Erst haben die Menschen das Atom gespalten, jetzt spaltet das Atom die Menschen. Gerhard Uhlenbruck

Das wahre Ende der Geschichte

Sind wir noch in der Lage, Zukunft zu denken, wenn unsere Technologie uns in der Ist-Zeit bindet?

Es braucht drei Dinge für Geschichtsschreibung: Eine Vergangenheit, die betrachtet wird. Eine Gegenwart, die sich dafür interessiert, die Geschichte zu verstehen und aus ihr zu lernen. Und den Glauben an eine Zukunft, auf die hin sich die Zeit bewegt. Vergangenheit und Zukunft beziehen sich auf die je Gegenwärtigen. Der spannendste Aspekt hierbei ist, dass die aktuelle Gegenwart bald schon Vergangenheit sein wird. Wie wird also die Zukunft auf unser Zeitalter schauen? Wir stellen im Moment Weichen für die kommenden Generationen, ohne überschauen und verstehen zu können, wie die Kommenden auf ihrer Grundlage werden leben müssen.

Seit ich Kind bin höre ich beispielsweise, dass jeden Tag eine nicht kleine Anzahl fußballfeldgroßer Areale des Regenwalds gerodet wird. Wenn ich 365 Tage mal 30 Jahre nehme, dann frage ich mich, wie viel vom Regenwald eigentlich heute noch da ist. Wir wissen, dass dies geschieht und wir tun nichts. Oder doch?

Zumindest wissen wir hier, in den Breiten der belebten Welt, in der es keine Regenwälder gibt und unsere Bewaldung schon deutlich dezimiert ist, nicht, ob man auf der anderen Seite des Globus ausreichend unternimmt, um eine Entwaldung am Ende noch zu verhindern. Geschichte wird hier wirkmächtig, weil das, was geschieht, die Zukunft prägen wird. Wir hätten dreißig Jahre lernen können und haben es nicht getan. Keiner kann später sagen, wir hätten es nicht gewusst.

Ende der Geschichte

Nehmen wir im digitalen Zeitalter den Verlauf der Geschichte überhaupt noch wahr? Wir leben wie keine Generation vor uns in der Gegenwart. Das Leben ist in Ist-Zeit. Und die Ableitungen, die wir treffen, treffen wir nicht aus der Vergangenheit, sondern aus den vielen, mannigfaltigen Stimmen, die uns gegenwärtig umgeben. Historia magistra vita est, sagten die Alten: Die Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens. Können wir die Quellen der Vergangenheit noch deuten, wenn uns die Gegenwart so viel zu verstehen aufgibt?

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Bei den Datenmengen, die heute entstehen und die die Umstände formen, die wir Kontemporanität nennen, sind künftig nur noch Algorithmen die Adressaten der Auswertung von Vergangenem. Das sind sie ja heute schon, indem sie aus altem Einkaufsverhalten auf Künftiges schließen. Diese Bewegung wird alle Lebensbereiche umfassen. Dann sind wir nur noch mit unserer Gegenwart beschäftigt. Verantwortung gibt es dann nicht mehr. Das ist dann das wahre Ende der Geschichte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Ein überwältigender Monat

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