Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

Die Bürde der Würde

Alexander Wallaschs Replik auf meine letzte Kolumne greift zu kurz. Natürlich haben Frauen ein Selbstbestimmungsrecht, doch die Zuerkennung von Würde darf nicht Aufgabe der Medizin sein.

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Mit Interesse habe ich beide Erwiderungen auf meine Kolumne zum Thema „Wert des Lebens“ gelesen. Dabei hat Alexander Wallasch eine allgemeine Betrachtung zur Würde der Frau und ihrer Selbstbestimmung verfasst und Heinrich Schmitz auf die Stellung des Lebensschutzes im Grundgesetz abgestellt.

So grundlegend die Äußerungen von Alexander Wallasch sind, so wenig haben sie mit meinem Text zu tun. Denn mein Meinungsbeitrag hat dieses Selbstbestimmungsrecht niemals in Frage gestellt. Ich habe auch nie behauptet, dass Frauen Gebärmaschinen seien. Ganz im Gegenteil: Ziel des Textes war es, gegen eine zunehmende Verdinglichung des Menschen anzuschreiben.

Wann entsteht Leben?

Die Liebe zwischen Mann und Frau ist nicht dann erst echte Liebe, wenn sie Leben hervorbringt. Wir hatten diese Diskussion im Zusammenhang mit der Debatte über den „Wert“ kinderloser Partnerschaften. Genauso wenig ist eine Frau erst dann etwas wert, eine „volle Frau“ sozusagen, wenn sie möglichst viele Kinder geboren hat. Wert wird dem menschlichen Leben zugeschrieben, in dem es menschlich ist. Daran sind keine Bedingungen gebunden. Als Mensch ist der Mensch ein Mensch. Er muss darüber hinaus nicht noch etwas leisten, um Mensch sein zu dürfen.

Und er muss im Laufe seines Lebens nichts leisten, um Mensch bleiben zu dürfen. Wer temporär krank ist oder wer gar dauerhaft krank bleibt, wer behindert geboren wird oder im Laufe eines Lebens behindert wird, wer im Alter pflegebedürftig und/oder dement wird: alle diese Menschen bleiben die Menschen, die sie waren. Die sie waren von dem Moment an, als sie wurden. Und die sie sein werden, bis sie den letzten Atemzug tun.

Und somit muss der Lebensschutz sich auch auf die Phase ausdehnen, in denen der Mensch noch nicht erkennbar, noch nicht sichtbar Mensch, sondern im Werden ist. Keine Phase unseres Lebens darf von Dritten als „lebensunwert“ bezeichnet werden.

Menschliches Leben hat eine Würde von Anfang an bis zu seinem Ende. Über den Anfang dieses Lebens und sein Ende gibt es große, ehrliche Debatten: Ist ein hirntoter Mensch wirklich tot? Entsteht Leben bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle? Oder bei der Nidation? Mit wachsender, beziehungsweise sich ändernder medizinischer Erkenntnis mögen sich viele Antworten auf diese Fragen modifizieren.

Die Zuerkennung von Würde ist aber keine Aufgabe der Medizin. Die Zuerkennung ist die Setzung, die eine humanistische Gesellschaft aus sich heraus und für sich trifft. Die Gesellschaft wird erst dann humanistisch, wenn sie die verborgene Würde jeder menschlichen Kreatur erkennt, aufdeckt und ins Licht rückt.

Dass das Menschliche des Menschen so im Mittelpunkt steht, ist auch unbequem. Für alle Beteiligten. Das Humane am Menschen, sein unverwechselbarer Kern, seine individuelle autonome Würde ist eine Herausforderung: Quengelnde Kinder, verstockte Greise – nicht nur in Ausnahmezuständen menschlicher Existenz zeigt sich das herausfordernde daran, den Menschen als Menschen in den Mittelpunkt zu rücken.

Kinder dürfen heute nicht mehr verprügelt werden. Alte werden nicht an der Autobahn ausgesetzt. Wir haben aufgeschriebene Gesetze und Codizes des Handelns, die uns aufzeigen, dass der Mensch Mensch ist und die uns die Grenze setzen zwischen der eigenen Würde des Menschen und der Würde des Anderen.

Die Würde des Menschen wird für den Menschen selbst auch zur Bürde: Wie ehrlich ist das Ringen von Schwerstkranken, die für sich entscheiden, dass sie ihr Leben beenden möchten. Daran gibt es auch nichts zu deuteln und zu rütteln, dieses Recht hat der Mensch über sein eigenes Leben. Eine Kommerzialisierung dieser Angst jedoch und eine Marginalisierung derer, die auch im Angesicht bittersten Leidens gegen eine Trivialisierung der Menschenwürde anzuargumentieren, darf damit aber nicht einhergehen.

Genauso ist es mit dem Lebensanfang: Eltern, die gesunde Kinder haben, sind mehr als froh, dass sie nicht vor die Entscheidung gestellt wurden, ob sie ein behindertes Kind zur Welt bringen wollen oder nicht. Ein Urteil darüber steht uns, den anderen, nicht zu. Es kann auch mit dem Glauben an ebendiese Würde des Menschen begründet werden, einem werdenden Geschöpf ein Leben in dauerhafter Qual nicht zumuten zu wollen.

Wer auch immer, wann auch immer, am Lebensanfang oder am Ende, über Sein, Nicht-Sein oder Weiter-Sein entscheiden muss, ist nicht zu beneiden. Das Umfeld, in dem diese Entscheidungen getroffen werden, muss ein zutiefst Humanistisches sein. Ein Umfeld, in dem letztendlich auch das Weiterleben derer, die sich entscheiden mussten und sich entschieden haben, garantiert ist. Eine Gesellschaft, die diesen Namen verdient, muss das Leben in seiner unverstellten, nicht kommerzialisierten, reinen Würde bewahren und herausstellen.

Die Würde des Menschen ist immer eine Herausforderung.

In diesem Sinne bin ich Heinrich Schmitz dankbar für seinen Verweis auf das Grundgesetz, das die menschliche Würde genauso fasst. Dabei erfindet, schöpft, das Grundgesetz ja nicht aus dem Nichts, sondern knüpft an die humanistische und christliche Denktradition des Abendlands an. Darin weiß sich diese Tradition des Okzident verbunden mit anderen kulturellen Traditionen, die den Wert des Menschen reflektieren und die Anthropologie als wesentlichen Bestandteil ihrer Philosophie und Theologie fassen.

Die Würde des menschlichen Lebens in all seinen Stadien eine Herausforderung. Nur wenn sie gemeistert wird, wird eine Generation von ihren Nachkommen als wahrhaft menschliche bezeichnet werden. Nur wer nicht auf die Zukunft schauen muss, kann sich aus der Schlinge dieser Verantwortung winden: Die, denen der Konsum heute wichtig ist. Die, für die der Profit heute wichtig ist. Die, für die ein Star-Sein heute wichtig ist.

Die Durch-Ökonomisierung des Menschen, die Plattitüden, denen er sich durch diese Widersacher aus dem Hier und Jetzt ausgesetzt sieht, wenn es um ihn selber geht, werden, auch das habe ich in meiner Kolumne geschrieben, nur bekämpft werden können, wenn sich eine breite Allianz aus humanistisch gesinnten Menschen zusammenfindet.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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