Je öfter sich ein Politiker widerspricht, desto größer ist er. Friedrich Dürrenmatt

Geschwisterlicher Rat

Dem Islam fehlen weder Reformation noch Aufklärung. Es sind vielmehr zwei bislang nicht weiter beachtete Faktoren, die diese Religion zukunftsfähig machen können. Vorbild ist ihre Erprobung in der christlichen Welt.

Dem Islam fehlt kein Reformator. Dem Islam fehlt auch keine Aufklärung. So lautende Forderungen, Wünsche, Appelle, die in diesen Tagen an die islamische Gemeinde vorgetragen werden, in dem Glauben, dass diese beiden Stichpunkte den Weg beschreiben, an dessen Ziel unsere heutige Welt als Ergebnis steht, reichen ins Leere.

Unser großer deutscher Reformator war von fundamental religiösem Furor getrieben und ein Antisemit war er auch. Beides hat der Islam in der Gegenwart zuhauf. Die abendländische Glaubensspaltung hat zudem einhundert Jahre lang Krieg, Verwüstung, Verheerung und Hungersnot über den Kontinent gebracht, also Unbilden, die man jetzt nicht wirklich jemanden wünschen kann. Und der Islam hat nicht das Problem, dass die Christen des Mittelalters plagte, nämlich von einer überbordenden Kirchenhierarchie gegängelt zu werden, sondern dort fehlt ja genau eine grundlegende Struktur, deren Auswüchse die neuzeitlichen Kirchenkritiker zu beheben suchten.

Wer hat im Islam das Sagen, welcher Theologe, welche „lehramtliche“ Instanz? Die Sehnsucht nach dem Kalifen und seiner gütigen Herrschaft über alle Gläubigen mag von dieser Leerstelle her kommen. Jenseits eines wütenden IS-Terrors, der nun sicher nicht die Güte des Allerbarmers spiegelt, wird die Sehnsucht nach Einheit im Glauben in der Idee dieser Person manifest. Es ist ein frommer Wunsch der Gläubigen, dass alle eins sein mögen, so wie die Christen sich in den ökumenischen Bewegungen aufgemacht haben, um die Einheit des Glaubens wiederzugewinnen.

Unsere Aufklärung ist noch nicht vollendet

Nun zur Aufklärung: Sie gibt’s nicht in Suppentüten im Supermarktregal, zum Anrühren, einfach heißes Wasser drüber, fertig. Aufklärung ist ein Prozess, kein Zustand. Jede Generation muss Aufklärung neu lernen, genauso wie jede Generation Demokratie und Toleranz neu erlernen muss. Unsere Aufklärung im Abendland ist längst nicht abgeschlossen: Wenn in einem Land wie Deutschland Bücher über „Engel“ reißenden Absatz finden, kann man mit öffentlich vorgetragenen Bekundungen, religiösen Vorstellungen wie beispielsweise der Auferstehung Christi von den Toten skeptisch gegen über zu stehen, nur unzureichend kaschieren, dass sich seit der abergläubischen Zeit, in der die Deutschen an Hexen und Kobolde glaubten, nicht allzu viel geändert hat.

Da wir also selbst stets darum kämpfen, oft genug erfolglos, die Aufklärung neu zu interpretieren, sollten wir uns gegenüber den Muslimen mit Rufen wie „Aufklärung jetzt!“ bedeckt halten: Jede Form von Phobie, sei es gegenüber Ausländern im Allgemeinen, Muslimen oder Juden im Besonderen, Homosexuellen, Transsexuellen und was auch immer sich als Minderheit für eine dumpfe Mehrheit als Objekt einer Überlegenheitsphantasie anzubieten scheint, zeigt, dass die Aufklärung bei uns in jedem Fall noch nicht vollendet ist.

Die Religion des Abendlands, das Christentum, hat es weder durch die Reformation noch durch die Aufklärung in die Moderne geschafft, sondern durch die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung und -interpretation. Das klingt nach Stoff für Fachtagungen, muss aber sein: Die Aneignung des heiligen Textes der Bibel durch die Brille der jeweiligen Generation unter der Zuhilfenahme der Instrumente und Erkenntnisse von verschiedenen Wissenschaften – wie Archäologie oder Sprachwissenschaft beispielsweise – öffnete seit dem späten 18. Jahrhundert das Tor für neue Interpretationen der Tradition.

Dieser Prozess war lang und schmerzhaft. Und er ist auch heute in der christlichen Welt noch nicht abgeschlossen: Es sind vor allem Kirchen und christliche Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten, die den Schöpfungsbericht der Bibel nicht mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften zu synchronisieren vermögen, weil sie die Bibel wörtlich auslegen. Übrigens: Hier werden alle Christen in Sippenhaft genommen. Die Aussagen von Papst Franziskus, dass die Evolution mit dem christlichen Glauben vereinbar ist, wurden in der uninformierten Presse als Paukenschlag gefeiert. Die Berichterstatter waren nicht in der Lage zu recherchieren, dass die beiden Vorgänger Benedikt XVI. und Johannes Paul II. bereits dasselbe sagten.

Muslime müssen ihre Schrift neu interpretieren

Es gibt auch bereits islamische Theologen, die sich mit der historisch-kritischen Methode zu operieren trauen. Es sind noch zu wenige. Wir dürfen uns nichts vormachen: Das ist ein langer und schmerzhafter Weg. Natürlich können heute einige Gelehrten die These wagen, dass für sie der Koran in gewisser Weise editiert scheint, dass die langen Suren am Anfang und die kurzen am Ende stehen. Ein Redaktionsprozess würde natürlich den Glauben der Menschen erschüttern, denn sie gehen davon aus, dass der heilige Koran von Gott in der Weise, wie er in arabischer Sprache vorliegt, herab gesandt wurde.

Gleichzeitig legen die Analysen des Textes nahe, dass der Koran einen einzigen und nicht, wie die biblischen Bücher, viele Autoren hat. Das würde wiederum in gewisser Weise den Glauben der Muslime stützen, dass der Koran nur einen Verfasser kennt. Und an die in sich geschlossene und einmalige Schönheit der Sprache des Koran, die mit diesem (göttlichen) Autoren in Verbindung gebracht wird. Es gibt in der islamischen Welt eine große Liebe für die sprachliche Größe des Koran. Ohne dieses Buch gäbe es genauso wenig eine arabische Hochsprache wie es ohne die Bibelübersetzung von Martin Luther eine deutsche Hochsprache gegeben hätte.

Es tobt in der islamischen Gemeinde ein Streit über die Wahrheit des Glaubens, was nicht zwingend die Fragen betrifft, wie es im Himmel aussieht, sondern wie Muslime auf Erden leben sollen. Als Christen wissen wir um die Tiefe der Unwucht, die solche Veränderungen mit sich bringen. Veränderungen, die zerstörend oder heilsam und zukunftsweisend wirken können. Es ist an den Muslimen selbst, ihre heilige Schrift neu zu lesen und zu interpretieren. Dürfen wir hier also nicht mitreden, weil wir keine Muslime sind? Mitnichten! Es ist sogar unsere Pflicht als Verwandte im Geist der Buchreligion, darauf hinzuweisen, wie der Weg in der Moderne bei uns, in der christlichen Welt, beschritten wurde.

Neben der historisch-kritischen Methode gibt es noch ein anderes Mittel, das wir, in aller Freundschaft und religiöser Geschwisterlichkeit, den Muslimen anempfehlen können: das Konzil. Es war ein ermutigendes Zeichen, dass über 130 Gelehrte aus der islamischen Welt und aus der Diaspora dem selbsternannten Kalifen des Islamischen Staates eine kleine Bulle auf den Altar geknallt haben, auf der dick und fett stand: „Exkommunikation“. Die Gelehrten haben die Ideologie und die Taten des IS-Staates als mit den Lehren und der Tradition des Islam nicht in Einklang stehend verworfen. Die Konzilien in der christlichen Welt wurden mit ähnlichen Zielen einberufen: die Lehre der Kirche und die Wahrheit des Glaubens in der jeweiligen Zeit zu artikulieren, klar zu machen, zu verdichten und auch zu verteidigen.

Islam ist mehr als die Buchstaben des Koran

In der antiken Welt drangen die christianisierten Kaiser Roms auf diese Veranstaltungen, weil sie es satt hatten, dass die Christen zersplittert waren in kleine und kleinste Gruppen, die dieses oder jenes glaubten. Erst die frühen, die so genannten ökumenischen Konzilien haben es geschafft, im Streit und Diskurs der theologischen Kapazitäten und geweihten Häupter die Lehre zu formulieren. Warum sollte das der Umma, der weltumspannenden Gemeinde der Gläubigen, nicht gelingen. Hier sind wir wieder bei der Einheit im Glauben: Die Muslime leben heute von Marokko bis Malaysia in verschiedensten Umfeldern, gesellschaftlichen Wirklichkeiten.

Mögen die fünf Säulen des Islam überall auf der Welt gelten, diese Religion ist, wie jede andere Religion auch, mehr als die Summe ihrer Ge- und Verbote. Und mehr als der Buchstabe ihres heiligen Textes. Ein globales Gremium, das diese Vielfalt spiegelt, würde der islamischen Glaubensgemeinschaft helfen. Indem Theologen aus der islamischen Welt und der Diaspora sich auf einem Konzil treffen, entziehen sie nebenbei den Islam der Geiselhaft der Politik, in der er vielerorts auf der Welt gefangen ist.

Die Muslime auf der ganzen Welt sind sich heute so nahe wie nie und dadurch gleichzeitig einander so entfremdet wie nie zuvor. Die medial vorherrschende Konfession des islamischen Puritanismus (Wahhabismus), der in Terror, Gewalt und Steinzeit-Theologie mündet, ist, das spüren viele, eine Sackgasse. Gleichzeitig ist die Gegenwart, so wie es die Moderne für uns Christen gewesen ist, vielen Gläubigen ein großes Fragezeichen, das für Angst steht und nicht für Zukunftsoptimismus. Die Christenheit in Europa hat diesen Prozess bereits durchlaufen. Es ist an den Muslimen, ob sie hier von ihren monotheistischen Geschwistern lernen möchten oder nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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