Die Banalität des Todes

Alexander Görlach26.03.2015Gesellschaft & Kultur

Nur wenn wir ihn nicht beim Namen nennen, ist er erträglich. So domestizieren wir den Tod, ohne ihn jemals beherrschen zu können.

Flugzeugabstürze über Gebirgen. Wenn so etwas passiert, dann passiert es weit weg, über dem Himalaya oder über den Anden. Es trifft alte, rostige Propellermaschinen. Wir brauchen, um den Tod zu verstehen, eine Erklärung, die an dem bloßen Faktum des _Totseins_ vorbei geht, wie eben eine alte Propellermaschine. Ein anderes Beispiel: Wenn ein alter Mensch stirbt, dann sagen wir häufig, dass er ja ein biblisches Alter erreicht habe. Oder dass er oder sie selbst auch nicht mehr gewollt habe.

Diese Bilder ranken sich um etwas, als Erklärungen, was wir nicht beim Namen nennen, weil wir es nicht begreifen: den Tod. Unsere menschliche Gemeinschaft ist so gebaut, dass sie den Tod entweder verbildlicht und so kontextualisiert, dass er in seiner Drastik nicht existiert, oder dass sie ihn verheimlicht. Beiden Typen ist gemein, dass sie den Vorbehalt eines täglich möglichen Endes trivialisieren müssen, um den Gang der Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Der Tod ist beispielsweise in der deutschen Sangestradition „des Schlafes Bruder“. Er wird hineingenommen in tägliche Vollzüge, um ihn der Grausamkeit seiner Realität zu entkleiden. Wenn Oma stirbt, dann kommt sie, das hören Kinder oft, in den Himmel. So sind die Kleinen damit beschäftigt, sich diese andere Welt auszumalen, während viele Erwachsene darüber nachdenken mögen, ob es dieses Jenseits, an das sie schon lange nicht mehr glauben, vielleicht, um des lieben Verstorbenen Willen, doch gibt. 

Was nicht aufgeklärt werden kann, ist der Tod

Das Verschweigen des Todes als das Schicksal aller ist in unserer Kultur präsent. In der Stadt, und immer mehr Menschen leben heute in der Stadt, wird die Konfrontation mit dem Tod als eine logistische Herausforderung gefasst: Wie den Toten aus seiner Wohnung im achtzehnten Stock bugsieren? Wo leben die Verwandten, hat der Verstorbene überhaupt Verwandte? Der Tod wird prozessualisiert und auch hier somit seine Unmittelbarkeit ausgeblendet. 

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In beiden Fällen wird einer Banalität des Todes das Wort geredet. Die Abwandlung des Hannah-Arendt-Diktums von der Banalität des Bösen ist bewusst gewählt, denn jeder Einzelne erlebt die Heimsuchung durch den Tod absolut – ähnlich wie der Einzelne das Böse subjektiv absolut erlebt. Die Relativierung des Todes auf Bilder und Kontexte, in denen er leichter zu fassen ist, mag verständlich sein. Aber nicht umsonst wurde Arendts These von der Banalität heftig widersprochen.

Es ist aller Ehren wert, wenn Politiker sich auf den Weg zur Absturzstelle des Germanwings-Fluges in den französischen Alpen machen. Der Aktionismus hat die Vereinnahmung dessen zur Aufgabe, der sich nicht vereinnahmen lässt. Was aufgeklärt werden kann, sind die Umstände, die zum jähen Tod der Passagiere und der Crew geführt haben. Was nicht aufgeklärt werden kann, ist der Tod. Er wird uns allen widerfahren, früher oder später. Das ist entsetzlich.

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