Worte kann man löschen, aber die Fakten bleiben bestehen. Ai Weiwei

Zielfragen

Der Streit um die Geschlechter ist die heftigste Debatte unserer Zeit. Aber wohin soll sie eigentlich führen?

Es gibt Debatten, da verliert sich die Spur dessen, was sie erreichen wollen im Nebel. So ist es auch mit der Geschlechter-Debatte. Wir sagen jetzt Bäckerinnen und Bäcker oder schreiben Bäcker_innen, aber mit welchem telos? Der griechische Begriff meint einen angestrebten Zustand und nicht etwa nur eine Ziellinie, die man um des Zieles willen als Erster überschreiten möchte. Die Frage bleibt deshalb im Wesen unbeantwortet: Wie sieht eine Gesellschaft aus, in der Mann und Frau gleichberechtigt miteinander leben?

Keine Kontroverse, die wir im Moment bei uns führen, wird so erbittert ausgetragen, wie die um die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Weil ihr das telos fehlt. Sollen Männer ihre ererbte und bislang bewahrte Macht mit den Frauen teilen oder soll das männliche Metrum der Macht durch das weibliche ersetzt werden? Man liest von verweichlichten Buben, die von ihren Erzieherinnen zu Mädchen domestiziert werden. Die Mädchen sind schneller im Lernen, auf die zurückfallenden Jungs scheint keiner richtig zu achten. Diese Beispiele zumindest deuten auf eine Umkehrung der Vorzeichen. Worin läge denn für uns Männer der Vorteil, unsere Herrschaft durch eine andere, die der Frau, ersetzt zu sehen?

„Frauen führen anders“ wird in der Diskussion um die Quote als möglicher Grund genannt. Wirklich? Ein echter Beleg für diese Behauptung steht aus. Gender-Feinde nehmen ihrerseits die Biologie in Haftung: männliche und weibliche Körper seien verschieden. Aus diesem natürlichen Umstand leiten sie verschiedene gesellschaftliche Rollen für Mann und Frau ab. Auch dieses Argument ist nicht valide.

Die Natur ist der Feind

Wir sprechen, wenn wir von Rollenbildern sprechen – da hat die Genderforschung recht – von gesellschaftlichen Konstrukten. Diese dienen, das hat Foucault richtig freigelegt, zur Herrschaftsbildung und zum Machterhalt. Die Sprache ist der Hebel, mit dem die Herrschaftsausübung zementiert wird.

Aber war es je anders? Haben wir wirklich einmal in einem Garten-Eden-Natur-Zustand gelebt, nackt und ohne gesellschaftliche Konventionen? Der Rückgriff auf die Natur, auf die Evolution, ist ein Fehlgriff. Wir mögen die Knochen unserer historischen Vorfahren ausgraben, aber wie sie sich in ihren Gemeinschaften begegnet sind, darüber wissen wir wenig. Und wüssten wir es: Wir müssten es ihnen nicht gleichtun. In der Konsequenz heißt das: Unser Körper und unser Benehmen haben nichts miteinander zu tun.

Die Natur ist vielmehr der Feind, die Archaik, in der das Recht des Stärkeren gilt, in der die Frau ein Teil des männlichen Besitzes ist, aus einer primitiven Logik heraus: Der Mann schützt die Frau und wenn er es nicht mehr kann, werden sie und ihre Kinder – am Ende vielleicht sogar er – versklavt. Diese Archaik ist noch heute in vielen Weltgegenden das bestimmende Metrum. Dem setzt der entwickelte Mensch nichts weniger als die Kultur entgegen.

Sie ist der Versuch, mittels gesellschaftlicher Konstrukte Frauen zu ehren und Männern Respekt zu erweisen und umgekehrt. In diesem Miteinander der Geschlechter nimmt die Balz einen eigenen Platz ein. Dort, genauso wie im anschließenden Geschlechtsverkehr, mischen sich, dosiert, archaische Elemente in die Kultur. Der Reiz ihrer Verwendung besteht im Wissen um die Kühnheit, die Kultur für einen Moment und in einem dafür vorgesehenen, geschützten Raum vergessen und das Animalische re-animieren zu dürfen.

Unser telos: diese Kultur gegen Gender-Krieger und Biologie-Fanatiker verteidigen.

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2015.

Darin geht es u.a. um Emanzipation: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt.

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Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

Zudem: Drei Gedanken, die 2015 unseren Wohlstand retten. Ein Königshaus für Europa. Warum Armen und Reichen Deutschland scheißegal ist. Haltung in der Politik. Dazu Gespräche mit Jeffrey Sachs, Petra Pau, Jeremy Rifkin

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