Ein Mindestlohn spricht für die Demokratie. Michael Burda

Wir, die Lügenpresse

Wir Journalisten belügen niemanden. Unsere Branche muss sich jedoch ihren Lebenslügen stellen – oder sie geht unter.

Wir lügen nicht, jedenfalls nicht mehr oder weniger als andere Menschen. Mit dieser Aussage könnten Journalisten zur Tagesordnung übergehen. Können wir? Leider nein. Wir belügen nicht andere, wir belügen uns selbst.

Unsere Branche ist seit gut einem Jahrzehnt in schwerem Fahrwasser. Alle Medienhäuser stehen vor denselben Herausforderungen: Wie verdient Journalismus künftig Geld? Die Print-Auflagen sinken, das alte Geschäftsmodell funktioniert kaum noch, ein neues ist nicht in Sicht. Dies trifft vor allem, aber nicht nur, die Kolleginnen und Kollegen, die sich den Nachrichten verschrieben haben.

Eine Antwort bekommen wir auf die Frage nach der Zukunft unserer Branche deshalb nicht, weil wir uns den Lebenslügen der Printmedien, die älter sind als der digitale Wandel, nicht gestellt haben. Unsere Arbeit hatte schon immer ein grundlegendes Problem: Ein Modell, das darauf beruht, tonnenweise Papier zu bedrucken, das größtenteils direkt vom Kiosk-Regal ins Altpapier wandert, ist weder ökonomisch noch ökologisch nachhaltig. Es funktioniert nur kraft der großen Zahl – je weniger aber verkauft wird, desto größer werden die Kosten pro verkauftem Stück. Und: Neue Print-Titel müssen enorm viel investieren, um das Papier zu verbreiten und überhaupt gekauft werden zu können.

Der entscheidende Gewinn entstand zudem nicht am Kiosk, sondern bei den Anzeigen. Die eigentlich relevanten Kunden waren daher noch nie die Leser. Das bedeutet nicht, dass Inhalte deshalb früher immer käuflich gewesen wären oder heute käuflich sein müssten! Es bedeutet schlicht, dass mit den Inhalten oft nur in einem abgeleiteten Sinne Geld verdient werden kann und nicht direkt. Das wollten wir nicht wahrhaben. Durch die nötige, strikte Trennung von Journalismus und Verkauf wurden nicht etwa Journalisten davor geschützt, in Interessenskonflikte zu geraten. Wir wurden abgeschirmt, um nicht erfahren zu müssen, dass es um uns eigentlich überhaupt nicht geht. Das Online-Zeitalter knallt uns die harte Wahrheit ins Gesicht: Modelle, die auf die Zahlungsbereitschaft der Leser setzen, haben bislang keinen durchschlagenden Erfolg.

Wir kreisen in den letzten Jahren in unserer Branche nur um uns selbst. Überall, wo man hinkommt, hört man von den Kollegen, dass es super laufe. Und hinter vorgehaltener Hand sagen die einen über die anderen, dass diese und jene nicht profitabel seien. Denn rechnete man diese oder jene Kosten hinzu, dann würde aus der schwarzen Null eine rote Zahl. Zählte man gar die Investitions- und Entwicklungskosten vollumfänglich hinein, dann würde aus allen digitalen Angeboten des Landes ein einziger Publikationsfriedhof.

Kleines Publikum

Wir glauben, wenn wir schon nichts mehr verdienen, dass wir wenigstens relevant seien, aber: Wenn fünf Millionen Menschen eine Sendung von Günther Jauch schauen, dann schauen von den 68 Millionen Deutschen über 18 Jahren eben 63 Millionen nicht diese Talkshow. Wovon wird angesichts dieser Zahlen der Anspruch genährt, die vierte Gewalt im Staate zu sein? Bei Print sind die Zahlen deutlich niedriger. Weniger als 900.000 Menschen kaufen die drei großen Tageszeitungen „FAZ“, „SZ“ und „Welt“ am Kiosk oder haben sie abonniert.

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Wir lügen niemanden an, wir arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen. Es gibt sehr guten Journalismus in Deutschland. Was die meisten Medien, die Geld verdienen müssen, um zu überleben, aber nicht machen können, sind Inhalte für die einfachen Menschen. Wir werben bei den Werbekunden damit, dass uns die Leute mit den dicken Portemonnaies lesen. Zum Hauptverkaufsargument der „FAZ“ an die Anzeigenkunden gehört es, dass das Blatt mehr als alle anderen die Menschen in Deutschland mit Gehältern von über 150.000 Euro erreicht. Laut Statistischem Bundesamt haben aber nur drei Prozent der Menschen, die in Deutschland arbeiten, ein Nettogehalt von über 4.500 Euro im Monat.

Wenn wir einmal kühn sagten, dass wir, die Qualitätsmedien, alle dieselbe Zielgruppe haben (die drei Millionen Menschen in Deutschland, die sich eine überregionale Tages-, Wochenzeitung oder ein politisches Magazin pro Woche gönnen), dann ist klar, warum wir in der Krise sind: Es gibt zu wenige Interessenten für unsere Produkte. Wir konkurrieren nicht mehr um die Portemonnaies der Leute, sondern um ihre Zeit. Nun sind die Inhalte im Fokus und die sind auf den etablierten Nachrichtenseiten nahezu identisch. Dass hierfür keiner extra zahlt, liegt auf der Hand.

Unsere Branche überlebt nur so: viel Geld in die Inhalte investieren, ganz viel Geld. Und so dafür sorgen, dass es morgen noch Journalisten gibt, die qualifiziert für ihren Job und im Ernstfall dafür gerüstet sind, mit Tastaturen, Kameras und guten Gedanken mutig unsere Demokratie zu verteidigen. Diese Rendite steht in keinem Businessplan.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Ein überwältigender Monat

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