Neurotische Zerstörungswut

Alexander Graf9.10.2017Gesellschaft & Kultur, Politik

In den Vereinigten Staaten sind derzeit zerstörerische Angriffe auf die Denkmäler für die Konföderiertensoldaten aus dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 an der Tagesordnung. Beobachter werten dies als symbolische Angriffe auf die Präsidentschaft von Donald Trump. Dies lässt, was den inneren Zustand der USA betrifft, tief blicken.

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Wenn man davon hört, dass ein aufgebrachter Mob Statuen zertrümmert, laut johlend und grölend seine Aggressionen an Denkmälern auslebt, denkt man sicherlich nicht als erstes an die USA. Vielmehr tauchen Bilder vor dem geistigen Auge auf, als die Taliban Buddha-Statuen mittels Panzerfäusten zerstörten. Oder als Mitglieder des Islamischen Staates steinerne Skulpturen aus der Antike in Museen mit Vorschlaghämmern zertrümmerten. Zu Recht werden solche Aktionen als Akte der Barbarei verurteilt. Nicht nur historisch interessierten Personen muss so etwas wie ein Ausdruck kulturloser Zerstörungswut erscheinen.

In den Vereinigten Staaten sind die derzeitigen Angriffe auf Denkmäler der Konföderiertensoldaten aus dem Bürgerkrieg 1861-1865 symbolische Angriffe auf die Präsidentschaft von Donald Trump. Da der amtierende Regierungschef seit Monaten wahlweise als Anhänger des Ku Klux Klan oder schlicht als “Nazi” geschmäht wird, assoziieren ihn leicht beeinflussbare linke Randalierer auch mit den Südstaaten. Die hielten während der Bürgerkriegsjahre noch an der Sklaverei fest. Ungeachtet der vielschichtigen historischen Hintergründe, die viel komplexer waren als ein pro der contra Sklaverei, sind die unterlegenen Südstaaten heute in der allgemeinen Wahrnehmung oftmals nur das Sinnbild der rassistischen Sklavenhaltergesellschaft, dessen Auswirkungen bis heute das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weißen belasten. Folglich richtet sich der Furor der diversen linken Gruppen in den USA gegen die Erinnerungsstücke jener Zeit.

Linksradikale arbeiten sich an Denkmälern ab

Neben Antifa-Gruppen tun sich in den Vereinigten Staaten die gewaltbereite “black lives matter”-Bewegung und die sogenannten social justice warriors hervor. Spätestens seitdem bei Ausschreitungen um die geplante Demontage einer Statue des Südstaaten-Generals Robert E. Lee in Charlottesville im August eine linke Demonstrantin durch einen Rechten totgefahren wurde, sind die Denkmäler zum erbittert umkämpften Zankapfel geworden.

So kommt es im ganzen Land seit diesem Augusttag immer wieder zu Beschädigungen gegen die steinernen Erinnerungsstücke. CNN berichtete Ende des vergangenen Monats in einer Momentaufnahme über eine ganze Reihe solcher Attacken. So wurde ein Denkmal im Confederate Memorial Park in Tampa mit Farbe beschmiert. Das Confederate Monument in West Palm Beach wurde mit “Nazi” und “KKK” (Abkürzung für Ku Klux Klan – Anm. d. Verf.) verunstaltet. Das Denkmal für Jefferson Davis (während des Bürgerkrieges Präsident der Südstaaten) in Arizona wurde im Wild-West-Stil gar geteert und gefedert. Ihren Hass auf historische Persönlichkeiten weiteten die Vandalen auch auf Christoph Kolumbus aus. In Maryland und Houston wurden Denkmäler für den Entdecker Amerikas mit Vorschlaghämmern beschädigt.

Öffentlich gefeierter Vandalismus

Besonders bizarr waren jedoch die Filmaufnahmen aus Durham. Dort rissen “Anti-Rassismus”-Aktivisten unter dem Jubel linksradikaler Demonstranten eine Konföderierten-Statue vom Sockel. Auf die am Boden liegenden Statue, die an die gefallenen Südstaaten-Soldaten erinnern soll, wurde anschließend gespuckt und eingetreten. Wie die Filmaufnahmen zeigen, ließen die betreffenden Personen dabei hemmungslos ihre Aggressionen heraus. Offenbar kam das Abreagieren einer Katharsis gleich. Spätestens angesichts dieser öffentlich zelebrierten Zerstörungswut, die mit einem quasi-religiösem Eifer ausgelebt wurde, schließt sich der Kreis zur Kulturlosigkeit der Taliban und des IS.

Doch hinter der Zerstörung und Entfernung der Denkmäler aus dem öffentlichen Raum steckt ein tieferer Sinn. Man will nicht nur Erinnerungen an unliebsame Kapitel der eigenen Geschichte unsichtbar machen, man will sie auslöschen. Anstatt sich seiner eigenen mitunter auch schmerzhafte Geschichte als Nation zu vergewissern, soll dieser Teil des kollektiven Gedächtnisses gelöscht werden, er soll der damnatio memoriae anheimfallen.

Im antiken Rom sollten mittels der damnatio memoriae die Namen in Ungnade gefallener Personen so dem Vergessen übergeben werden. Ihre Namen wurden aus den Annalen getilgt und sollten öffentlich nicht mehr genannt werden. Doch zugleich wurden den Namen durch Verfluchungen eine Rest-Präsenz in der Gesellschaft eingeräumt. Gewissermaßen sollte so an den zu Vergessenden erinnert werden. Er blieb zumindest als Verdammter noch präsent. Offenbar soll dieses Schicksal auch der Verliererseite des US-Bürgerkrieges zuteil werden. So dient die moderne Bilderstürmerei dieser Tage einem Verdrängungsprozess der zutiefst gespaltenen Nation. Doch schon Sigmund Freud warnte davor, dass durch Verdrängungen Neurosen nur umso wilder wuchern.

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