Droht Europa das Schicksal des Habsburgerreiches?

Alexander Graf19.11.2016Europa, Gesellschaft & Kultur

Die Donaumonarchie war wie ein vereintes Europa in etwas kleinerem Maßstab. Regiert wurde sie von Wien aus, und ihr Zerfall, der schleichend und zunächst unsichtbar begann, könnte eine Warnung für das Europa heutiger Tage sein. Am 21. November 1916, mit dem Tod Kaiser Franz Josephs I., war das Weltreich der Habsburger fast schon Geschichte. Nur der Schlusspunkt fehlte noch.

Am 21. November 1916 endete mit dem Leben des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. nicht nur ein langes Monarchenleben. Mit ihm starb mitten im Ersten Weltkrieg der Herrscher, der zur Symbolfigur der späten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn geworden war. Seitdem er 1848 mit gerade einmal 18 Jahren den Thron bestiegen hatte, hatte er über das Vielvölkerreich der Habsburger geherrscht, und mit dem uralten Begräbnisritual wurde ihm in der Kapuzinergruft, aus der auch unser Bild stammt, eine letzte Ruhestätte gegeben. Doch in den habsburgischen Kronlanden brodelte es seit Jahrzehnten.

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert war das Nationalgefühl der unterschiedlichen Volksgruppen erwacht. Der erstarkende Nationalismus brachte das Blut der insgesamt zwölf Völker in Cis- und Transleithanien in Wallung. Österreich-Ungarn war nur noch eine Hülle, und mit fortlaufender Zeit blieb einzig die Person des betagten Monarchen als Integrationsfigur, die als Minimalkonsens über dem Nationalitätenkonflikt stand. Doch immer neue gewaltsam ausgetragene Konflikte zwischen den Ethnien des Reiches zeigten, dass die Zentrifugalkräfte des sogenannten „Volkstumskampfes“ auch vor dem Kaiser nicht mehr Halt machten. In Prag griffen beispielsweise aufgebrachte Tschechen auch Statuen des Kaisers und die Flagge des Hauses Habsburg an. Die Stadt an der Moldau war immer wieder Schauplatz schwerer Ausschreitungen zwischen Tschechen und Deutschen geworden. Bisweilen musste der Ausnahmezustand verhängt werden, einzig Armeeeinheiten konnten für Ordnung sorgen. Der Ausbruch des Weltkrieges konnte 1914 keine dauerhafte Einigung der Untertanen bewirken. So desertierten slawische Soldaten der k. u. k. Monarchie nicht selten truppweise und liefen zu ihren „russischen Brüdern“ über.

Eine Epoche endet mit morbidem Prunk

Als Franz Joseph I. am 30. November in der Residenzstadt Wien zu Grabe getragen wurde, zeigte sich die Monarchie noch einmal in ihrer Pracht. Zwei Jahre später verloren die Habsburger in Wien wie auch die Hohenzollern in Berlin ihre Throne. Für Deutschland bedeutete die Kriegsniederlage 1918 massive und schmerzliche Gebietsverluste, aber für Österreich-Ungarn bedeutete der Vertrag von Saint Germain, der den Krieg beendete, auch die abrupte Vollendung eines Zerfallsprozesses, der sich schon Jahre vor dem Krieg angekündigt und der bereits schleichend begonnen hatte. Die unterschiedlichen Völker, die ihren Staat immer mehr als „Völkerkerker“ wahrgenommen hatten, hatten den Weg in die staatliche Unabhängigkeit in Wirklichkeit längst angetreten. Damit war zumindest der zuvor immer heftiger ausgetragene „Volkstumskampf“ beendet.

Diese Auseinandersetzungen aus der Vorkriegszeit können als eine Warnung für Europa im 21. Jahrhundert gelesen werden. Nicht erst seit der aktuellen Asylkrise wachsen in den Ländern Europas Parallelgesellschaften, die sich teilweise offen gegen die sie beherbergenden Staaten stellen. Belgien, Frankreich, Deutschland, überall brodelt es in den außereuropäischen Migrantenmilieus. Mittlerweile organisiert man sich auch politisch und versucht Einfluss zu gewinnen. In Holland geschieht dies durch die Ausländerpartei DENK. In Deutschland brachte vor einigen Monaten der türkische Ministerpräsident Erdogan tausende seiner Landsleute auf die Straße. Angesichts dieser Machtdemonstration stellt sich dem Beobachter die Frage, welchem Staat die Loyalität dieser Türken gehört.

Durch die Wanderbewegung in Richtung Europa, die seit dem letzten Jahr Fahrt aufgenommen hat, ist ein Prozess in Gang gesetzt, der den Kontinent mehr und mehr strapaziert und überfordert. Die Bevölkerungen der Staaten verändern sich. Die demographischen Probleme, die in allen Ländern Westeuropas bestehen, werden so nur auf dem Papier gelöst. Doch wachsen neue Konfliktpotentiale zugleich heran. Die euphemistisch als Krawallen von „Jugendlichen“ genannten Ausschreitungen der afrikanischen Einwanderer vor einigen Jahren in England und Frankreich zeigen das deutlich. Ethnische Bruchlinien treten zutage, die bislang noch von der Politik ignoriert oder verharmlost werden.

Was das heutige Europa lernen könnte

Zu Zeiten der Regierung von Franz Joseph I. versuchte man die Volksgruppen in einem Zustand „wohltemperierter Unzufriedenheit“ zu halten. Ein mehr als riskantes Spiel, das zugleich die Hilflosigkeit der Verantwortlichen zeigte. In Ermangelung von Lösungen setzte man auf eine Politik des „Fortwurschtelns“. In der Gegenwart erwecken die in Europa Regierenden nicht den Eindruck, als hätten sie andere Lösungen parat. So steht zu befürchten, dass sich auch hierzulande die Zentrifugalkräfte der wachsenden Desintegration der Gesellschaften verstärken werden.

Die zahlreichen Angebote, die den Einwanderern die Teilhabe ermöglichen sollen, haben in der Vergangenheit zu oft nicht gegriffen. Betrachtet man die zu trauriger Berühmtheit gelangten Stadtteile Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln, ist klar, was Heinz Buschkowsky, der ehemalige SPD-Bürgermeister des letztgenannten Bezirks, meinte, als er im vergangenen Jahr sagte, die Integration der Asylbewerber werde nicht gelingen. Ausgehend von seinen Erfahrungen mahnte er, dass schon die Integration von Teilen der afrikanischen und arabischen Einwanderer in der Vergangenheit nicht gelungen sei.

Die Staatszerfallprozesse in Ost- und Ostmitteleuropa, die vor 1918 begannen und sich danach wie eine Lawine abspielte, liefert Anschauungsmaterial der schaurigen Art. Von Tschechien bis zum Kosovo lässt sich beobachten, welch Gewaltpotential dort entstand, als sich ethnische und religiöse Konflikte vermengten. Die daraus resultierenden Entwicklungen verliefen entlang der ethnischen Bruchlinien. Übertragen auf West- und Mitteleuropa lassen sich diese Abläufe besonders deutlich am Beispiel Belgien ablesen. Als im Zuge der Ermittlungen nach den Anschlägen von Paris, die sich vor wenigen Tagen zum ersten Mal jährten, das muslimisch dominierte Brüsseler Viertel Molenbeek in das Blickfeld der Sicherheitsbehörden geriet, konnte jedermann durch die Berichterstattung erfahren, welche Gefahrenpotentiale mittlerweile in derartigen Vierteln schlummern.

Angesichts der in immer kürzeren Abständen stattfindenden Terroranschläge und des wachsenden Rekrutierungspotentials für islamistische Prediger steht zu befürchten, dass Europa ein staateninterner Nationalitätenkonflikt ungeahnten Ausmaßes bevorsteht. Im Vergleich dazu könnte der „Volkstumskampf“ aus den Zeiten des Habsburgerreiches wie eine Wirtshausrauferei aussehen.

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