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Schulden vergeben

Wenn man selbst Gott um Schuldenerlass bitten kann, dann sollten wir uns gegenüber Griechenland großzügiger zeigen. Denn es steht mehr auf dem Spiel, als nur Geld.

In den Sprachen des Mittelmeerraumes sind die Begriffe für Schuld und Sünde gleich. Die debita nostra, „vergib uns unsere Schuld“ aus dem Vater Unser, und die debits, die Kredite der Banken, schlagen Triebe aus derselben Sprachwurzel. Der Mensch weiß sich in vielfachen Schuldverstrickungen. Das reicht vom Nachbarn, der ihm beim Handwerken geholfen hat bis hin zu kosmologischen Zusammenhängen, in denen der Mensch sich erlebt. Die Dankbarkeit für seine Existenz mündet in einem Schuldbewusstsein, dass ihm das Leben unverdient zuteil wurde. Alle Kulturen kennen diesen Zusammenhang. David Graeber hat in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5.000 Jahre“ diese Bezüge offengelegt. Sie sind die Grundlage unseres Kreditwesens.

Währungen sind Vertrauensbezeugungen

Kredite sind in der Krise, weil die Schuldverschreibung, die sie beschreiben, es ist: Wenn ein Kredit zu hoch ist, dass er wohl nie zurückgezahlt werden kann, dann ist es um das Vertrauen zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer schlecht bestellt. Wenn die Kreditkartenschulden eines Konsumenten gehandelt werden, dann kann er sich dem Kreditgeber nicht mehr verpflichtet fühlen. Kredite sind nicht erst durch die Griechenland-Krise in ein schweres Fahrwasser geraten. Wenn man darauf wetten kann, dass ein Kreditnehmer seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, dann gerät das aus dem Tritt, wie die Menschheit bisher mit Schuldverschreibungen umgegangen ist.

„Erlass uns unsere Schulden“ heißt es im Vater Unser. Wenn man Gott um Schuldenerlass bitten kann, dann können sich Banken und Regierungen dieser Bitte nicht entziehen. Am Ende ist Geld nur bedrucktes Papier. Noch mehr, Währungen sind Vertrauensbezeugungen. So wie Schuld-Bezüge mit Vertrauen zu tun haben. Ich kann meinen Nachbarn fragen, ob er mir hilft. Mit welcher Währung wird diese Schuld denn beglichen: Er wird dafür kein Geld verlangen, sondern sich über eine Einladung zu Pizza und Bier freuen. Biete ich ihm Geld an, wird er zu Recht beleidigt sein. Das Vertrauensverhältnis zerrüttet dann langsam, aber sicher.

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