeinschaft wie ein Damokles-Schwert über der deutschen Wirtschaft, doch die Auswirkungen sind nicht mit der Not zu vergleichen, die 1923 und nach 1929 große Teile der deutschen Bevölkerung traf.

Zwar verzeichnete die Polizei im vergangenen Wahlkampf rund 50 Körperverletzungen und rund 3.600 weitere Straftaten, die in erster Linie Sachbeschädigungen von Wahlplakaten waren. Damit war zwar ein Anstieg zu den Zahlen von 2013 zu verzeichnen, doch ist das im Vergleich zur Weimarer Republik eine lachhafte Bilanz. So wurden in der kurzen Lebensdauer der ersten deutschen Republik zwischen 1918 und 1933 über 500 Menschen bei politisch motivierten Auseinandersetzungen getötet. Dazu zählen auch die Opfer von Mordanschlägen, wie beispielsweise die Politiker Walter Rathenau und Matthias Erzberger. Allein im Juli 1932 vor der Reichstagswahl starben landesweit 99 Menschen bei Zusammenstößen zwischen den verfeindeten politischen Lagern.

Von derartigen Verhältnissen sind wir derzeit weit entfernt. Politische Meinungsverstärker und Historiker, die sich berufen fühlen, dennoch Weimarer Zustände herbeizurufen, sollten die Kirche im Dorf lassen. Ja, der Bundestag ist durch den Wiedereinzug der FDP und den ersten Einzug der AfD komplexer geworden. Regierungsmehrheiten werden schwieriger zu organisieren sein. Der politische Ton wird rauer werden, was jedoch nicht unbedingt schlecht ist, da so jede Partei die Chance hat, ihren Markenkern herauszustellen – vorausgesetzt sie hat einen.

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