„Ich geh' mit meiner Laterne“

von Alexander Görlach7.11.2014Gesellschaft & Kultur

Religiöse Bräuche wie den Martinsumzug wollen manche unter dem Vorwand des Säkularen verbieten. Dabei führen sie Anderes, Arges im Schilde!

Unser Staat mag säkular sein, seine Bürger sind es nicht: Sie glauben, und das nicht zu knapp, an Dinge jenseits dieses _saeculum_: an Engel, an eine vegane Ernährung, an Yoga, an Jesus Christus. An manchen Tagen glauben sie, an anderen nicht. Der Mensch ist nicht nur in religiösen Dingen ein Hybrid. Er bleibt sich selbst ein Rätsel und ist damit selbst immer wieder Einfallstor für nicht-rationale Erklärungen für seine Existenz, für die Entscheidungen, die er trifft, wer er ist. Das ist eine Seins-Aussage, keine Sollens-Aussage. Die Welt ist, um es mit den Worten von Ludwig Wittgenstein zu sagen, das, was der Fall ist.

Als wandelndes Paradoxon reflektiert der Mensch sich selbst und sein Tun, der Anfang jeder Kulturleistung in Literatur, Malerei, Architektur und Musik. Und indem er ein Hybrid ist, mag er zur selben Zeit die Errungenschaften der Aufklärung verkörpern und am 11. November zu einem Sankt-Martins-Umzug gehen. Wir haben als Kinder für diesen Tag Laternen gebastelt, die wir voll Stolz vorzeigten. Später waren es dann Fackeln, die wir in der Hand, die zu unserem pubertierenden Körper gehörte, trugen. Wir sangen die Lieder, die auch heute noch gesungen werden. Begleitet wurden wir von einer berittenen, römisch uniformierten Gestalt, die am Ende des Zuges, spektakulär auf dem Platz vor dem Gotteshaus des Dorfes, den Mantel mit einer armen Gestalt, die am Boden kauerte, teilte.

Die Mitleidstat des heiligen Mannes aus Tours, die nun schlanke 1700 Jahr zurückliegt, bewegt heute noch im November Tausende Menschen, in der Kälte durch die Straßen zu ziehen. Wenn man ein Beispiel für eine Kulturleistung sehen will: bitte, das ist eine! Dem Nationalpatron Frankreichs, dem im Südwesten Deutschlands, das eine gewisse historisch gewachsene Verbindung zum Nachbarland hat, unzählige Kirchen, Kapellen und ganze Städte anvertraut sind, ist eine Person, dessen Tat beispielgebend für eine Milde gegenüber anderen, hilfsbedürftigen Menschen ist. Jede Zeit hat solche Zeugen nötig, auch unser _saeculum_, unser Zeitalter, hat sie nötig. Beklagen wir nicht den Verlust des Mitgefühls? Dann lasst uns am Licht des Martinstages wärmen und was ändern.

Im Namen der Säkularität darauf zu pochen, diese öffentlichen Umzüge künftig sein lassen zu müssen, ist das Fanal eines anti-kulturellen, eines anti-geschichtlichen Bildes vom Menschen. So etwas kann nur von Leuten vorgetragen werden, die selber ein anti-geschichtliches Bild von der Welt haben. Das sind, wenn wir in die Geschichte schauen, fast immer gefährliche Demagogen und Umstürzler, die eine Umwertung aller Werte im Schilde führen – eine Umwertung in ihrem Sinne natürlich und die damit auf alles vom Menschen selbst Hervorgebrachte und Gepflegte voll Abscheu herabschauen.

Sie können es nicht ertragen, dass das Gewachsene sich bedächtig, ruhevoll mäandernd im Laufe der Zeit verändern mag oder auch nicht, sondern sie wollen durch Feuer und Schwert, mit Macht, den Bruch zum Bestehenden, um unser _saeculum_ in ihren Himmel zu verwandeln.

Eine Aufforderung, Weihnachtsmärkte nicht mehr Weihnachtsmärkte zu nennen, ist eine groteske, DDR-eske Vernichtungsstrategie gegen das Christentum. In der Ost-Zone hieß der Osterhase ja auch (wenn ich es richtig zusammenbringe) Frühjahrsschokoladenhohlkörper. Martinsumzüge jetzt Licht-Zug oder so nennen zu wollen – dagegen kann nicht genügend rebelliert werden, bevor es zu spät ist und unser Horizont keine Facetten mehr, sondern nur noch einen Einheitston kennt.

Noch werden nur rhetorische Keulen geschwungen. So argumentieren manche Feinde der Kultur, dass das die Muslime beleidigen könnte, wenn ihre Kinder bspw. in christlichen Kindergärten etwas vom Leben des heiligen Martin lernen könnten. Das sehe ich gar nicht, denn die meisten Muslime sehen in einem öffentlichen Display von kein Problem, ziehen sie doch hierzulande eine wertebasierte, religiös konnotierte Erziehung ihrer Kinder in einem christlichen Kontext einer komplett gottlosen Erziehung meilenweit vor.

Auch bei den Muslimen gibt es übrigens einen rechten Rand, so wie bei uns Christen auch. Wir schämen uns für deren Palaver, die Muslime sich für ihre Ewiggestrigen. Das heißt: Wer von einem ausschließlich christlichen Europa faselt, ist genauso ein Ideologe wie der Muslim, der fordert, alles un-islamische zu entfernen, damit Muslime ungestört ihren Glauben leben könnten.

Die Radikalen jeder Religion argumentieren un-historisch, indem sie sich in ein Goldenes Zeitalter wünschen, das sie sich imaginieren und das es so in dieser Weise nie gegeben haben dürfte. Mehr noch: Die Konservierung eines bestimmten Zustands für alle Zeiten ist so unmenschlich, dass jede Durchsetzung dieser Behauptung nur mit Waffengewalt, Repression und Folter zu haben ist. Das war in der christlichen Geschichte so, das ist in der islamischen Welt heute ein Teil der Gegenwart – und auch der Atheismus hat schon sein Scherflein beigetragen.

Wir begegnen dem nur, indem wir als Christen bei unseren Nachbarn beim Opferfest vorbeischauen und unsere muslimischen Nachbarn mit zum Martinsumzug kommen. Und Atheisten müssen sich nicht schämen, wenn sie an Heiligabend ein „Oh, du fröhliche“ unterm Tannenbaum schmettern.

Unsere Schreier gegen die Religion fassen Säkularismus als Uniformismus. Aber das stimmt ja noch nicht einmal für die politische Sphäre unseres Gemeinwesens. Auch hier gilt: der Mensch ist ein Hybrid. So gibt es CDU-Politiker, die, je nach Thema, auch einmal mit Grünen oder Sozialdemokraten einer Meinung sein können und umgekehrt. Unsere res publica ist kein monolithisches Gebilde. Zumindest solange wir von keiner Einheitspartei regiert werden.

Unser Zeitalter streitet, wie alle vor ihm, über das Verhältnis der zeitlichen und der ewigen Güter. Das müssen wir allesamt, die Gläubigen, Verschiedengläubigen und die Ungläubigen, miteinander geduldig aushalten. Der heidnische römische Soldat, der sich bekehrte und Eremit wurde und zum Lieblingsbischof der Menschen von Tours avancierte, der heilige Martin, war nicht, wenige Schlagworte, die sein Leben beschreiben, belegen dies, weniger hybride als wir. Die Suche des Menschen nach Antworten fällt nur bei Radikalen linear einfach aus. Alle anderen formten und formen in diesem Fragen unsere Kultur, ungeachtet der Tatsache, dass es auf dieses Suchen im _saeculum_ keine abschließende Antwort geben wird.

„Im Schnee da saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an. ,Oh helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bitt’re Frost mein Tod!‘ Sankt Martin zieht die Zügel an, das Ross steht still beim armen Mann. Sankt Martin mit dem Schwerte teilt, den warmen Mantel unverweilt.“ Jetzt, wo die kalte Jahreszeit beginnt, ist jedem armen Menschen, der auf der Straße leben muss, zu wünschen, dass die Geschichte vom heiligen Martin auch heute noch viele Menschen anrührt.

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