Das Gerede von der Würde des Bundespräsidenten ist das Misstrauensvotum der Parteien gegen sich selbst. Jost Kaiser

Der Friedensnobelpreis und die Sinnfrage

And the winner is: Juan Manuel Santos. In diesem Jahr geht der Friedensnobelpreis an den kolumbianischen Präsidenten. Das Nobelpreiskomitee ehrt den seit 2010 amtierenden Regierungschef für seine Bemühungen und Verdienste um den Friedensprozess in seinem Land. Denn Santos gelang es im September 2016, die marxistischen FARC-Rebellen zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens zu bewegen.

Es ist ein bedeutsames Zeichen. Mit dem Friedensnobelpreis wird der Präsident Kolumbiens ausgezeichnet; damit soll sein Bemühen belohnt werden, den seit rund 50 Jahren andauernden Bürgerkrieg in dem südamerikanischen Land zu beende. Eine der verschiedenen Konfliktparteien waren die FARC-Rebellen. In dem blutigen Konflikt kamen bislang rund 200.000 Menschen zu Tode.

Die Preisverleihung hat jedoch nicht nur einen Auszeichnungscharakter, sie soll auch die weitere Politik des kolumbianischen Präsidenten, seine zukünftigen Schritte zum Frieden in seinem Land unterstützen. Denn das Friedensabkommen ist in dem Land nicht unumstritten. In einer Abstimmung lehnte eine knappe Mehrheit der Befragten den Friedensvertrag mit den FARC ab, da dieser ihnen Straffreiheit zugesichert hatte. Inzwischen wurde der Vertrag überarbeitet, kritische Stimmen, die vor allem im Umfeld des ehemaligen Präsidenten Alvaro Uribe Vélez zu hören waren, sind offenbar zumindest vorläufig beruhigt.

Was ist das für eine Auszeichnung?

Über die politische Leistung Juan Manuel Santos’ hinaus soll an dieser Stelle die Geschichte dieses prestigeträchtigen Preises näher betrachtet werden. Verliehen wird er seit 1901 immer am 10. Dezember in Oslo. Das Datum ist dabei bewusst gewählt als der Jahrestag, an dem der Preisstifter Alfred Nobel 1896 verstarb. Die Idee für die Auszeichnung findet sich im Testament des Erfinders und Industriellen. Darin heißt es: „Mit meinem verbleibenden realisierbaren Vermögen soll auf folgende Weise verfahren werden: das Kapital, das von den Nachlassverwaltern in sichere Wertpapiere realisiert wurde, soll einen Fonds bilden, dessen Zinsen jährlich als Preis an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile aufgeteilt: […] und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.“

Es ist schon oft darüber spekuliert worden, ob Alfred Nobel damit nicht zuletzt sein eigenes Gewissen beruhigen wollte. Immerhin erfand er das Dynamit, die Sprenggelatine und das Pulver Ballistit. Entgegen populärer Ansicht war es von den drei Erfindungen die letztgenannte, die die Kriegstechnik im 19. Jahrhundert auf eine neue Stufe hob. Denn durch Ballistit konnte die Nutzung von Schusswaffen – von der Pistole bis zur Kanone – erheblich verbessert werden.

Paradoxerweise lehnte Alfred Nobel persönlich Krieg und Gewalt ab. Er stand zeitweise auch in regem Briefwechsel mit der Friedensaktivistin Bertha von Suttner. Doch ebenso paradox ist der Umstand, dass der friedensbewegte Erfinder 1894 den schwedischen Rüstungskonzern Bofors kaufte. Eine Forschungsmeinung besagt, dass Nobel gehofft habe, man werde mit der Zeit vom Krieg als Mittel der Politik Abstand nehmen, sobald die Zerstörungskraft moderner Waffen groß genug wäre. Bis zur Entwicklung und zum Einsatz der Atom-Bombe hat sich diese Hoffnung Nobels als falsch erwiesen. Denn auch mit weniger horribilen Waffen lassen sich grauenerregende Zerstörungen anrichten, wie ein Blick nach Syrien lehrt.

Wie sinnvoll ist die Auswahl der Laureaten?

In den vergangenen 115 Jahren wurden von dem fünfköpfigen Komitee eine ganze Reihe Persönlichkeiten für ihre Verdienste um den Frieden ausgezeichnet. Zweifellos sind beispielsweise Mutter Theresa (1979) und Gustav Stresemann (1926) zwei herausragenden Menschen, deren Leistung zu Recht durch die Auszeichnung gewürdigt wurden. Doch nicht immer waren die Preisträger über jeden Zweifel erhaben.

Bei der Auszeichnung des damals erst kurz regierenden US-Präsidenten Barack Obama in 2009 fragt man sich bis zum heutigen Tage, wie das Komitee darauf gekommen ist. Schwerlich konnte sich der Politiker zuvor um den Weltfrieden verdient machen, noch sollte er es in seiner Amtszeit tun. Der Drohnenkrieg als probates Mittel der Außenpolitik wird immer noch gepflegt. Die Auswirkungen der US-Interventionen in Nordafrika darf Europa derzeit auf seinem eigenen Territorium ausbaden. Womöglich sollte die Preisverleihung auch schlicht ein Anreiz für die vom ersten schwarzen US-Präsident erhoffte Weltfriedenspolitik sein. Jedenfalls haben die Mitglieder des fünfköpfigen Wahlkomitees Obama damit einen Bärendienst erwiesen. Zu den ohnehin überzogenen Erwartungen an den Demokraten trat so eine weitere hinzu.

Für weiteres Kopfschütteln sorgte die Entscheidung der drei Damen und der zwei Herren, als sie 2012 allen Ernstes die Europäische Union als Institution mit dem an und für sich hochangesehenem Preis auszeichneten. Zu einem Zeitpunkt, als die Euro-Rettungspolitik den Kontinent mehr und mehr spaltete, und sich in immer mehr Ländern die Menschen von dem Brüsseler Politpersonal abwendeten, sollte der Preis wohl die Völker Europas auf ein „weiter so“ einschwören. Das Gegenteil war der Fall. Man muss gar nicht weitere historische Persönlichkeiten aus der Liste der vorherigen Preisträger bemühen, um zu verdeutlichen, wie unpassend die Entscheidung war.

Auf den Wühltisch der Weltgeschichte?

Offenbar sind bei der Wahl die trotz steigender Nominierungszahlen die geeigneten Kandidaten äußerst knapp. 2016 wurden insgesamt 376 Personen nominiert. Zugleich werden die Vergabekriterien weiter aufgeweicht. Seit dem Jahr 2004 reichen auch Verdienste um den Umweltschutz, um nominiert und ausgezeichnet zu werden. Man kommt nicht umhin, sich allmählich die Sinnfrage dieser Veranstaltung zu stellen. Denn mit Blick auf die ursprünglichen Anforderungen, die Nobel an die Preisträger stellte, wird klar, dass man sich inzwischen ein gutes Stück davon entfernt hat. Betätigungsfelder für Friedensaktivisten gab und gibt es auch nach zwei Weltkriegen und den Stellvertreterkriegen des Kalten Krieges immer noch mehr als genug, und es stellt sich die Frage, warum erst 2016 ein echter Friedensbringer geehrt wurde.

Die Verleihung des renommierten Preises an die EU und Obama hat Schaden hinterlassen. Es stellt sich angesichts dessen die Frage, ob die Inszenierung des Friedensnobelpreises einen faktischen Nutzen hat. Sicherlich, die acht Millionen Schwedischen Kronen Preisgeld, rund 816.000 Euro, sind bei den jeweiligen Projekten der Preisträger gut aufgehoben. Doch seitdem dieser Preis im Fall Obama vorsorglich erteilt wurde, ist er ramponiert. Die Verleihung an die EU war nur die Bestätigung dieser Erkenntnis mit dem Holzhammer. Die Verleihung an den kolumbianischen Präsienten in diesem Jahr könnte ein erstes vorsichtiges einschwenken auf den alten Weg der Tugend sein, der durch Gustav Stresemann und Mutter Theresa beispielhaft markiert wird. Ob das Nobelkomitee aber zu alter Anerkennung gelangt oder ob dieser seit über hundert Jahren weltweit mit dem höchsten Ansehen verbundene Preis tragischerweise auf dem Wühltisch der Weltgeschichte landen wird, ist noch völlig offen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oskar Lafontaine, Herbert Ammon, Herbert Ammon.

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