Türkei: Die Saat des rechten Islamisten Erdogan | The European

Im religiösen Taumel

Alexander Görlach30.11.2014Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Recep Tayyip Erdoğan hat den türkischen Islam verändert. Das beeinflusst auch türkischstämmige Menschen, die hierzulande leben. Wir müssen uns fragen: Soll dieser Islam zu Deutschland gehören?

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Getty Images

Wenn ein Islam zu Deutschland gehört, dann ist es der Islam türkischer Prägung. Über drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland. Die meisten von ihnen sind sunnitische Muslime. Papst Franziskus besucht die Türkei, das Land, dem die allermeisten Türken, die hier leben, auf verschiedene Weise verbunden sind, und illustriert damit die Kehrseite, des Islam-Diktums: Das Christentum gehört zur Türkei.

Dabei gibt es einen Unterschied: In der Türkei gehört das Christentum zur Tradition, zur Vergangenheit, in Deutschland gehört der Islam zur Zukunft. Leben in der Türkei ein Prozent Nicht-Muslime, wächst die Zahl der Menschen islamischen Glaubens in Deutschland. Wenn wir sagen, ein Islam türkischer Prägung gehört zu Deutschland, dann ist es entscheidend zu präzisieren, was das heißt. Denn ein Islam türkischer Prägung ist kein Monolith. Seit dem Beginn der Arbeitsmigration in den frühen 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat er sich verändert und damit auch die Art des Einflusses, den er auf die türkischstämmigen Menschen, die in Deutschland leben, hat.

Für Erdoğan ist ein Türke ein Muslim

Dabei prägte die laizistische Tradition, die in der türkischen Republik bis zu Beginn des Jahrhunderts wirkmächtig war, auch die türkischen Gastarbeiter. Viele von ihnen waren in der Intensität der Religiosität wenig verschieden von ihren christlichen, deutschen Nachbarn. So, wie es ein Kultur-Christentum gab, gab es auch einen Kultur-Islam. Der Vorsatz „Kultur“- heißt in knapper Form, dass die Angehörigen einer Religion sich mit dieser über verschiedene soziale und kulturelle Aspekte verbunden fühlen, ohne für sich daraus gleichzeitig den Anspruch abzuleiten, diese Religion auch praktizieren zu müssen. Daran hat sich bis heute, wenn man auf die Muslime in Deutschland insgesamt schaut, nicht viel verändert: Um die 20 Prozent von ihnen nehmen an den wöchentlichen Freitagsgebeten teil. Der Anteil der Katholiken, die die Sonntagsmesse besuchen, liegt mit 15 Prozent mit einem gewissen Abstand darunter.

Konflikte zwischen Religion und Staat waren der laizistischen Republik nicht fremd: Schon wenige Jahre nach Gründung wurde der Gebetsruf, der auf Türkisch gesungen wurde, wieder auf Arabisch vorgetragen. Der Druck der Gläubigen angesichts dieser aus ihrer Sicht nicht hinnehmbaren Maßnahme war zu groß auf die Politik. Atatürks Versuch, die Religion ganz zurückzudrängen, ist ihm wie vielen anderen nicht gelungen.

Die Koordinaten im Staat-Moschee-Verhältnis haben sich mit Herrn Erdoğan aber in einer solchen Weise verschoben, wie es sich das laizistische Establishment noch vor einer Generation nicht hat träumen lassen. Republikgründer Mustafa Atatürk wollte den Islam einhegen und unter staatliche Kontrolle bringen. Den Einfluss der Religion hielt er für schädlich. Alle Politiker, die nach Atatürk gekommen sind, mussten sich als Muslime und Politiker positionieren: „Wie hältst du’s mit der Religion?“

Goethe, den man heute sicher als „Islam-Versteher“ schmähen würde, hat diese Frage nicht nur den Christen seiner Zeit gestellt. Als einer der Connaisseure des Islam zu seiner Zeit scheint es fast unmöglich, dass er in dieser Frage nur die christliche Religion gemeint haben könnte. Wie Herr Erdoğan es mit der Religion hält, ist klar: Sie ist für ihn das entscheidende Moment des Türkentums. Ein Türke ist Muslim, mehr noch, er ist ein frommer Muslim. Welche Frömmigkeit, das regelt der Regierungschef. Unser Mann in Ankara weiß, wie viele Kinder eine muslimische Frau gebären müsse und dass Homosexualität unislamisch sei.

Erdoğan nimmt sich Beispiel an Putin

Hat sich Herr Erdoğan als Ministerpräsident immer wieder als ein Verfechter der Religionsfreiheit nach westlichem Vorbild zu positionieren gesucht, wissen wir heute, ein Jahrzehnt nach seinem Eintritt in die höchsten politischen Ämter der Türkei, dass ihn die Religionsfreiheit für Nicht-Sunniten nicht kümmert. Eine „türkisch-islamische Synthese“, ein fest stehender Begriff, haben schon andere Politiker vor Erdoğan im Auge gehabt.

Doch der ehemals bekennende Islamist möchte mehr: Der neue Palast, den sich Präsident Erdoğan ins Naturschutzgebiet gestellt hat, ist Stein gewordenes Zeugnis für ein neues Herrschaftsverständnis, das an die Glorie des Osmanischen Reiches anknüpfen und Thron und Altar, wie Europäer das nennen würden, nicht nur gleichberechtigt nebeneinander stellt, sondern in der Autorität einer Person verknüpft. Der Cäsaropapismus, ein gar alter Begriff aus den Tiefen der Geschichte, wird in diesem Mann, in Recep Tayyip Erdoğan, manifest. So sieht er sich.

Dabei nimmt sich Herr Erdoğan zweifellos ein Beispiel an Wladimir Putin, der überhaupt gar keine Scham hat, das Christentum für seine politischen Zwecke auszuschlachten und zu benutzen. Der Patriarch von Moskau zeigt keine Anstalten, sich dem Jesus-Wort gemäß von den Herrschenden dieser Welt zu distanzieren, sondern befindet sich in Dauer-Proskynese vor dem Putin-Erlöser, der seiner Kirche nach kommunistischer Gewalt- und Schreckensherrschaft wieder ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Russland gewährt hat. Irgendwann vielleicht wird Herr Putin den weihrauchschwangeren Chormantel, mit dem er sich umgibt, wegwerfen wie ein benutztes Kondom. Bis es so weit ist, kann sich der Patriarch von Moskau in dem Glauben wähnen, in einem christlichen Reich zu leben. Dabei huldigt und dient der Patriarch ebenso wie viele (nicht alle) Russen einem Helden, der mit Jesus Christus so viel gemeinsam hat wie Fidel Castro mit Warren Buffet.

Wie es einem Patriarchen ergeht, dem der politische Wind nicht günstig ist, kann der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel (heute Istanbul) sehr gut beurteilen. Sein Domizil im Istanbuler Stadtteil Fener, weit weg von der Hagia Sophia, ist umstellt von türkischen Nationalisten, die ihren deutschen Counterparts in nichts nachstehen, wenn es darum geht, einer anderen Religion als der eigenen einen Fußbreit Relevanz zuzugestehen. Die Saat des Rechten Erdoğan ist schon aufgegangen.

Die Türkei ist der große Verlierer

Wenn eine bestimmte islamische oder christliche Orthodoxie zum Teil der nationalen Erzählung gemacht wird, dann bedeutet es für viele Menschen zumindest einmal die Einengung der persönlichen Freiheiten, sicher bedeutet es für etliche mehr noch: Diskriminierung, die in Russland und der Türkei zu Haftstrafen führen kann. Religiöses Bekenntnis oder sexuelle Orientierung beispielsweise, die nicht zu der Erzählung passen, werden dämonisiert. So wird an der konstanten Erweiterung des Macht- und Einflussbereichs gearbeitet: Den Russen wurde das Erzählen von Mutter-Witzen verboten und die Welt hat jüngst aus dem Munde Erdoğan s erfahren, dass Muslime Amerika entdeckt haben.

Die Türkei ist unter Erdoğan der große Verlierer auf globalem Parkett: Eine unberechenbare Führung im Taumel religiöser Erweckung und in dem Glauben, der Führer der islamischen Welt zu sein – das hat der Welt, der islamischen genauso wie der christlichen, gerade noch gefehlt.

Soll dieser Islam künftig zu Deutschland gehören – wöchentlich vom türkischen Religionsministerium in Predigten herüber nach Deutschland telegrafiert und in den Freitagsgebeten verlesen? Das Königreich Granada jedenfalls, das Muslime und Christen gleichermaßen als salomonische Heimstatt religiösen Ausgleichs und von Toleranz verehren, hatte seine größte Blütezeit, nachdem es sich von den Einflüssen seiner Herkunft gelöst hatte.

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