Wir müssen in Afghanistan viele gemeinsame Tassen Tee trinken. Rajendra Pachauri

Der Mensch in der Revolte

Bei uns in Deutschland scheint die Revolte wieder in Mode gekommen. Unsere französischen Nachbarn können über unseren Spießer-Aufstand höchstens milde lächeln.

Seit die wütenden Rentner in Stuttgart Sturm gegen ein neues Bahnhofsprojekt gelaufen sind, hält sich Deutschland für ein Land im Aufstand, in der Revolte. Der normale Mensch begehrt auf, er sagt, um mit Camus zu sprechen: „Bis hierher und nicht weiter“. Dem aufbegehrenden Menschen widmet der französische Existenzialist ein ganzes Buch, „L’homme révolté“.

Die Wahrheit ist, dass unser Aufstand eine verweichlichte Wohlstandsbeschwerde ist, die unter freiem Himmel stattfindet und nicht auf dem Amt. Unsere französischen Nachbarn wissen mit der Revolte mehr anzufangen als wir. Sie steht am Beginn der Erzählung ihrer Republik. Entweder die Revolte ist ein Seinszustand, oder sie ist es nicht: „Wenn wir vor der Wirklichkeit nicht fliehen wollen, müssen wir in ihr unsere Werte finden“, schreibt Camus.

Ausgleich der Interessen

Im Moment geht es um Stromtrassen, die einem den Blick aus dem Fenster versauen. Dagegen engagiert sich der gute Deutsche. Doch mit welchem Ziel? Mir scheint, er denkt leider viel zu häufig nicht über seine eigenen primären Interessen hinaus. „Empört euch!“ lautete der Titel des 2010 von einem anderen Franzosen, Stéphane Hessel, veröffentlichten Essays. In der Fortsetzung des französischen Aufbegehrens, dem Unbequem-Sein, forderte er die Jugend der Welt auf, sich mit der Wirklichkeit nicht abzufinden, in ihr neue Werte zu finden. Unbequem wäre es, die Stromtrasse im Sinne des allgemeinen Interesses zu akzeptieren.






Wir müssen in Deutschland dringend üben, wie wir unsere eigenen Interessen mit denen unserer Nachbarn austarieren. Und mit den Generationen, die nach uns kommen. Das ist schwer, was auch die Franzosen wissen. „Die Hölle“, so sagt Sartre nicht umsonst, „das sind die anderen.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Ein überwältigender Monat

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