Die neuen Tugendterroristen

von Alexander Görlach31.12.2014Gesellschaft & Kultur

Wir haben das Debattieren verlernt, weil die Wortführer nur noch versuchen, den anderen ihre Lebenswirklichkeit aufzudrängen. So manche Debatte trägt heute totalitäre Züge.

Der Zorn der Pegidas ist artverwandt mit dem der Stuttgart21-Demonstranten: Ein Unbehagen an der Wirklichkeit, die immer schneller wird. Ein Gefühl, abgehängt und unwichtig zu sein. Einen Prass auf die Gegebenheiten, die einen wehrlos machen. In Baden-Württemberg standen sich, so wurde der Konflikt am Ende gedeutet, betagte Gegner des Großbahnhof-Projekts und junge Befürworter gegenüber, also jene, die von der Zeitersparnis, die der neue Bahnhof bringen würde, in den kommenden Jahrzehnten täglich noch etwas haben würden gegen solche, denen dies egal sein konnte.

In Dresden und an anderen Orten des Landes stehen sich die Gegner von Zuwanderung mit einem besonderen Hass auf den Islam und die Befürworter einer Einwanderungsgesellschaft gegenüber. Im Jahr 2014 konnten wir, einmal mehr, beobachten, dass die Gräben zwischen verschiedenen Positionen größer, nicht kleiner wurden. Und das bei einer gefühlt höheren Schlagzahl der TV-Debatten und einer gewissen Überhitzung in den sozialen Netzwerken. Woran liegt das?

Wir haben verlernt, unsere Lebenswirklichkeiten zu spiegeln

Nähern wir uns dieser Frage mit einem Beispiel aus unserem Magazin-Alltag: Unsere Kolumnistin Birgit Kelle schreibt zu Fragestellungen, die sich für sie daraus ergeben, dass sie eine heterosexuelle, katholisch verheiratete Frau mit vier Kindern ist. Initialzündung für ihre publizistische Tätigkeit war die Wahrnehmung, mit ihrem Lebensentwurf in der Mitte der Gesellschaft nicht mehr repräsentiert zu sein. Da, wie Frau Kelle nicht müde wird zu betonen, die Mehrheit der Menschen, die in Deutschland leben, sich für dieses „traditionelle“, „klassische“ Modell („Ehe“) entscheiden, ist dieses Gefühl, nicht ausreichend beachtet zu werden, bemerkenswert.

Ich meine, dass dies daher kommt, dass wir in unserer Gesellschaft verlernt haben, unsere Lebenswirklichkeiten in einer gewissen Proportionalität zu spiegeln.

Wenn jemand sich heute im Diskurs eindeutig positioniert, dann wird dies automatisch schon als Ablehnung oder Missbilligung anderer Lebensentwürfe gedacht und ex ante rezipiert. Wir unterstellen also dem anderen das Schlimmste: dass er eigentlich die anderen abwerten und nicht sich selbst erklären will. Gleichzeitig geht einem beim Einstehen für die eigene Überzeugung unter den Vorzeichen einer immer aufs Anspringen und Anfallen bedachten Gegenöffentlichkeit auch selbst die Sensibilität ab, sich mit der anderen Seite im Meinungstext über die Gebühr zu beschäftigen.

Die anderen, das sieht man ja, machen sich diese Mühe ja auch nicht. Die stehen vielmehr schon parat, um jede, echte oder vermeintliche, linguistische oder semantische Mehrdeutigkeit im Sinne der eigenen Anklage zu interpretieren und ihre Aufschrei-Bazooka nachzuladen.

Viele von uns leben in Teilwirklichkeiten, in denen sie keine Schnittmengen mehr zu anderen herzustellen bereit oder in der Lage sind. Wir sind es anscheinend gewöhnt, mit umfassender Bestätigung unseres direkten Umfelds unserem Tagewerk nachzugehen. In einem Debatten-Magazin wie The European wird dies deutlich: Mit Maximalbeschuss gehen sich Gläubige und Atheisten in den Kommentarspalten unserer Debatten-Beiträge an. An Militanz und Sendungsbewusstsein nehmen sich beide Seiten nichts. Die Befähigung, die Sichtweise des anderen mit Empathie zu lesen, ist erschreckend niedrig ausgeprägt, nicht nur in dieser Debatte.

Mit Verboten kommt man nicht zum Kern des Problems

Der Mut zum Bruch, zur Unstimmigkeit, die Bereitschaft, andere Meinungen auszuhalten, ist uns abhandengekommen. Wir diskutieren darüber, ob es heute noch „Neger“ in einem Kinderbuch heißen darf oder nicht. Wir diskutieren darüber, ob man „Elter“ sagt und nicht mehr „Vater“ und „Mutter“. Diese Debatten führen zum einen dazu, dass sich Mehrheiten eben von diesen Spezialfragen nicht repräsentiert fühlen, zum anderen, dass man mit Sprechverboten und Geboten dem eigentlichen Kern des Problems nicht nahe kommt.

Sprache ist Ausfluss von Denken und Bewusstsein. Ändert man die Sprache, ändert man auch die Grundlagen, die zu einer bestimmten Sprache führen.

Man muss es aber aushalten können, dass frühere Zeiten anders gesprochen und gedacht haben. Die Streichung von Begriffen aus historischen, geschichtlichen Kontexten ist deshalb nicht hilfreich. Ich würde ein Kinderbuch, das ein Gedankengut spiegelt, das ich verwerflich finde, meinen Patenkindern nicht schenken.

Manche Debatten tragen totalitäre Züge

Diese Debatte trifft nicht nur Kinderbücher, auch eine „Bibel in gerechter Sprache“ wurde erarbeitet, um mit den, aus heutiger Sicht, Ungerechtigkeiten der patriarchalischen Welt vor dreieinhalbtausend Jahren aufzuräumen. Es geht in beiden Beispielen nicht mehr darum, die Gegenwart zu gestalten und zu verändern, sondern darum, die Vergangenheit nach der eigenen Vorstellung umzudeuten und umzuschreiben. Nicht weniger machen und machten totalitäre Regime.

Es ist hart, dass manche unserer Debatten mittlerweile totalitäre Züge tragen. Sprache zementiert Herrschaft und versucht, ihre Strukturen zu legitimieren. Die Deutungskämpfe, die heute geführt werden, sind Machtkämpfe mit dem Ziel, einer bestimmten Sichtweise, der eigenen, eine ausschließliche Vorherrschaft zu verschaffen.

Deshalb blicken unsere Debatten auch grundsätzlich nicht nach vorne, in die Zukunft. Die Diskussion beispielsweise, die uns die Pegidas aufgenötigt haben, was denn nun genau das Abendland sei, ist eine vollständig in die Vergangenheit gedrehte, die uns von der wichtigen Frage, wie die Zukunft Deutschlands in Europa aussehen soll, völlig ablenkt.

Oder der Islam-Diskurs: Es ist vollkommen klar, dass der Islam mit der Geschichte Deutschlands nicht sehr viel zu tun hat, wohl aber in der Gegenwart eine Rolle spielt – und diese Rolle auch spielen darf und soll. Die Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff war daher vollkommen richtig, dass der Islam „inzwischen“, wie er sagte, zu Deutschland gehöre. Über die Vergangenheit wird keine Aussage getroffen, sondern es wird in die Zukunft geblickt.

Konsensbildung wurde verlernt

Die Vergangenheit ist gewesen, aus ihr kann man Schlüsse ziehen und lernen. Man kann nicht durch eine Umschreibung der Geschichte den eigenen Ideen in der Gegenwart zu einem Siegeszug verhelfen. Weil das nicht funktioniert, haben eben so viele Debatten heute mit der Gegenwart der Menschen nichts zu tun. Menschen glauben, diese Debatten werden, weil sie ja für sie keine echten Debatten sind, von „oben“ aufgenötigt und politisch gesteuert.

Unseren Debatten fehlt der Wille zum Gestalten, der Wille zur positiven Veränderung – ihnen geht es nicht um die Welt, wie sie ist, sondern so, wie sie sein sollte. Der Tugendterror hat in den vergangenen Jahren zugelegt, sein Sprachrohr sind verschiedene Interessengruppen, die sich berufen fühlen, aus der Sicherheit ihren jeweiligen Teilwirklichkeiten Maximalforderungen an die Gesamtheit zu stellen. Konsensbildung wurde hier vollkommen verlernt.

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