Die entbehrliche Empörung

Alexander Graf30.10.2016Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso stärker wird es „aufgearbeitet“ und „bewältigt“. Sportvereine, Unternehmen, Behörden und Ministerien haben bereits von Historikern oder ganzen Kommissionen ihre eigenen Rollen zwischen 1933 und 1945 erforschen lassen. Auch die vielerorts scharf kritisierte Veröffentlichung „Das Amt“ hat nichts geändert: Immer neue Aufarbeiter melden sich zu Wort.

2010 ist eine Studie mit dem Titel „Das Amt und die Vergangenheit“ Arbeit, begleitet von viel medialem Getöse, veröffentlicht worden. An Fakten wurde, darüber besteht Einigkeit, nicht viel Neues geliefert. Belastete Personen wurden genannt, aber die Praxis, auch politisch vorbelastete Personen in der Bundesrepublik wieder in den Staatsdienst einzustellen, war bekannt. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte bereits 1952 ganz pragmatisch erklärt: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.“

Nun gehört es gewissermaßen zum Berufsrisiko eines Historikers, dass man aus der Bearbeitung von Quellen keine neuen Erkenntnisse gewinnen kann. Doch das Buch über das Auswärtige Amt, zu dem der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer 2005 den Auftrag gab, da er sich über den Dünkel ehemaliger Diplomaten aufgeregt haben soll, zog nicht zuletzt Kritik an der Arbeitsweise der Historikerkommission auf sich. Der in Cambridge lehrende Professor Richard J. Evans, der ein renommierter Fachmann auf dem Gebiet des Dritten Reiches ist, warf den Kollegen vor, „die aktive Teilhabe des Auswärtigen Amtes an einer Reihe von kriminellen Aktivitäten der Nazis zu übertreiben“. Gegenüber dem „Spiegel“ kritisierte Evans auch die Praxis, dass Doktoranten der beteiligten Historiker umfangreiche Recherchearbeiten durchführten und dabei nicht ausreichend kontrolliert wurden.

Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte sah in dem über 800 Seiten starken Werk „bodenlose Behauptungen“, „Überzeichnungen“, „Vereinfachungen“ und „schlichtweg falsche Befunde“. Derart vernichtende Urteile wurden auch dadurch nicht realtiviert, dass Eckart Conze, einer der vier Verfasser, nicht anstand, das Auswärtige Amt als „verbrecherische Organisation“ zu bezeichnen – womit er die Diplomaten auf eine Stufe mit SA und SS stellte. Neben den handwerklichen Mängeln war in der Historikerzunft gerade die Art und Weise, in der Conze und Kollegen ihre vermeintlich neue Erkenntnisse präsentiert hatten, scharf kritisiert wurden.

Und nun auch der BND

Dass daraus nichts gelernt worden ist, wurde unlängst wieder deutlich, als Ergebnisse einer Studie über die Frühphase des Bundesnachrichtendienstes der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Freilich können die mit der Arbeit betrauten Historiker nichts dafür, wenn beispielsweise das ARD-Magazin „titel, thesen, temperamente“ Erkenntnisse über die Beschäftigung ehemaliger Wehrmachts- und SS-Angehöriger beim bundesdeutschen Geheimdienst als „Agententhriller“ und „Horrorschocker“ tituliert. Aber wenn die beteiligten Historiker in Bezug auf die damalige Einstellungspraxis von mangelndem „Problembewusstsein“ sprechen und kritisieren, dass die entsprechenden Stellen auf ehemalige Kollegen aus der Kriegszeit zurückgriffen, wäre es doch angemessen, den Kontext zu beachten.

Wie im Fall der Diplomaten, so wuchs auch Geheimdienstpersonal eben nicht auf Bäumen. So ist die Erkenntnis des BND-Kommissions-Historikers Klaus-Dietmar Henke, dass auf diese Weise eine in sich geschlossene Gruppe entstand, wie er der „taz“ erklärte, nicht neu.
Ganz bestimmte Vertreter in der Presselandschaft nehmen derartige Befunde dennoch dankbar auf und zeichnen nach wie vor das Bild einer tiefbraunen Frühphase der Bundesrepublik. Die „Süddeutsche Zeitung“ bezeichnet den Bundesnachrichtendienst in Artikeln unter anderem als „Sauhaufen von Pullach“ und stempelt den ersten BND-Chef Reinhard Gehlen wegen dessen Furcht vor einer weiteren Expansion des Kommunismus in den 1950ern als „paranoiden Antikommunisten“ ab.

Empörungen, so entbehrlich

Auch Politiker stürzen sich gerne auf derartige Forschungsergebnisse, bauschen diese auf und verkaufen sie bar jeglichen historischen Hintergrundwissens als Skandale. Seriöse und unaufgeregte Stimmen von Historikern gehen dabei oftmals ungehört unter. So ist zu befürchten, dass auch die derzeit laufenden oder sich in Planung befindlichen Forschungsprojekte dementsprechend präsentiert und politisch genutzt werden. So kündigte das niedersächsische Sozialministerium Mitte Oktober an, dass es die Geschichte der psychiatrischen Landeskrankenhäuser aufarbeiten lassen wolle. Der Schwerpunkt soll dabei auf der NS-Vergangenheit der Ärzte und deren weiteren Laufbahnen nach Kriegsende liegen.

Ohne mögliche Ergebnisse einer solchen Untersuchung vorahnen zu können, ist jedoch zu befürchten, dass auch in diesem Fall die personellen Kontinuitäten über das Jahr 1945 hinaus eine schockartige mediale und politische Empörung hervorrufen werden. Wie bereits erwähnt, ist dieser Umstand bereits seit Jahrzehnten bekannt. So stellt man sich beinahe ketzerisch die Frage, worin der Sinn derartiger Forschungsaufträge noch besteht? Etwa im bloßen Zählen ehemaliger Parteigenossen?

In diesem Zusammenhang sollte daran erinnert werden, dass im Jahr 1939 von rund 77 Millionen Deutschen gut 40 Millionen Mitglied in einer der verschiedenen Parteiorganisationen waren. Beachtet man dieses nicht unwichtige Faktum, so wird auch die oben zitierte Aussage Adenauers plausibel. Einzelne Historiker warnen seit Jahren vor einem „forschungspolitischen Aktivismus“. Auch eine Untersuchung der Tätigkeiten der NS-belasteten Funktionäre in den Behörden der Bundesrepublik ist bereits erfolgt. So stellte Axel Schildt, Direktor der Forschungsstelle Zeitgeschichte in Hamburg, bereits 1988 über die Rolle alten und neuen Diplomaten fest: „Gefordert und geleistet wurde Anpassung an die neue Ordnung, ob aus äußerem Opportunismus oder aus innerem Antrieb.“

Die GEW vorneweg, mal wieder

Dass aber auch die wissenschaftlichen Aufarbeiter ihre Erkenntnisse in die politische Auseinandersetzung einspielen, wird am Forschungsprojekt über den NS-Lehrerbund und der Frühgeschichte der Gesellschaft Erziehung und Wissenschaft deutlich. So bemühten sich der zuständige Erziehungswissenschaftler Benjamin Ortmeyer im Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ darum, aus seiner Arbeit über nationalsozialistisch überzeugte Lehrer ab 1933 eine Handhabe für die heutige Gegenwart gegen „Neonazis und ihre Helferinnen und Helfer in ganz Deutschland“ zu destillieren. Inwiefern sich die Verhältnisse von vor rund 80 Jahren auf die Gegenwart übertragen lassen, musste er jedoch offenlassen. Schlüssige Belege, um es deutlicher zu formulieren, fehlen. Wie Ortmeyer jedoch schon mit einer Broschüre gegen die Verwendung der dritten Strophe des Liedes der Deutschen als Nationalhymne bewiesen hat, unterliegt er bisweilen ein wenig der Versuchung, das Dritte Reich in der Gegenwart bekämpfen zu wollen.

Wünschenswert wäre stattdessen ein unaufgeregter und nüchterner Umgang mit den bisher erlangten und möglicherweise noch kommenden Ergebnissen der Forschungen über die jeweiligen Institutionen und Personen. Dass man damit im empörungsfreudigen Meinungsklima, wo der Themenkomplex des Dritten Reiches immer noch die größtmögliche Aufmerksamkeit auf sich zieht, rechnen kann, ist wohl unrealistisch. Bleibt nur zu hoffen, dass die Historikerzunft sich nicht von der Hysterie anstecken lässt. Die Hoffnung, dass es mit solch hysterischer Empörung ein Ende haben könnte, ist jedoch gering.

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