Wenn Gott stört

Alexander Görlach23.12.2014Gesellschaft & Kultur

Die Naturwissenschaften haben die Welt nahezu enträtselt. Am Glauben kommen wir trotzdem nicht vorbei.

Wie begründet man seinen Glauben? Gläubige haben Argumente. Eines davon lautet: „Alles um uns herum, die Welt, das Universum, ist so perfekt, dass das nicht aus Zufall entstanden sein kann.“ Auf Platon, Aristoteles und Thomas von Aquin greifen die zurück, die so sprechen. Dieses Argument kennen Christen wie Muslime. Die Welt um uns herum ist eine planvolle und bedarf deshalb eines Planers. Sie ist schön, deswegen bedarf sie eines guten Schöpfers.

Gläubige versuchen mit diesen Argumenten das Rationale mit dem Emotionalen, das Jetzige mit dem Überzeitlichen zu verbinden. Mit diesen Argumenten wird nach Legitimation für den Glauben gesucht. Im Widerstreit von Vernunft und Glaube wollte der Gläubige zumindest nicht unvernünftig dastehen. Um mehr ist es ihm erst einmal nicht gegangen.

Mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion ebenso wie mit der siegreichen Heimkehr Mohammeds nach Mekka tritt der Glaube aus seiner Nische und wird wirkmächtig in den Gesellschaften, die sich auf ihn berufen. Nun müssen die anderen belegen, warum sie dem Gott der Mehrheit nicht die Ehre erweisen.

Kein Platz für Wunder

Jetzt geht es nicht mehr um Glauben. Nun geht es um Zughörigkeit und Identität. Und da gibt es einfache Schemata, rechts-links, ja-nein, Orthodoxie gegen Häresie. In den Schreibstuben jener Reiche, der christlichen wie der islamischen, schrumpft der Schöpfer des Alls auf ein paar Merksätze zusammen, über die Gelehrte sich beugen, bestallt mit der Autorität und Macht, den ihnen anvertrauten Gläubigen in allen Lebenslagen Weisung geben zu können. Eine solche mechanische Welt ist eine administrative. Für Wunder bleibt kein Platz. Und selbst Gott stört. Mystiker, sowohl im Christentum als auch im Islam, sind keine gerne gesehenen Zeitgenossen. Erinnern sie doch daran, dass Gott stets größer ist als das kirchliche Lehramt oder eine anerkannte islamische Rechtsschule.

Die Konsequenz: Sie können in einer bestimmten religiös geprägten Umwelt leben, ohne religiös zu sein. Diese Schizophrenie tritt immer dann zutage, wenn wir das christliche Erbe Deutschlands und die bleibende Bedeutung der christlichen Werte für Europa betonen – bei gleichzeitig sich leerenden Kirchen. Denn beides ist wahr zur selben Zeit: Es gibt eine religiöse Prägung, Sozialisation und Identität, die für eine Mehrheit der Religionsangehörigen nicht spirituell sein muss, solange noch einige diese andere, spirituellen Seite der Religion für sich leben. Am Ende bewahren wenige Mystische den wahren Glauben in einer Kustode. Ihr Glaube ist rein und weit. Er hat nichts Trennendes und er kennt kein Urteil.

Glaube ist keine Wahrscheinlichkeitsrechnung

In eine religiöse Verwaltung passen Argumente, die in ihrer Gesamtheit Beweise, Gottesbeweise, genannt werden. „Das alles, die Welt, kann doch kein Zufall sein.“ Doch, das kann es. Diese Welt kann aus Zufall entstanden sein. Die Alternative des Glaubens, ein allmächtiger, allwissender und unsterblicher Gott, ist vor den Augen der Vernunft bei Weitem nicht plausibler. Wahre Gläubige benötigen diese Argumente nicht. Denn wenn es ihn gibt, dann ist Gott größer als diese Argumente.

Gott ist nicht das Puzzleteil, das für das Verständnis der Wirklichkeit noch fehlt. Die Naturwissenschaften haben die Welt enträtselt, was noch fehlt, wird bald kommen. Und dennoch kann man als Wissenschaftler gläubig sein, weil es dem Glauben um anderes geht als um Wahrscheinlichkeitsrechnung. Umgekehrt kann einer mit allen Aspekten des katholischen Glaubens vertraut sein, die Hierarchie der Kirche und die liturgischen Gepflogenheiten des Kirchenjahrs kennen und muss dennoch nicht an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth glauben.

Der Glaube kann nicht das Unbehagen daran verwalten, dass das Universum groß und wir klein sind. Er kann auch nicht Pate stehen, wie wir die Welt einteilen in gut und böse, die und wir, rechtgläubig und ungläubig.

Gott kann man sich nicht mit Aktenordnern und Schriftbeweisen nähern. Der Glaube ist nur dann Glaube, wenn er ohne solche Krücken auskommt. Gott lässt sich nicht beweisen, allerhöchstens bestaunen.

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