Lehre und Warnung für Europa

Alexander Graf24.09.2016Europa, Politik

Der Unabhängigkeitstag Kroatiens, der 8. Oktober 1991, markiert den endgültigen Abschied des Landes aus dem ehemaligen Jugoslawien. An jenem Tag beschloss das kroatische Parlament den Abbruch sämtlicher staatsrechtlicher Verbindungen zum jugoslawischen Staat. 25 Jahre danach ist dieser Tag höchst aktuell.

38164e01a9.jpeg

Tags zuvor, am 7. Oktober 1991, hatte die jugoslawische Luftwaffe das Parlamentsgebäude in der kroatischen Hauptstadt Zagreb beschossen. Damit war eine weitere Eskalationsstufe des jugoslawischen Zerfallsprozesses erreicht. Diese Vorgänge fielen in die erste Phase der Balkankriege, die die Region in den 1990er Jahren erschütterten. Doch bereits seit rund hundert Jahren brodelte es zwischen den dort lebenden Völkern.

Bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg explodierte das Pulverfass Balkan und es kam zu den beiden Balkankriegen 1912 und 1913. Dass der Weltkrieg 1914 durch das Attentat von Sarajevo, als ein serbischer Nationalist das österreichische Thronfolgerpaar ermordete, ausgelöst wurde, sei nur aus Gründen der Vollständigkeit erwähnt. Im Zweiten Weltkrieg standen sich die unterschiedlichen Volksgruppen nach der Zerschlagung des jugoslawischen Königreiches durch deutsche, italienische, ungarische und bulgarische Truppen als Feinde gegenüber. So verübten in der Folgezeit beispielsweise Einheiten der kroatischen Ustascha-Einheiten Massenmorde an Serben, Juden und Roma.

Angesichts dieser gewaltsamen Vorgeschichte trug der nach 1945 gegründete Staat Jugoslawien ein schweres Erbe mit sich. So sollten die Volksgruppen, die sich noch kurz zuvor bekämpft hatten und sich dabei zum Teil schwerster Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten, nun zusammenleben. Das sozialistische Jugoslawien unter der Herrschaft von Josip Broz Tito war eine föderative Republik, die aus sechs Teilrepubliken bestand. Slowenien und Kroatien waren davon die wirtschaftlich stärksten und übertrafen Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro und Mazedonien. Dieses wirtschaftliche Ungleichgewicht sollte eines der Argumente werden, mit der Slowenen und Kroaten unter anderem ihre späteren Abspaltungswünsche begründeten. Denn sie wollten nicht für die ärmeren Republiken als Zahlmeister herhalten.

Das Scheitern Titos

Doch zunächst machte sich Tito daran, den Staat neu zu organisieren. Sein Ziel war eine Aussöhnung der Völker. Um die Gleichberechtigung der unterschiedlichen Volksgruppen zu gewährleisten, wurde die Postenvergabe im sozialistischen Staat nach einem ethnischen Schlüssel vergeben – also nach einer festgeschriebenen Quotenregelung gemäß des jeweiligen Anteils der Volksgruppe an der jugoslawischen Gesamtbevölkerung. Nach dem Tod Titos im Jahr 1980 gerieten die Verhältnisse im autoritär regierten Land allerdings wieder in Bewegung. Nun entwickelte der zuvor unterdrückte Nationalismus wieder ein Eigenleben.

Unter dem späteren ersten kroatischen Staatspräsidenten Franjo Tudjman verstärkte sich in Kroatien eine nostalgische Strömung, die bewusst an die Ustascha-Bewegung anknüpfte, was sich auch an der Wahl der „Schachbrett-Flagge“ festmachen lässt. Dies geschah in einer Phase, als antiserbische und antisemitische Töne wachsenden Anklang fanden. Im serbischen Lager bediente sich Slobodan Milosevic ebenfalls nationaler Strömungen, die sich neben den Kroaten auch gegen die albanische Bevölkerung im Kosovo wendeten. Die Provinz Kosovo wurde mehr und mehr zum Zankapfel zwischen Serben und Albanern. Für die Erstgenannten ist die Region ein Ort von großer historischer Bedeutung, da dort auf dem Amselfeld im Jahre 1389 ein serbisches Heer den Osmanen unterlag, aber zugleich den osmanischen Vormarsch nach Mitteleuropa stoppte. Die Erinnerung an dieses Ereignis ist fester Bestandteil der serbischen Identität.

1990 zerbrach schließlich die kommunistische Partei Jugoslawiens als Slowenen und Kroaten ihre Mitarbeit aufkündigten. Die Slowenen machten auch den Anfang, als es darum ging, sich aus dem Vielvölkerstaat zu verabschieden. Bereits Ende 1990 stimmten sie für ihre Unabhängigkeit, die sie im Sommer des nächsten Jahres auch offiziell verkündeten. Am 26. Juni 1991 begann der sogenannte 10-Tage-Krieg, an dessen Ende der Austritt Sloweniens aus dem ungeliebten Vielvölkerstaat stand. Da es auch vor diesem vergleichsweise leichten Konflikt mit nur geringen Opferzahlen schon zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen der jugoslawischen Armee und der kroatischen Nationalgarde sowie zwischen serbischen und kroatischen Freischärlern gekommen war, war eine politische Lösung nahezu unmöglich geworden.

Die Dekade der sechs Kriege

Die Situation zwischen Serben und Kroaten hatte sich seit dem Frühjahr 1991 durch Scharmützel zwischen den Sicherheitskräften der Teilrepubliken verschärft. Bis zum Spätsommer hatten es serbische Freischärler dank der Unterstützung durch die jugoslawische Armee geschafft, ein Drittel Kroatiens zu besetzen. Im September verschärften sich die Gefechte erneut. Serbische Kräfte belagerten, zerstörten und eroberten mehrere Städte. Schließlich kam es zu dem Raketenangriff der Luftwaffe auf das kroatische Parlament und der Erklärung der Regierung Tudjman am 8. Oktober 1991, die die letzten staatsrechtlichen Verbindungen zur sozialistischen multiethnischen Republik kappte.

Was nun folge, war die Dekade, in der die Balkanregion von insgesamt sechs Kriegen erschüttert wurde. Dabei schwankte das Schlachtenglück zwischen den unterschiedlichen Konfliktparteien hin und her. Die Opferzahlen unterliegen dabei deutlichen Schwankungen. Man geht allerdings davon aus, dass allein im Bosnien-Krieg, der von 1992 bis 1994 zwischen der Republik Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien tobte, bis zu 100.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Im Verlauf der unterschiedlichen Einzelkonflikte zwischen 1991 und 2001 kam es zu umfangreichen Vertreibungen, die unter dem Schlagwort „ethnische Säuberungen“ bekannt worden.

Die Historikerin Marie-Janine Calic, die an der Ludwigs-Maximilian-Universität Ost- und Südosteuropäische Geschichte lehrt, bezeichnete die Auswirkungen dieser Kriege zutreffend als die „größte Völkerverschiebung auf dem Balkan“. Aber auch Massenmorde und Vergewaltigungen wurden Kennzeichen der Kriegsführung, der sich alle Konfliktparteien bedienten. Erst durch internationalen Druck und Vermittlungsversuche sowie die Militärintervention der NATO im Kosovokrieg 1999 gelang es schließlich, die Region oberflächlich zu befrieden. Die angespannte Situation hat die bis heute andauernde Präsenz einer internationalen Friedenstruppe zur Folge.

Ob die Europäer das Menetekel verstehen?

Das Resultat der über zehn Jahre andauernden militärischen Auseinandersetzungen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens war eine ethnische Neuordnung der nun voneinander unabhängigen Staaten. Lebten die unterschiedlichen Volksgruppen vor 1991 nicht selten Tür an Tür, so haben sich im Zuge der Kriege ethnisch homogene Staaten etabliert.

Wie auch andere Auflösungsprozesse ehemaliger Vielvölkerstaaten zeigen, bergen Staaten mit einer heterogenen Bevölkerung offenbar ein ungleich höheres Konfliktpotential, das sich schlimmstenfalls in Bürgerkriegen entlädt. Noch zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die zeitweilig über die Balkanregion herrschte, brodelte es auch in diesem Vielvölkerstaat. Kulturelle Gegensätze und Emanzipationsbestrebungen unterschiedlicher Völker, die schließlich im Wunsch nach einem eigenen Nationalstaat gipfelten, bedeuteten immer wieder hervorbrechende Konflikte, die zu Zusammenstößen führten. Erst rund 80 Jahre nach den ersten Balkankriegen des 20. Jahrhunderts und Tausenden Opfern scheint durch die gewaltsame Homogenisierung der betroffenen Staaten Stabilität geschaffen worden zu sein.

Angesichts der demographischen Veränderungen der west- und mitteleuropäischen Staaten, die sich besonders in den Metropolen zeigen, ist die jüngere Geschichte des Balkans eine Warnung. Ob die politischen Lenker des Kontinents dieses Menetekel verstehen?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

„Coronabonds führen zu einer Verschuldungslawine, die nichts als Hass und Streit übrig lassen wird“

Der Top-Ökonom und ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn über platzende Geldpolitik-Blasen und mögliche Schuldenschnitte, warum der Euro nicht zu jedem Preis überleben muss und es anstatt Coronabonds aufzulegen sinnvoller wäre Italiens Krankenhäusern Geldgeschenke zu machen.

5 Dinge, die ich seit der Coronakrise mache

Es ist der 1. April, ein Grund genug, mal etwas anderes über die Welt in Zeiten des Coronavirus zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire.

Corona als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Kapitalismus

Weltweit hoffen Antikapitalisten, die Corona-Krise könne endlich das lang ersehnte Ende des Kapitalismus einläuten. Ob in den USA, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland: Die Argumentation der antikapitalistischen Intellektuellen ist überall gleich. Sie hatten eigentlich schon gehofft, dass

Wer soll das bezahlen?

Der Bundestag hat ein Corona-Hilfspaket von insgesamt 756 Milliarden Euro beschlossen. Um Himmels willen, wer soll das bezahlen? Wieder einmal bestätigt sich der berühmte Satz Bertold Brechts: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.“

Umweltpolitik degenerierte zum „Ökomoralismus

Der langjährige „Welt“-Journalist Ansgar Graw, inzwischen Herausgeber von "The European", stellt in seinem aktuellen Buch die These auf, dass wir zurzeit eine „grüne Hegemonie“ erleben. Dies mag unter anderem an der „medialen Dauerpräsenz grüner Kernanliegen“ liegen. Für die Zeit vo

Sushi-Bar, Ölheizungen und Kernkraftwerke

Die Grünen fordern in der Corona-Krise eine „Pandemiewirtschaft“, Abschalten der Kernkraftwerke, Austauschen von Ölheizungen, Eurobonds und die Aufnahme von „vulnerablen“ Flüchtlingen von den griechischen Inseln.

Mobile Sliding Menu