Demokratie ist nicht angeboren. Michael Hardt

Der tapfer ignorierte Krieg in Europa

Die Erschütterung über die Terroranschläge von Manchester am 22. Mai und von London am 3. Juni ist wieder der alltäglichen Routine gewichen. In der breiten Öffentlichkeit sind die Toten und zum Teil schwer Verletzten fast schon in Vergessenheit geraten.

Ja, es stimmt: Die britische Boulevardpresse gab sich in der Berichterstattung kurz nach den Anschlägen auf ein Pop-Konzert in Manchester und in London wenige Tage später alle Mühe, den Opfern, darunter zumeist Kinder und Jugendliche, ein Gesicht zu verleihen. Doch im Tempo der globalen Nachrichten reicht so etwas nur für einen Wimpernschlag der Wahrnehmung.

Wie schnell die in Europa mittlerweile allgegenwärtige Terrorgefahr verdrängt wird, machte die ARD-Journalistin Julie Kurz nach dem Manchester-Anschlag deutlich. Am 24. Mai postete sie via Twitter ein Bild von sich in Gesellschaft des ARD-Teams des Londoner Studios, wie man nach getaner Arbeit im Pub zusammensaß. Das an sich hätte wohl kaum Anlass zu Kritik gegeben. Doch der dazugehörige Kommentar „Es war ein schreckliches Ereignis. Ein Dank an das Studio-London-Team für den Einsatz. Das Leben geht weiter #impub“ brachte viele Nutzer der Kurznachrichtenplattform auf die Palme. Binnen weniger Tage sammelten sich unter dem Tweet über 300 zumeist empörte Kommentare angesichts so viel journalistischer Kaltschnäuzigkeit. Mal wieder ein Terroranschlag, mal wieder eine zweitstellige Zahl von Zivilisten, die den Tod fanden. Kein großes Ding, oder? Kein Grund auf den Pub-Besuch nach getaner Arbeit zu verzichten. – Das mag zutreffen. Nur sollte man sich die Frage stellen, ob man das dann auch für jeden sichtbar in einem sozialen Netzwerk posten muss? Es gibt nämlich in Deutschland und Europa auch genug Menschen, die angesichts der in immer kürzeren Abständen stattfindenden islam(ist)ischen Terroranschläge nicht so cool mit dieser Bedrohung umgehen können oder wollen.

Die Stunde der Beschwichtiger

Doch längst haben sich die Beschwichtiger in Medien und Politik mit einer ihnen eigenen Routine warmgelaufen. Zynisch möchte man anmerken, die vergangenen Jahre haben ihnen genug Gelegenheit zur Perfektionierung ihrer Appeasement-Politik gegenüber dem militanten Islam gegeben. Kaum ging die Meldung durch die Medien, dass es sich bei der Explosion von Manchester um einen Selbstmordanschlag handelt, trendete bei Twitter schon der #notallmuslims. Nutzer wurden nicht müde zu betonen, dass „Rassismus“, „Diskriminierung“ und „white privilege“ einzelne Muslims zu Anschlägen treiben würden. Identische Beobachtungen ließen sich auch nach dem Anschlag in London machen, als drei Islamisten erst mit einem Wagen Menschen überfuhren und anschließend mit Messern ihr mörderisches Werk fortsetzten.

In das gleiche Horn stießen auch führende Politiker, Journalisten und Prominente. Internationale Stars und Sternchen der Pop-Musik sandten über die entsprechenden Netzwerke ihre Trauer-, Liebes- und Gebetsbekundungen um die Welt. Den Vogel schoss Sängerin Katy Perry ab. Sie forderte: „No barriers, no borders, we all just need to co-exist.“ Die britische Premierministerin Theresa May betonte, solche Attacken würden „uns nicht brechen“. Den ganzen Irrsinn dieser Aussage schleuderte ihr indessen der britische Sänger Morrissey in einer Botschaft auf Facebook ins Gesicht. Mays Autosuggestion, dass Terrorattacken auf Kinder die Briten nicht brechen werden, konterte Morrissey mit der Feststellung, dass dies eine Premierministerin, die in einer „kugelsicheren Blase“ lebt, leicht sagen kann. Kritik übte der streitbare Barde auch an der Queen, die zwar in markigen Worte die Anschläge verurteilte, aber sich doch nicht genötigt sah, ihre Gartenparty im Buckingham Palace kurz nach dem Selbstmordanschlag von Manchester abzusagen. Ein Umstand, für den sie bemerkenswerterweise in den Medien nicht kritisiert wurde. Womöglich hat sich das ARD-Team mit seinem Pub-Post unter dem Motto „Das Leben geht weiter“ von der Queen und ihrer pragmatischen Gartenparty-Haltung inspirieren lassen.

Hedonismus als Allheilmittel

Dabei ist es nur noch absurd: Die Terrormiliz Islamischer Staat attackiert gezielt Kinder und Jugendliche mittels eines Selbstmordattentäters, aber mehr als ein „weiter so“ und „nur nicht von unserem Leben ablenken lassen“ kommt nicht als Reaktion. Vielmehr wurde lobend berichtet, dass es am Wochenende nach der Bluttat von Manchester in den Pubs und Amüsiervierteln war wie immer. Diese Kopf-in-den-Sand-Einstellung wurde auch in deutschen Medien als Triumph über den Terror verkauft. Dumm nur, dass das die Drahtzieher der Anschläge und ihre willfährigen Werkzeuge wenig beeindrucken wird. Der jüngste Anschlag in der englischen Hauptstadt hat dies einmal mehr in aller Schonungslosigkeit vor Augen geführt. Vielmehr richtete sich diese Tat wieder gezielt gegen Europäer, die angegriffen wurden, als sie an einem Samstagabend ihre Freizeit genießen wollten.

Durch explizit konservative Nachrichtenplattformen im Internet, wie Rebel Media aus den USA, wird jedoch auch abweichenden Meinungen eine Stimme verliehen. In einem Kommentar zum Umgang mit dem Manchester-Massaker bewertete Gavin McInnes die gegenwärtigen britischen Eliten als eine Gefahr für das Land. Deren Beschwichtigungen gegenüber Forderungen nach einem harten Vorgehen gegen Islamisten im Land nannte er einen Fehler. Man habe es mit einem Feind zu tun, der sich um keinerlei Regeln der Kriegsführung schere und nur Stärke respektiere. Mit dem Niederlegen von Blumen und medial inszenierter Trauer werde man den Kampf nicht gewinnen, so McInnes.

Abstumpfung durch wachsenden Terror

Hält man sich vor Augen, wie tief ganz Europa im letzten Jahrzehnt von den Anschlägen in London und Madrid getroffen wurde, so wird das ganze Maß der mittlerweile eingetretenen Abstumpfung deutlich. Man klammert sich an die Hoffnung, es werde einen selbst schon nicht treffen. Man redet sich ein, man lasse sich sein Leben nicht von islamistischen Terroristen verändern. Dabei reicht es aus, sich die ständig wachsenden Sicherheitsvorkehrungen bei öffentlichen Veranstaltungen aller Art vor Augen zu führen.

Während die Außengrenzen des Kontinents nicht geschützt werden (sollen oder können?), damit das Einsickern islamistischer Terroristen verhindert wird, werden Sportstätten und Konzerthallen immer mehr zu Hochsicherheitsarealen aufgerüstet. Anstatt endlich konsequent und offensiv gegen die Bedrohung unserer Freiheit vorzugehen, treibt viele Menschen absurderweise die Sorge um, den guten Ton der political correctness zu verletzen – dabei wächst die Zahl der Terrortoten weiter und weiter.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Ramin Peymani, Lilover Laylany Rodriguez .

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