Die Uniform macht(e) den Mann

von Alexander Graf10.10.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Zu den Kennzeichen des Wilhelminischen Deutschland gehörten Militarismus und Obrigkeitsgläubigkeit. Dass eine unreflektierte Verehrung des Uniformträgers zu absurden Situationen führen konnten, führte vor 110 Jahren Wilhelm Voigt vor. In Berlin-Köpenick. Und angesichts der prekären Sicherheitslage stellt sich die Frage, ob dieser angebliche Hauptmann bald wieder fröhliche Urständ feiern könnte.

Offiziere besaßen in der deutschen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg ein enorm hohes Ansehen. Das führte bis hin zu einer reflexartigen Unterordnung unter uniformierte Menschen. Demtentsprechend trug jeder, der das konnte, öffentlich seine Uniform. Neben dem Adel und dem wachsenden Bildungsbürgertum mit seinen akademischen Meriten galt das Offizierskorps damit als „bessere Gesellschaft“. Die geradezu sprichwörtliche, unreflektierte Verehrung des Uniformträgers verbunden mit latentem Militarismus und dazu einem gehörigen Maß an mangelnder Aufmerksamkeit zu absurden Situationen führen konnten, führte vor 110 Jahren ein vorbestrafter Schuhmacher vor, Wilhelm Voigt. Am 16. Oktober 1906 narrte er Militär und Verwaltung in Berlin gleichermaßen.

Voigt war bereits als Jugendlicher wegen Diebstählen auffällig geworden. Der 1849 in Tilsit Geborene war mehrfach vorbestraft und hatte vor dem Jahr 1906 bereits insgesamt 15 Jahre in Haft verbracht. Während einer dieser Strafen ersann er den Plan zu einem Coup, der ihn weltberühmt machen sollte. Bei verschiedenen Trödelhändlern besorgte er sich die Bestandteile einer Uniform eines Hauptmanns des preußischen 1. Garde-Regiments zu Fuß. Gekleidet in diese Gewänder machte er sich am 16. Oktober auf den Weg zur Militärbadeanstalt in Plötzensee. Dort stoppte er zunächst einen Trupp Gardesoldaten, die gerade Wachwechsel hatten. Durch diese ließ er einen weiteren Trupp Soldaten herbeirufen. Kurzerhand unterstellte er die insgesamt zehn Männer seinem Kommando und verwies dabei auf eine – frei erfundene – Kabinettsorder. Dann fuhr der vermeintliche Hauptmann mit „seinen Männern“ per Stadtbahn nach Köpenick. Als fürsorglicher, aber nur vorgeblicher Vorgesetzter gab er den Soldaten bei einem Zwischenhalt auf der Reise Bier und ein Mittagessen aus.

„Da kann man sehen, was Disziplin heißt!“

Dermaßen gestärkt traf man in Köpenick ein, wo Voigt von den ihn begleitenden Soldaten das Rathaus besetzen ließ. Den anwesenden Oberstadtsekretär und Bürgermeister ließ er in ihren Dienstzimmern festsetzen. Anschließend erging durch den falschen Hauptmann die Order, das Geld der Stadtkasse zu ihm zu bringen, da er es beschlagnahmen müsse. So nahm Voigt 3.557,45 Mark an sich, was umgerechnet einem Gegenwert von rund 22.000 Euro entspricht. Die Soldaten erhielten nun den Befehl, das Rathaus noch eine halbe Stunde besetzt zu halten, während sich Wilhelm Voigt mit seiner Beute zum Bahnhof aufmachte. Dabei wurde er von Schaulustigen beobachtet, wie er sich vor Ort „ein Glas Helles kredenzen“ ließ, „das er in einem Zuge lehrte“, wie später Zeitungen berichteten. Das geplante Untertauchen in der Reichshauptstadt Berlin gelang dem Dieb jedoch nicht; zehn Tage später wurde er verhaftet.

Voigt hatte jedoch Glück und das Königliche Landgericht, vor dem er sich wegen „unbefugten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung“ verantworten musste, verurteilte ihn nur zu vier Jahren Gefängnis. Jedoch wurde er von Kaiser Wilhelm II., der sich ebenso wie die Bevölkerung über den Fall amüsierte, begnadigt. Am 16. August 1908 war Wilhelm Voigt wieder ein freier Mann. Der Kaiser, selbst ein begeisterter Uniformträger, nahm den Vorfall mit Humor. So soll er die Ereignisse um den „Hauptmann von Köpenick“ mit den Worten kommentiert haben: „Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!“ Gegenüber der britischen „Daily Mail“ nannte er den kreativen Kleinkriminellen einen „genialen Kerl“.

Der Fall fand auch in der internationalen Presse Beachtung. Der Verantwortliche selbst vermarktete seine Biographie nach seiner verkürzten Haftstrafe und reiste durch Europa, um seinen Coup einem interessierten Publikum zu berichten. Doch der „lustige Operettenstoff“ (so die „Vossische Zeitung“ in ihrer Bewertung) sorgte auch unter Zeitgenossen für kritische Töne. So gab die „Berliner Morgenpost“ zu Bedenken: „Daß ein ganzes Gemeinwesen mit allen seinen öffentlichen Funktionen, ja daß eine Abteilung Soldaten selbst auf so überwältigend komische und dabei doch völlig gelungene Art von einem einzigen Menschen düpiert wurde, das hat in unserem Lande der unbegrenzten Uniform-Ehrfurcht ein militärisches Gewand getan, mit dem sich ein altes, krummbeiniges Individuum notdürftig behängt hatte.“

Die linksliberale „Berliner Volks-Zeitung“ wurde in ihrer Kritik an den Verhältnissen im Kaiserreich noch deutlicher. „So unsagbar komisch, so unbeschreiblich lächerlich diese Geschichte ist, eine so beschämend ernste Seite hat sie. Das Köpenicker Gaunerstückchen stellt sich dar als der glänzendste Sieg, den jemals der militaristische Gedanke in seiner äußersten Zuspitzung davongetragen hat. Das gestrige Intermezzo lehrt klipp und klar: Umkleide dich in Preußen-Deutschland mit einer Uniform, und du bist allmächtig. […] In der Tat: Der Held von Köpenick, er hat den Zeitgeist richtig erfasst. Er steht auf der Höhe intelligentester Würdigung moderner Machtfaktoren. Der Mann ist ein Realpolitiker allerersten Ranges. […] Der Sieg des militärischen Kadavergehorsams über die gesunde Vernunft, über die Staatsordnung, über die Persönlichkeit des einzelnen, das ist es, was sich gestern in der Köpenicker Komödie in grotesk-entsetzlicher Art offenbart hat.“

Und heute – eine neue Köpenickiade?

In der Bundesrepublik wird nach den zwei verlorenen Weltkriegen mit all ihren Schrecknissen nicht nur das Militär an sich äußerst kritisch beäugt. Da sich bereits zu Zeiten des Kalten Krieges durchsetzen konnte, dass Angehörige der Bundeswehr straflos als „Mörder“ tituliert werden konnten und können, ist auch die Achtung vor der Uniform der Streitkräfte in immer höherem Maße verschwunden. Störungsversuche von öffentlichen Gelöbnissen der Bundeswehr und Pöbeleien gegen Bundeswehrsoldaten, die in der Öffentlichkeit Uniform tragen, verdeutlichen diesen Umstand überdeutlich. So ist es 110 Jahre nach der Köpenickiade nur mehr schwerlich vorzustellen, dass ein Mann in Offiziersuniform – dazu noch in Begleitung von einer Soldatengruppe – ein Rathaus besetzen würde.

Während große Teile der deutschen Bevölkerung der Armee und allem Militärischen nicht einmal mehr skeptisch, sondern quasi nur noch desinteressiert gegenüberstehen, wird angesichts der wachsenden Terrorgefahr zwischen Flensburg und Freilassing immer häufiger der Einsatz der Bundeswehr im Inneren diskutiert. Diese Diskrepanz müsste nach allen Gesetzen der Logik angesichts des derzeitigen Personalmangels zur Wiedereinführung der 2011 ausgesetzten Wehrpflicht führen. Große Skepsis ist indes bei der Frage angebracht, ob sie nicht doch wiedereingeführt wird. Eine Renaissance der Wilhelminischen Uniformbegeisterung dürfte jedoch auch im Fall dieses Falles nicht zu befürchten sein. Nicht einmal Terrorwellen wie aktuell in Frankreich dürften hierzulande einen Hauptmann von Köpenick auf den Plan rufen. Ob das ein gutes Vorzeichen für die innere Sicherheit in den kommenden Jahren ist, steht auf einem anderen Blatt.

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