Das tödliche „Friedensbollwerk“

Alexander Graf23.08.2016Gesellschaft & Kultur, Politik

Es gibt Gedenktage, die gehen Politikern der Linkspartei leicht von der Hand. Wenn jedes Jahr im Januar an die von Freikorps getöteten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erinnert wird, zeigen sich Politiker der SED-Nachfolgepartei gern in vorderster Reihe und legen Blumen für die Kommunisten-Ikonen nieder. Deutlich schwerer tun sich Angehörige der Linkspartei mit den Mauertoten.

Am 24. August 1961 starb der Erste jener vielen Menschen, die ihren Fluchtversuch aus der DDR mit dem Leben bezahlten. An jenem 24. August 1961 wurde der erste Bürger aus dem sogenannten „Arbeiter- und Bauernparadies“ erschossen, der der DDR den Rücken kehren wollte. So jährt sich in diesem Jahr der Todestag von Günter Litfin zum 55. Mal. Der Schneider aus dem Berliner Stadtteil Weißensee wollte an jenem Tag als einer von insgesamt zwölf Menschen den sowjetischen Sektor der geteilten Stadt hinter sich lassen.

Gegen 16.00 Uhr wurde Litfin, der auch Mitglied der damals illegalen West-CDU war, von Grenzpolizisten entdeckt. Während seines Fluchtversuchs sprang er in den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal und wollte die 40 Meter zum rettenden Westufer schwimmen. Nach rund der Hälfte der Strecke wurde er jedoch tödlich von einer Polizeikugel am Kopf getroffen und ertrank aufgrund der erlittenen Verletzung. Bereits fünf Tage später erschossen DDR-Grenzer den nächsten Flüchtling. Wie viele Menschen genau an der Berliner Mauer den Tod fanden, ist bis heute Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen Historikern. Denn das Ministerium für Staatssicherheit der DDR gab sich Mühe, derartige Fälle zu vertuschen und auch die Hinterbliebenen im Unklaren über das Schicksal ihrer Angehörigen zu lassen. So gehen das Zentrum für Zeithistorische Forschung und die Stiftung Berliner Mauer derzeit von 138 Maueropfern aus. Dabei sind auch acht Grenzsoldaten mitgerechnet, die während ihres Einsatzes ums Leben kamen. Andere Quellen sprechen jedoch von deutlich über 200 Mauertoten.

Die Tötung Litfins am 24. August 1961 war jedoch der erste Fall, in dem die DDR-Grenzer ihren im Vorjahr erhaltenen Schießbefehl in letzter Konsequenz in die Tat umsetzten. Der Bruder des Toten, Jürgen Litfin, war sich auch Jahrzehnte später sicher, dass sich Günter Litfin den Grenzern ergeben wollte. Gegenüber dem Spiegel betonte er vor wenigen Jahren noch, dass sein Bruder nicht damit rechnete, erschossen zu werden. Doch der damaligen DDR-Führung um Walter Ulbricht war es wenige Tage nach der Schließung der Sektorengrenze in der geteilten Stadt ernst damit, die „Grenzsicherung“ bis zum Äußersten durchzusetzen.

Menschenjäger wurden zu Mördern

Die tödlichen Schüsse lösten in der Bundesrepublik Empörung aus. Sogleich begann auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze eine Auseinandersetzung um den ersten Mauertoten. Das Boulevardblatt B. Z. titelte: „Ulbrichts Menschenjäger wurden zu Mördern!“ Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) verurteilte den Tötung scharf. Im Rahmen öffentlicher Gedenkveranstaltungen verlas er den Namen von Litfin und der ihm später noch folgenden Opfer.

In den Medien der DDR setzte unmittelbar nach dem 24. August eine Diffamierungskampagne gegen Günter Litfin ein. So wurde unter anderem wahrheitswidrig behauptet, bei Litfin habe es sich um einen homosexuellen Prostituierten gehandelt. Derartige Verleumdungen der Mauertoten wurden auch in der Folgezeit von den staatlichen Medien der DDR verbreitet. Peter Fechner, ein weiteres Opfer des „antifaschistischen Schutzwalls“, wurde im darauffolgenden Jahr in der Fernsehsendung „Der schwarze Kanal“ von Moderator Karl-Eduard von Schnitzler verhöhnt. „Das Leben eines jeden Einzelnen unserer tapferen Jungen in Uniform ist uns mehr wert als das Leben eines Gesetzesbrechers. Soll man von unserer Staatsgrenze wegbleiben – dann kann man sich Blut, Tränen und Geschrei sparen.“

Ein Orden für den Todesschützen

„Die tapferen Jungen in Uniform“, die das Leben des 24jährigen Günter Litfin beendeten, wurden kurz darauf durch Innenminister Karl Maron ausgezeichnet. Die beiden Grenzer erhielten jeweils das Ehrenzeichen der Volkspolizei, eine teure Uhr und 200 Mark. Erst nach der Wende mussten sich die Angehörigen der DDR-Grenztruppen, der NVA und Einheiten der Transportpolizei, die auf sogenannte „Republikflüchtlinge“ geschossen hatten, vor Gerichten verantworten. In den Mauerschützenprozessen wurden Verfahren gegen 246 Personen eröffnet, von denen 132 zu Freiheits- oder Bewährungsstrafen verurteilt wurden.

Das Gedenken an die Mauertoten war seit der Kanzlerschaft von Willy Brandt (SPD) mit weniger scharfen Tönen gegenüber der DDR vorgetragen worden. Im Zuge der Neuen Ostpolitik wollte der sozialdemokratische Kanzler die Annäherung an den östlichen Nachbarn nicht gefährden. Seit dem August 1971 befindet sich in unmittelbarer Nähe des Reichstagsgebäudes die Gedenkstätte „Weiße Kreuze“, die an die Toten der Berliner Mauer erinnert. Zudem befinden sich mittlerweile über das Stadtgebiet verteilt weitere Erinnerungsorte für die Opfer der Deutschen Teilung.

Bereits zu PDS-Zeiten verurteilten führende Politiker der Partei die Schüsse an der Mauer. Doch noch anlässlich der Erinnerung an den 50. Tag des Mauerbaus am 13. August 2011 wollten sich einige Funktionäre der Linkspartei nicht an einer Schweigeminute für die Menschen beteiligen, die am sogenannten „Friedensbollwerk“ der DDR ihr Leben verloren. Die rhetorischen Ausweichmanöver, die beispielsweise Gregor Gysi vollführt, wenn es um die Frage nach dem Unrechtscharakter der DDR mit allen Konsequenzen geht, zeigt, dass die Erinnerungskultur im Hinblick auf die deutsch-deutsche Geschichte immer noch ein schwieriges Thema ist.

Die namentlich bekannten und namenlosen Opfer der Mauer und der gesamten innerdeutschen Grenze sollten dabei keinesfalls als „Kollateralschäden“ einer „anti-imperialistischen Grenzsicherung“ verharmlost werden.

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