Alles andere als egal

von Alexander Görlach17.10.2014Gesellschaft & Kultur

Sollte die katholische Kirche es zur Pflicht des Christenmenschen machen, Homosexuelle, Geschiedene und uneheliche Kinder nicht zu diskriminieren, ist das ein ganz großer Schritt nach vorn.

„Yes means Yes“. Das neue Verfahren aus dem US-Bundesstaat Kalifornien wird das Ausleben von Sexualität an den Universitäten neu regeln. Ursache für die Novelle waren sexuelle Übergriffe verschiedenster Art von jungen Männern auf Studentinnen. Meist ist es bei solchen Attacken spät in der Nacht und es ist viel Alkohol ist im Spiel.

Wer sich auf dem Campus künftig sexuell betätigen möchte, der muss beim Übergang vom Küssen zum Petting, vom Petting zum Geschlechtsverkehr, vom Vaginal- zum Analverkehr das explizite Ja des weiblichen Beischlafbeteiligten einholen. Wie diese Vorgabe praktikabel gemacht werden könne, das beschäftigt derzeit ganze Amerika: So könne, sagen einige, das näher Heranrücken der Frau an den Mann nach dem Küssen als „Ja“ und somit Genehmigung für das beginnende Petting betrachtet werden. Anderen ist dieses Vorgehen zu lax; sie fordern vielmehr eine Bestätigung expressis verbis an den Übergängen des Sexuellen.

Alles Sexuelle wird tabuisiert

Wenn man mit Europäern hier über dieses Thema spricht, ergibt sich eine Interpretationslinie dieser „Yes means Yes“-Debatte: In einem Umfeld, in dem ab den Jahren der Unterscheidung Eltern die Brauen hochziehen, wenn ein Junge angibt eine beste Freundin zu haben (oder umgekehrt), in einer Gesellschaft, in der mit den Händen gestikulierende Männer mit eng übereinander geschlagenen Beinen und Schal als schwul gelten, da ist klar, dass Sexualität und Rollenverständnis nicht eingeübt, sondern unter den Teppich gekehrt werden. Alles Sexuelle wird tabuisiert, die Jugendlichen erlernen keinen natürlichen Umgang mit sich selbst und mit dem anderen Geschlecht. Sobald man dann endlich von zu Hause weg ist, gilt es zu beweisen, dass man ein Mann ist.

Im Vatikan tagte die Familiensynode der Bischöfe. Auch dort wurde über sexuelle Praxis gesprochen, in der Weise wie US-amerikanische Universitätsrektoren dieser Tage über das Thema sprechen: mit Pinzette in der behandschuhten Hand. Homosexualität an sich und für sich ist eine Veranlagung. Das Ausleben der Veranlagung ist nicht vorgesehen. Die Pille als Form der Familienplanung ist wie andere Formen der Empfängnisverhütung – nicht vorgesehen. Eine Ehescheidung und anschließende zivile Wiederverheiratung ist – nicht vorgesehen. Gleichwohl ist den Bischöfen bekannt, dass es Verhütung, Familienplanung, Scheidung und Homosexualität gibt. In der sprachlichen Aneignung dieser Themen herrscht aber hingegen klinische, antibakterielle Reinheit.

Sexualität hat Kraft

Die Bischöfe und die Universitäts-Rektoren wissen irgendwie, dass es da draußen Sexualität gibt. Es muss nur irgendwo ganz weit weg sein, also richtig weit, da, wo die Osterinseln sind in etwa, ungefähr. Ich möchte weder die Bischöfe noch die Universitätsrektoren lächerlich machen. Ich möchte nur versuchen zu verstehen, wieso die einen über etwas, was vielen anderen sehr natürlich zueignet, reden wie unsere Vorfahren über die sprichwörtlichen böhmischen Dörfer. Das Beispiel aus den USA verhindert, dass man in das bekannte Fahrwasser der Verbalhornung des katholischen Klerus gerät.

Wie aufgeklärt sind denn unsere Jugendlichen? Aus Deutschland wissen wir, dass Aids-Prävention vor einigen Jahren wieder bei null angefangen hat. Auch bei uns gibt es Milieus, die nicht zwingend durch Kirchennähe auffallen müssen, in denen Mädchen schwanger werden und es bis zum Tag der Entbindung keinem auffallen will.

Sexualität hat nicht nur eine sichtbare, nach außen gewandte, laszive, natürliche Seite, sondern auch eine Kraft, die sie stets ins verborgene Ziehen kann, in das Umfeld des körperlich Unreinen, des Nicht-Heldenhaften, des Anfälligen. Sexualität ist auch in säkularen Kontexten mit vielen Tabus behaftet.

Nur in Deutschland piefig

Wenn Frauen Blutungen haben, gelten sie in bestimmten Kulturen als unrein. Ein heiliges Buch darf von dem Mann nicht gelesen werden, der kurz zuvor Geschlechtsverkehr hatte. Die Masturbation wird als unreines Tun verstanden. Die kultische Thematisierung des Sexuellen ist die bekannteste aller Spielarten dieses Umgangs mit Sexualität und in vielen Religionen zu hause. Über die Religionen bahnt sich das Tabu seinen Weg in die zivilen Gepflogenheiten.

Ehescheidungen, Seitensprünge, ein uneheliches Kind zu sein, homosexuell zu sein – das sind nur einige Beispiele, die damals wie heute, abhängig davon, wo man lebt, als Abnorm betrachtet werden und die in handfeste soziale Diskriminierung führen können. Es ist daher, um hier explizit David Berger zu widersprechen,

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