Ich möchte nicht in erster Linie als Patient wahrgenommen werden. Wolfgang Bosbach

Schulden vergeben

Wenn man selbst Gott um Schuldenerlass bitten kann, dann sollten wir uns gegenüber Griechenland großzügiger zeigen. Denn es steht mehr auf dem Spiel, als nur Geld.

In den Sprachen des Mittelmeerraumes sind die Begriffe für Schuld und Sünde gleich. Die debita nostra, „vergib uns unsere Schuld“ aus dem Vater Unser, und die debits, die Kredite der Banken, schlagen Triebe aus derselben Sprachwurzel. Der Mensch weiß sich in vielfachen Schuldverstrickungen. Das reicht vom Nachbarn, der ihm beim Handwerken geholfen hat bis hin zu kosmologischen Zusammenhängen, in denen der Mensch sich erlebt. Die Dankbarkeit für seine Existenz mündet in einem Schuldbewusstsein, dass ihm das Leben unverdient zuteil wurde. Alle Kulturen kennen diesen Zusammenhang. David Graeber hat in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5.000 Jahre“ diese Bezüge offengelegt. Sie sind die Grundlage unseres Kreditwesens.

Währungen sind Vertrauensbezeugungen

Kredite sind in der Krise, weil die Schuldverschreibung, die sie beschreiben, es ist: Wenn ein Kredit zu hoch ist, dass er wohl nie zurückgezahlt werden kann, dann ist es um das Vertrauen zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer schlecht bestellt. Wenn die Kreditkartenschulden eines Konsumenten gehandelt werden, dann kann er sich dem Kreditgeber nicht mehr verpflichtet fühlen. Kredite sind nicht erst durch die Griechenland-Krise in ein schweres Fahrwasser geraten. Wenn man darauf wetten kann, dass ein Kreditnehmer seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, dann gerät das aus dem Tritt, wie die Menschheit bisher mit Schuldverschreibungen umgegangen ist.

„Erlass uns unsere Schulden“ heißt es im Vater Unser. Wenn man Gott um Schuldenerlass bitten kann, dann können sich Banken und Regierungen dieser Bitte nicht entziehen. Am Ende ist Geld nur bedrucktes Papier. Noch mehr, Währungen sind Vertrauensbezeugungen. So wie Schuld-Bezüge mit Vertrauen zu tun haben. Ich kann meinen Nachbarn fragen, ob er mir hilft. Mit welcher Währung wird diese Schuld denn beglichen: Er wird dafür kein Geld verlangen, sondern sich über eine Einladung zu Pizza und Bier freuen. Biete ich ihm Geld an, wird er zu Recht beleidigt sein. Das Vertrauensverhältnis zerrüttet dann langsam, aber sicher.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Ein überwältigender Monat

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Schulden, Geld, Waehrung

Debatte

Schuldenkrise in Italien

Medium_18539de3e9

Mit TARGET2 macht sich Deutschland erpressbar

TARGET2 Forderungen haben weder ein Fälligkeitsdatum noch sind sie nach oben hin gedeckelt. Während Deutschland Forderungen in Höhe von 907 Mrd. Euro verbucht, hat Italien Verbindlichkeiten in Höhe... weiterlesen

Medium_27fd48473d
von Joachim Starbatty
22.11.2018

Kolumne

Medium_34504e8e15
von Reinhard Schlieker
12.11.2018

Debatte

Scholz lobt den deutschen Haushalt im Bundestag

Medium_21c9fdb45d

Die Aussichten für die nächsten Jahre sind ziemlich gut

Wie ein heftiges Gewitter ist die Wirtschaftskrise vor 10 jahren über alle Nationen dieser Welt eingebrochen. Wie hat Deutschland reagiert? Der Staat hat investiert, die Schulden sind gestiegen und... weiterlesen

Medium_27239b2a3b
von Olaf Scholz
20.09.2018
meistgelesen / meistkommentiert